[red]Zu den Ängsten kommt der Ärger
Kunde oder Bittsteller: Der SZ/BZ-Behörden-Check (Teil V)
Was eine Familie mit einer behinderten Tochter auf Ämtern erlebt[/red]
Von unserer Redakteurin Julia Rapp, 07.12.2005
Ein krankes oder behindertes Kind zu haben, ist schwer. Sorgen und Ängste bestimmen den Alltag. Dass zum Stress noch Ärger mit Ämtern und Behörden kommen kann, der vollends den letzten Nerv kostet, zeigt das Beispiel einer Familie aus Böblingen.
Anastacia M. (alle Namen von der Redaktion geändert) ist 22 Jahre alt. Die Böblingerin ist eine lebenslustige Frau, die genaue Vorstellungen von ihrer Zukunft hat, motiviert und willensstark ist. Anastacia M. hat eine spastische Lähmung. Sie sitzt im Rollstuhl, nur kurze Strecken kann sie auch auf Krücken zurück legen. Außerdem leidet sie an neun anderen chronischen Erkrankungen, darunter einer Autoimmunerkrankung.
Seit Anastacia 18 geworden ist, häufen sich die Probleme - nicht nur die gesundheitlicher Art. "Das Versorgungsamt wollte ihr plötzlich keinen Behindertenausweis mehr ausstellen", sagt Anastacias Mutter, Sabine M.: "Da hofft und betet man, dass das Kind überlebt und muss sich zusätzlich mit diesem Papierkram herumärgern." Ohne den Behindertenausweis hätte es vom Finanzamt auch keine Steuerermäßigung mehr gegeben. Familie M. schaltete einen Anwalt ein. Drei Jahre Rechtsstreit waren die Folge. "Bevor es aber zum Prozess kam, lenkte das Amt endlich ein", so Sabine M.
Der Ärger mit dem Versorgungsamt war aber nicht der einzige. Zweites Problem: Die Schule. Vor vier Jahren wechselte Anastacia von der Waldorfschule auf eine öffentliche Schule, um ihr Abitur machen zu können. In der Schule war der Rollstuhl nicht das Problem. Nur der Weg dorthin. "Für die Hin- und Rückfahrt von Behinderten ist der Landkreis zuständig", sagt Sabine M.
Vom zuständigen Sachbearbeiter bekam sie den Vorschlag, sie könne doch ihre Tochter jeden Morgen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule fahren. Die Kosten dafür würden vom Landkreis übernommen. "Ich weiß nicht, wie die sich das vorgestellt hatten. Wäre meine Tochter auf eine Sonderschule gegangen, hätte sie den Behinderten-Fahrdienst in Anspruch nehmen können." Wieder musste die Familie lange warten, erst dann willigte der Landkreis ein und übernahm die Taxikosten. "Ich verstehe ja, dass jeder seine Vorschriften hat, aber manchmal geht das über den normalen Menschenverstand hinaus."
Berufswunsch: unmöglich
Im Februar kam ein weiterer Schock für die 22-Jährige. Sie wurde nicht zum Abitur zugelassen. Anastacia M. will Ergotherapeutin werden. "Das ist mein Wunschtraum", sagt sie. Also auf zum Arbeitsamt. "Hier gibt es aber nur eine Schiene", so die Böblingerin: "Hinter meinem Namen steht ein großes B - behindert. Deshalb komme ich gar nicht zu einem normalen Berater, sondern gleich zum Behindertenberater." Das erste, was sie hört: "Behindert und Ergotherapie? Geht auf keinen Fall. Da müssen sie schon was Kaufmännisches machen." Anastacia M. lässt nicht locker. "Es muss doch Ausnahmefälle geben. Ich sitze zwar im Rollstuhl, bin doch aber nicht blöd." Was folgt ist ein siebenstündiger psychologischer Test und eine amtsärztliche Untersuchung beim Arbeitsamt.
"Ich möchte doch nichts geschenkt bekommen, sondern eine normale Ausbildung wie jeder andere machen, ohne gleich auf die Behindertenschiene geschoben zu werden. Das muss doch möglich sein", sagt Anastacia M. Das sie den Anforderungen gewachsen wäre, hat die Böblingerin sich selbst schon bewiesen. Zehn Praktika hat sie absolviert, im Sindelfinger Krankenhaus, bei einem Ergotherapeuten, einem Physiotherapeuten, sie war jahrelang Betreuerin im Waldheim. Der Rollstuhl war nie ein Problem.
