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Alt 04.03.2007, 16:49
vienetta vienetta ist offline
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Standard Impulsive Gewalt- und Aggressionsbereitschaft bei Kindern und Jugendlichen

Fritz Poustka
Das Phänomen

Störungen, die mit einer ausgeprägten Aggressivität bei Kindern einher gehen, zählen zu den stabilsten Merkmalen im menschlichen Leben. Über 40 % der Kinder, die heftig und situationsübergreifend – also nicht nur zu Hause, sondern auch im Kindergarten oder Schule, im freien Spielverhalten mit Gleichaltrigen – solche Verhaltensweisen zeigen, behalten diese Schwierigkeiten bis in das Erwachsenenalter hinein. Umgekehrt hat nahezu jedes gewaltsame, impulsive Verhalten im Erwachsenenalter durchgehend diese Störung schon im Kindesalter gezeigt.
Aggressives Verhalten wird in der Kinderpsychiatrie der komplexeren "Störung des Sozialverhaltens" zugeschrieben. Es ist gekennzeichnet durch ein extremes Maß von Streit, Wutdurchbrüchen, provokativem Verhalten, Tyrannisieren, Sachbeschädigungen, Schulschwänzen, Lernunlust und überheblichen bis omnipotenten Größenvorstellungen von sich selbst mit einer geringen Bereitschaft, konstruktiv dafür auch etwas zu leisten. Das Ausmaß dieser Störungen steht in einem direkten Zusammenhang mit Drogenmißbrauch: Das heißt je stärker und je früher ausgeprägt diese Störungen sind, desto früher und desto wahrscheinlicher ist auch ein früher Drogenmißbrauch, aber auch ein früher Beginn zu rauchen oder Alkohol zu trinken.
Insbesondere das impulsiv-aggressive Verhalten, nämlich jenes, das mit häufig mit körperlicher Gewalt einher gehenden Handlungen verbunden ist, zeigt eine hohe Gemeinsamkeit mit einer Hyperaktivität von Kindern. Letzteres ist gekennzeichnet durch eine kurze Konzentrationsfähigkeit, leichte Ablenkbarkeit und einer hohen Bereitschaft zu einem überstürzten und ungeplanten, das heißt nicht vorbedachten Agieren und Reagieren auf geringe Anlässe hin. Dies bedingt eine geringe Lenkbarkeit, ein "sich-sofort-angegriffen-fühlen", auch beim Versuch anderer, diese Probleme zu beschwichtigen und von außen zu steuern. Gerade diese "naiven" Reaktionen und das hohe Maß an Zerstörungsbereitschaft prägen das Bild.
Eines der wesentlichen Kennzeichen solchen Verhaltens ist es auch, daß nicht so sehr der eigene Vorteil in gewissen Situationen Ziel der Aggressivität ist, sondern daß vor allem die Schädigung einer Person oder eines Gegenstandes das vorherrschende Ziel zu sein scheint, unabhängig davon, inwieweit dabei der Angreifer daraus einen direkten Vorteil für sich erzielen kann. Gefährlich werden solche Situationen besonders dann, wenn solchermaßen gleichartig gestimmte Jugendliche, aber auch Mitläufer, sich zur Verfolgung eines gemeinsamen Zieles zusammenfinden und das gemeinsame Ziel die Gewaltanwendung und die Macht der Demonstration an sich werden.
Ursachen

Gesellschaftliche Faktoren
Armut, soziale Nöte und desorganisierte Familien sind sicher imstande, die Aggressivität insgesamt zu erhöhen. Wie man aber aus Verlaufsuntersuchungen weiß, neigen Kinder und Jugendliche eher zu einem Mitläufertum mit oft bedeutsamen aggressiven Handlungen, die sie aber dann im späteren Leben zunehmend weniger ausüben und sich auch dazu distanzieren. Dies bedeutet, dass ein harter Kern von aggressiven und eine breitere Schicht von Mitläufern in manchen Fällen die Aggressivität generell anschwellen lässt. Daher ist besonders zweierlei wichtig, nämlich zum einen sehr frühzeitig die aggressioninduzierenden Kinder zu identifizieren und einer Behandlung zuzuführen und auf der anderen Seite den gesellschaftlichen Rahmen vorzugeben, damit es zu einer Kristallisierung von Gewalt und Aggression um diesen harten Kern nicht kommt bzw. dies soweit wie möglich vermindert werden kann.
