Vorkommen von Übergewicht [
Übergewicht tritt gehäuft in industrialisierten Ländern auf, wo nur noch wenige Menschen harte körperliche Arbeit verrichten und Nahrung im Überfluss vorhanden ist.
In den Industriestaaten ist
Übergewicht weit verbreitet und wird dabei aufgrund des modernen Schlankheitsideals als unästhetisch empfunden.
Die höchsten Zuwachsraten Übergewichtiger an der Gesamtbevölkerung, insbesondere jugendlicher Übergewichtiger in der Altersgruppe, werden jedoch nicht in den gewachsenen Industrienationen erreicht, sondern in den Schwellenländern. Demzufolge ist zu vermuten, dass die globale Übergewichtsexplosion erst noch der nächsten Generation vorbehalten ist.
Zum Vorkommen der Übergewichtigkeit selber (
Prävalenz) gibt es nach Aussage des
Robert-Koch-Institutes (RKI) in Deutschland nur während des Zeitraumes von 1984–1998 Daten, die auf körperlichen Untersuchungen basieren; neuere Daten wurden in Telefonumfragen (Gesundheitsmonitor der Bertelsmanns-Stiftung und eigene Umfragen) gewonnen
[3].
Bei allen folgenden Daten wird der Anteil der Adipositas zum
Übergewicht hinzugerechnet; wenn also der Anteil des Übergewichts mit 20% angegeben ist und die der Adipositas mit 5%, dann haben 20%-5% = 15% der Leute einen BMI von 25-30.
Laut der Messdaten, die auf den Werten des Bundesgesundheits-Surveys 1998 und den Surveys der Deutschen Herzkreislaufstudie (DHP) erhoben worden sind, ist ein Anstieg der Übergewichtigen hauptsächlich in der Altersgruppe der 25–34 Jahre alten Probanden sowohl männlichen als auch weiblichen Geschlechtes festzustellen. Im Zeitraum 1984–1998 stieg der Anteil in beiden Geschlechtern um jeweils etwa 7% an. Alle anderen Altersgruppen blieben relativ stabil.
Nach den Daten des Telefonischen Gesundheitssurveys 2003
[4] liegt der Anteil der deutschen Erwachsenen mit einem BMI größer als 25 (30) kg/m² insgesamt bei 66,9% (17,1%) für Männer und 55,7% (19,0%) für Frauen. Im Durchschnitt sind somit 58,8% (18,1%) aller deutschen Erwachsenen übergewichtig bzw. adipös.
AltersgruppenMännerFrauenBMI25-30> 3025-30> 3018-2928,93,716,24,030-3946,413,926,411,040-4953,119,932,315,350-5953,225,342,025,460-6962,122,846,333,0>= 7058,222,845,732,2Auffällig ist auch die Abhängigkeit des BMI vom Bildungsgrad: Hauptschulabsolventen, insbesondere Frauen, weisen in erheblich höherem Maße einen BMI von über 30 auf.
SchulbildungMännerFrauenBMI25-30> 3025-30> 30Hauptschule51,724,340,931,4Mittlere Reife48,816,734,217,3Abitur48,911,928,110,1Die
Süddeutsche Zeitung erregte im Artikel vom 20. April 2007 Aufsehen mit der Behauptung, dass die deutsche Bevölkerung in der EU eine führende Rolle beim
Übergewicht einnimmt. Die Daten basierten auf einer Zusammenstellung verschiedener Datenquellen, die von der
International Association for the Study of Obesity am 23. April 2007 veröffentlicht wurden
[5]. Diese Daten weisen jedoch erhebliche Defizite auf und sind zum quantitativen Vergleich der europäischen Länder ungeeignet. Daten aus der Schweiz, Ungarn und Slowakien stammen von 1992, während die Daten aus Frankreich und Österreich von 2005/2006 stammen. Es gibt keine einheitlichen Erhebungsmethoden, die Daten sind nach eigenen Angaben der Zusammenstellung nicht altersstandardisiert und die Quelle der Daten ist nicht angegeben. Die angegebenen deutschen Daten stimmen nicht mit den Daten des RKI aus dem selben Zeitraum (2003) überein: sie wurden laut den Angaben des RKI für die Bevölkerungsgruppe der über 25-Jährigen entnommen. Durch ein Weglassen der 18- bis 25-Jährigen mit einem wesentlich geringerem Anteil von
Übergewicht wird die Angabe um etwa 9% bzw. 3% massiv verfälscht (75,4% anstatt 66,9% und 58,9% anstatt 55,7%).