In Stuttgart gebe es eine Ergotherapie-Schule, die geeignet wäre. Sie kostet 450 Euro im Monat. Zu viel für die Familie. "Wäre ich Umschüler, würde mir das Arbeitsamt die Ausbildung bezahlen", sagt sie. Der Vorschlag der Agentur für Arbeit: Die 22-Jährige solle erst eine kaufmännische Ausbildung in einem Schulzentrum für Behinderte in Neckargmünd machen. Kostenpunkt 3000 Euro im Monat für drei Jahre - die würde die Agentur für Arbeit übernehmen. Danach könnte sie sich zur Ergotherapeutin umschulen lassen. Jetzt ist das Schuljahr vorüber und Anastacia M. ist immer noch zuhause. Sie will arbeiten, eine Ausbildung machen. "Wir werden immer wieder vertröstet, das Arbeitsamt meldet sich wochenlang nicht", sagt Sabine M.
Problem: Krankenversicherung
Jetzt gesellt sich ein neues Problem hinzu. Anastacia M. ist seit Schuljahresende keine Schülerin mehr. Das bedeutet, sie ist nicht mehr mit der Familie krankenversichert, müsste privat versichert werden. "Welche Versicherung nimmt mich mit all meinen Krankheiten", fragt sich Anastacia M.
Also müsste sich die 22-Jährige arbeitslos melden, um weiter pflichtversichert bleiben zu können. "Vier Stunden sind wir in der Agentur für Arbeit von Schalter zu Schalter geschickt worden", berichtet Anastacia M. Immer wieder musste sie ihre Geschichte erzählen, ehe sie endlich von einer Sachbearbeiterin an die Chefin der Agentur für Arbeit weiter geleitet wurde. Sie habe noch nicht gearbeitet, deshalb könne sie sich auch nicht arbeitslos melden, hieß es dort.
Zuständig sei aber das Job-Center, wo es den Antrag auf Arbeitslosengeld II gebe. Dort hieß es dann: Nur wegen der Krankenversicherung könne sie sich nicht arbeitslos melden. "Ich sei unterhaltspflichtig, also müsste ich die private Versicherung eben bezahlen", sagt Sabine M. Mittlerweile ist die zweite Ablehnung zum Antrag auf das Arbeitslosengeld II ins Haus geflattert.
Wunschtraum: Unabhängigkeit
Anastacia M. will aber nicht aufgeben, will sich - trotz aller Hürden - ihren Wunschtraum von der Unabhängigkeit erfüllen. Eine Hürde hat sie jetzt genommen. Sie kann ihren Führerschein machen. Und zwar ohne große Zusatzkosten. Ganz normal. Die Theorieprüfung ist schon bestanden. "Die Fahrschule Peter Foerg in Böblingen hat mir dabei wunderbar geholfen"
Jetzt fehlt Anastacia M. noch das passende Auto. "Mein rechter Fuß ist in Ordnung, aber ein günstiges und bezahlbares Automatikauto zu finden, ist gar nicht so einfach." Zumindest ist Anastacia M. jetzt aber wieder motiviert. "Vielleicht mache ich jetzt eine Ausbildung zur Erzieherin. Ich hoffe, dass das klappt." Dann wäre auch Sabine M. um einige Sorgen ärmer. Für die Zukunft hat die Mutter einen Wunsch: "Ich wünsche mir von Ämtern, Behörden und Krankenkassen mehr Verständnis und Herz, damit einem das Leben mit Paragraphen, Papierkram und Vorschriften nicht noch schwerer gemacht wird. Man braucht seine Kraft für wichtigere Dinge. Jeden kann morgen schon ein ähnliches Schicksal treffen."
Wer ein Auto mit Automatikgetriebe günstig abzugeben hat, kann sich unter der Telefonnummer 0 70 31/862-214 melden. Die SZ/BZ leitet die Anrufe dann an Anastacia M. weiter.
http://www.szbz.de/