Die gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür sind mannigfaltig, vorbeugende Ansätze ließen sich schon in der Architekturplanung und in sozialen Problemen erkennen. Anonyme, schlecht kontrollierbare, weil anonyme Wohnsilos, Hoffnungslosigkeit in der Zukunftsplanung, weil es an Ausbildungsplätzen oder Verdienstmöglichkeiten im großen Stil fehlt, isolierte, bindungslose Familien, die kein Regulativ mehr setzen können und auch selbst über keine Ressourcen verfügen, die Sucht explosionsartige, gewaltrauschhafte Aktionen in einer aufgeheizten Wettkampfatmosphäre wie in großen, anonymen Zusammenrottungen in Fußballstadien, der zusätzliche Gebrauch enthemmender Mittel wie Alkohol oder Aufputschdrogen, sind typische Kennzeichen, die sich bei geeigneter Umsicht und Planung eindämmen ließen.
Schule
Eine wesentliche Stätte der Auseinandersetzung und das Ringen um die Eindämmung der Gewaltbereitschaft stellt zweifellos die Schule dar. Wie Untersuchungen an Schulen gezeigt haben, können sie sowohl aggressionsfördernd als auch aggressionseindämmend wirksam sein, je nachdem, welche Maßstäbe sie setzt.
Negative Beispiele aus dem Schulalltag sind: Warten des Lehrers, bis alle in der Klasse ruhig sind (statt mit einem strukturierten Unterricht zu beginnen); "Verhaken" der Aufmerksamkeit des Lehrers auf wenige Außenseiter oder Insider, so dass die Gruppe eher unbeachtet bleibt; das Zulassen rsp. nicht Eingreifen bei "mobbing" eines Schülers in der Klasse durch andere Schüler; geringe Unterstützung des Lehrkörpers gegenüber neuen oder schwächer durchsetzungsfähigen Lehrern, geringe didaktische Fähigkeiten beim Unterrichten, Inszenierung negativer Arbeitsatmosphäre, weil Kritik, persönliche Herabsetzungen, Ermunterungen und Lob weit überwiegen; Tolerierung von Abwesenheit vom Unterricht, Tolerieren von Beschädigungen im Klassenraum und in der Schule; hoher Wechsel von Lehrern und Schülern. Es handelt sich um viele weitere Merkmale, die durch ihr Zusammenwirken und die Dauer ihrer Einwirkung das Bild nachhaltig beeinflussen).
Auch hier sind klare, einsichtige Regeln im Zusammenwirken von Lehrer und Schüler zweifellos von nicht zu unterschätzendem Wert. Eine einfühlsame, auch auf das übende Lernen Wert legende Pädagogik, die die Gruppendynamik und die Selbstregulationsmechanismen einer Klassengruppe nicht überstrapaziert, aber konstruktiv zu fördern imstande ist, hat zweifellos – wie eine Reihe von schulorientierten, kinderpsychiatrischen Untersuchungen zeigten – eine deutliche, genauer zu identifizierende und übertragbare Wirkung auf Kinder und Jugendliche. Dies zeigt auch, dass nicht nur das Überbringen des Lernmaterials alleine, nämlich die Information über das, was gelernt werden soll, alleine ausschlaggebend ist, sondern dass pädagogische Konzepte, in einer umfassenden Weise verstanden, ihren Beitrag gerade in der Gewaltbereitschaft leisten können.
Familiäre Faktoren
Aggressive Störungen bei Kindern und Jugendlichen kommt in jenen Familien häufig vor, die durch einen ausgeprägten Streit, Vernachlässigung, Ablehnung, aber auch Mißbrauch gekennzeichnet sind.