Übergewicht bei Kindern
Das
Robert-Koch-Institut hat von 2003 bis 2006 die Studie
Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (
KiGGS) zur Untersuchung des Gesundheitszustandes von Kindern und Jugendlichen durchgeführt
[6]. Aufgrund der kindesspezifischen Altersentwicklung und der damit erzwungenen Variabilität des BMI wurde
Übergewicht als das Überschreiten des 90.
Perzentils und Adipositas als das Überschreiten des 97. Perzentils definiert. Nach dieser Definition sind 15,0% der Kinder in Deutschland im Alter von 3-17 Jahren übergewichtig und 6,3% leiden an Adipositas. Insgesamt hat sich der Anteil übergewichtiger Jugendlicher (14-17 Jahre) zu Kleinkindern (3-6 Jahre) verdoppelt (17,1% zu 9,2%), der Anteil der adipösen Kinder hat sich fast verdreifacht (von 2,9% zu 8,5%) und liegt mit dem Anteil der übergewichtigen Kinder gleichauf (8,6%).
Legt man die Referenzdaten von 1985-1999 zugrunde, dann ist insbesondere eine markante Zunahme ab Schuleintritt (im Alter von 6-7 Jahren) festzustellen. Es gibt weiterhin keine geschlechtsspezifischen Unterschiede; ein höheres Risiko, an
Übergewicht zu erkranken, besteht bei einem niedrigem sozialen Status (Arbeitslosigkeit, Arbeiter und Migranten) und bei übergewichtigen Müttern.
Internationale Vergleiche sind teilweise schwierig, da unterschiedliche Maßstäbe angelegt werden; z. B. wird vom CDC in den USA das 85. Perzentil (
Übergewicht) bzw. das 95. Perzentil (Adipositas) verwendet.
Risikofaktoren, die im Rahmen der Studie erwähnt wurden und einer weiteren Untersuchung bedürfen:
- genetische Faktoren (elterliches Übergewicht)
- hohes Geburtsgewicht
- Schlafmangel
- geringe körperliche Aktivität
- lange Zeiten vor Fernseher und Computer
- Rauchen der Mutter während der Schwangerschaft
- übermäßig kalorienreiche Ernährung
- psychische Faktoren
Krankenkassen und Schulen bieten deshalb vermehrt Programme an, damit Familien ihren Lebenswandel umstellen, z. B.:
- regelmäßige gemeinsame Mahlzeiten mit Obst, Gemüse, Ballaststoffen (ohne Fett, Weißmehl und Zucker)
- viel gemeinsame Bewegung und Sport
siehe dazu:
IDEFICS Studie
Bedeutung der Körperfettverteilung
Apfel- und Birnentyp
In wissenschaftlichen Studien konnte gezeigt werden, dass das „Innere Bauchfett“ (Fett im Bauchraum) im direkten Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen steht. Eine Messung des
Bauchumfangs gilt als einfachste Möglichkeit, um die Menge des Fettes im Bauchraum zu bestimmen. Ein Bauchumfang über 88 cm bei Frauen bzw. über 102 cm bei Männern weist auf ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hin.
Medizinische Folgeerkrankungen
Es ist umstritten, ob bereits Präadipositas ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko darstellt, da neuere Untersuchung des
Centers for Disease Control and Prevention ergeben, dass sog. Übergewichtige eine höhere Lebenserwartung als sog. Normalgewichtige haben. Erst bei einer echten
Adipositas (
BMI von 30 und darüber) nimmt das Mortalitätsrisiko wieder zu.
Außerdem ist bekannt, dass nicht nur das Ausmaß des Übergewichts, sondern auch die Verteilung des Fettgewebes (
Waist-Hip-Ratio) das Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen beeinflusst. So hat die
International Diabetes Federation im Jahr
2005 einen erhöhten Bauchumfang als eines der Kriterien für die Diagnostizierung des
Metabolischen Syndroms festgelegt.