Zu den familiären Faktoren zählen aber neben Ablehnung und grober Vernachlässigung der Kinder oft auch eine psychische Erkrankung eines Elternteils, Streit und Disharmonie unter den Erwachsenen. Nach Schätzungen entwickeln etwa ¼ aller mißhandelten und abgelehnten Kinder später eine Störung des Sozialverhaltens. Daß dies aber nicht ein alleiniger und auch nicht ein ausschlaggebender Faktor sein kann, zeigt auch die Erkenntnis, daß die Mehrheit der mißhandelten Kinder später keine Störung des Sozialverhaltens zeigt, und daß diesen Faktoren bei weiten keine zwingende Erklärung für die Entstehung bedeutsamer Aggressivität zukommt.
Kinder mit Aggressionen zeigen im Vergleich zu nicht-aggressiven Kontrollkindern, wenn man familiäre Gegebenheiten ganz genau anschaut, mindestens dreimal häufiger unprovozierte Attacken gegen Familienmitglieder und 2/3 aller solcher Ketten von schwierigen Interaktionen beginnen unprovoziert. Die Kinder setzen sich damit auch häufiger gegenüber den machtlosen Eingrenzungsversuchen der Eltern durch. Die Machtlosigkeit der Eltern dokumentiert sich dann auch meist durch inkonsistente Bestrafungsregeln, das heißt aggressive Handlungen werden einmal gar nicht, dann wieder mäßig, dann wieder sehr stark, oder auch überstark geahndet. Es kommt zu rigorosen Ankündigungen von Strafmaßnahmen, die nicht durchgesetzt werden können, aber auch zu wenig Diskussions- und Kompromißbereitschaft und es werden kaum sogenannte nicht-aggressive Strafen verwendet, wie zum Beispiel ein kurzfristiger Entzug von Privilegien, ein kurzer Ausschluß aus der Gemeinschaft ("geh in dein Zimmer"), oder ein gemeinsames Aufräumen oder ein Reparieren und Wiederherstellen zerstörter Gegenstände, vor allem deshalb, weil dies offensichtlich durch den beharrlichen Widerstand der Kinder und Jugendlichen nicht mehr möglich ist. Natürlich gibt es auch Eltern, die auf impulsive und unruhige Kinder nicht mit einer notwendigen klareren Strukturierung antworten, sondern diese selbst eher noch weiter provozieren.
Nach den Regeln der Weltgesundheitsorganisation über gefährdende Umfeldeinflüsse auf die Entwicklung auf die Entwicklung von 1988 gibt es einige besonders wichtige Punkte, die schon während der frühkindlichen Entwicklung einen zumindest stark erschwerenden bzw. abnormen Einfluß haben und dadurch eine Gewaltbereitschaft sehr stark negativ beeinflussen können. Solche Einflüsse sind:
Die häufigsten Umfeldeinwirkungen, die bei (behandelten) Kindern mit aggressiven Verhalten häufiger vorkommen:
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Alt 04.03.2007, 16:49
vienetta vienetta ist offline
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Standard

Kategorie der abnormen Situation Häufigkeit 1.0 Mangel an Wärme in der Eltern-Kind-Beziehung 47% 1.2 Feindliche Ablehnung, Sündenbockzuweisung gegenüber dem Kind 27% 1.1 Körperliche Kindesmisshandlung 9% 4.1 Unzureichende elterliche Aufsicht und Steuerung 39% 4.2 Erziehung, die eine unzureichende Erfahrung vermittelt 21% 8.1 Feindliche Ablehnung oder Sündenbockzuweisung durch Lehrer oder Ausbilder 18% 8.2 Allgemeine Unruhe in der Schule bzw. Arbeitssituation 13% Temperamentsfaktoren
Kinder mit bestimmter ungünstiger Temperamentsausstattung sind in Bezug auf abnorme Umfeldeinflüsse verletzbarer als andere. Zu diesen schwierigen Temperamentseigenschaften gehören:
  • Quengeliges und unruhiges Verhalten schon als Kleinstkind,
  • ein unregelmäßiger Rhythmus, was geregeltes Schlafen, geregeltes Essen betrifft, bleiben quälend lange bestehen.
  • Überlange Zeit, bis eine Einstellung auf neue Situationen oder gegenüber neuen Personen erfolgen kann.
  • Heftige Stimmungsumschwünge, häufig gereiztes, quengeliges Verhalten.