[7]
Außerdem können bei starkem
Übergewicht auch schon aufgrund der mechanischen Belastung Gelenkschäden auftreten, insbesondere des Knies.
Übergewicht wie erhöhter Fettkonsum stehen mit verschiedenen Krebserkrankungen in Verbindung, wie Dickdarmkrebs oder Brustkrebs.
Übergewicht mindert die
Zeugungsfähigkeit. 9 kg Gewichtszunahme erhöht die Wahrscheinlichkeit von Unfruchtbarkeit um 10%.
[8]
Übergewicht kann nicht nur psychologisch verursacht sein, sondern kann auch psycho-soziale Folgeerkrankungen nach sich ziehen: vielfach fühlen sich Betroffene ausgegrenzt, oder sie grenzen sich sozial aus. Es ist ein Teufelskreis: um sich nicht mit Fettleibigkeit in der Badehose zu präsentieren, wird weniger Sport getrieben.
Übergewicht ist logisch die unmittelbare Eintrittspforte zur
Adipositas, welche unbestreitbar als Wegbereiter für Krankheiten wie
Metabolisches Syndrom,
Diabetes,
Bluthochdruck,
Arthrose und
Herzleiden identifiziert wurde.
Für die meisten Betroffenen stellt
Übergewicht jedoch primär ein kosmetisches Problem dar: In unserer Gesellschaft verringert Fettleibigkeit die Chancen bei der Partnerwahl. Positiver Nebeneffekt ist jedoch, dass für die Meisten dies die wichtigste Motivation darstellt, ihr
Übergewicht reduzieren zu wollen.
Aktion „Gesunde Ernährung und Bewegung
Die Bundesregierung hat in Deutschland 2007 die Aktion „
Gesunde Ernährung und Bewegung“ gestartet. Ziel ist, die 37 Millionen übergewichtigen oder
adipösen Erwachsene und 2 Millionen Kinder in Deutschland zu einem gesünderen Ernährungs- und Bewegungsverhalten zu bewegen und dadurch die Verbreitung von
Übergewicht nachhaltig zu verringern. Zudem wird von einigen Politikern eine Erhöhung des
Mehrwertsteuersatz für Süßigkeiten auf 19 Prozent gefordert (sogenannte „Fettsteuer“).
[9]
Einige Fastfood-Ketten bieten nun Nährwerttabellen an. Ein „Schülermenü“ enthält z. B. 960
Kilokalorien (ohne Sauce).
Bekämpfung von Übergewicht
Unzählige Bücher, Zeitschriften, Fernsehsendungen und Websites sind mit dem Thema, wie
Übergewicht am effizientesten bekämpft werden kann, befasst, wobei die Qualifikation der Autoren nicht kontrolliert wird. Häufige Ratschläge sind intensive
sportliche Betätigung, sowie eine Umstellung der Ernährung
(Diät). Die Ansichten darüber, welche Ernährung die richtige sei, unterschieden sich allerdings von Autor zu Autor stark. Kritiker bemängeln hierzu jedoch, dass – besonders bei ausgefallenen Diäten wie
Atkins-Diät und
Rohkost – eine ohne ärztliche Aufsicht durchgeführte Diät ein Gesundheitsrisiko birgt.
Hauptsächlich bei schwerem
Übergewicht eingesetzt werden Medikamente, die die Fettaufnahme verhindern sollen oder chirurgische Eingriffe, bei denen das Körperfett entfernt oder der Magen verkleinert wird. Insbesondere in der Pop- und Modebranche, wo besonders für Frauen das Aussehen eine wichtige Rolle spielt, wird die „ästhetische Chirurgie“ jedoch immer häufiger auch bei leichtem
Übergewicht und als zu schwer empfundenem
Normalgewicht eingesetzt.
Falls das
Übergewicht auf ein krankhaft gestörtes Essverhalten (z. B.
Binge Eating) zurückzuführen ist, haben medizinische Maßnahmen gegen
Übergewicht als reine Symptombekämpfung wenig Sinn, wenn nicht gleichzeitig die
Essstörung auf psychologischem Weg therapiert wird. Eine gute Anlaufstelle sind die
OA-Selbsthilfegruppen.