  • Hohes Neugierverhalten und eine geringe Abhängigkeit oder völliges Negieren von normalen Belohnungserwartungen und fehlendes Vermeidungsverhalten gegenüber unangenehmen Reizen.
Eine andere extreme Temperamentsausstattung kann ebenso gefährdend wirken, wie zum Beispiel eine ganz geringe Modulation der Stimmung, wenig Anteilnahme und Interesse an anderen Personen, vor allem aus der näheren Umgebung, ein geringes aktives Mitgestalten in sozialen Situationen, eine fehlende sogenannte Initialscheu in fremder Umgebung (hohe Aktivierungsbereitschaft im Kontaktverhalten, das aber dann auch keinen in Ruhe läßt).
Solche Kinder sind deswegen gefährdet, weil sie nahezu chaotische Alltagsabläufe schon vom Kleinstkinderalter zeigen und deshalb eher striktere Alltagsregeln als Hilfe zur Selbststeuerung benötigen, das heißt mehr Strukturierung der Alltagssituation brauchen, als dies sonst der Fall wäre. Diese Kinder sind schon auf geringere Grade von zum Beispiel Vernachlässigung schwerer irritierbar, als Kinder mit einer sehr stabilen Temperamentseigenschaft.
Vergleichsweise gefährdet sind Kinder, die offensichtlich eine geringe Erregungsbereitschaft, vor allem auf Strafreize, aufweisen: In Situationen, in denen sich andere Kinder aufregen würden, wie bei Prüfungen, besonderen Bewährungsproben oder auch bei einfachen Klassenarbeiten, regen sich solche Kinder kaum auf, sie zeigen deutlich schwächere Anzeichen ängstlicher Anspannung im Vergleich zu Kindern ohne erhöhte Aggressivität. Dies lässt sich nachweisen durch Messungen der Reaktionen des autonomen Nervensystems in solchen Situationen: Vergleichsweise ist die Herzschlagrate (Pulsfrequenz) und andere psychophysiologischen Maße (Hautleitfähigkeit) vermindert und die Reaktion auf unbehagliche, aversive oder als strafend erlebte Reize ist ebenfalls gering (sie erhöht sich im Gegensatz zum normalerweise zu beobachteten Verhalten nicht oder kaum). Dies erklärt auch, warum Strafen solchen Kindern gegenüber häufig ihre Wirkung verfehlen.
Biologische Faktoren
In den letzten Jahren sind auch einige biochemische Maße im Sinne von Fehlregulationen von sog. Botenstoffen, d. h. Nervenüberträgerstoffen im Gehirn, gefunden worden, die offensichtlich ebenfalls sehr starke Einwirkung auf Erregungsfunktionen haben können, so zum Beispiel die Verminderung von Serotonin oder auch einigen dopaminergen und noradrenergen Mechanismen (Fehlen von Serotonin steht mit einem deutlicher Zunahme zu Ärger, Aggressivität, Feindseligkeit und depressivem Verhalten in Zusammenhang, ebenso sind Aggressivität und damit verwandte Persönlichkeitszüge mit einer erniedrigten Sensitivität von Dopaminrezeptoren verbunden). Dass biologische Faktoren eine Rolle spielen, läßt sich auch daran erkennen, daß erhöhte Aggressivität und Impulsivität bei Jungen etwa viermal häufiger als bei Mädchen vorkommt.
Zusammenhangsgefüge
Die Ursachenforschung hat eine Reihe von Einsicht in die Grundlage, aber auch über die prozeßhafte Entwicklung aggressiver Handlungen aus einer latenten Gewaltbereitschaft heraus demonstrieren können. Diese Bereitschaft wird durch verschiedene Einflüsse verursacht. Dazu gehören familiäre und gesellschaftliche Faktoren, Temperamentseigenschaften des Kindes und Jugendlichen, die suggestive Wirkung von Gruppenprozessen, aber auch biologische Grundlagen zumindest bei einem Teil außerordentlich gewaltbereiter und aggressiver junger Menschen. Entsprechend schwierig sind bis heute noch umfassend wirksame Behandlungen.
Ausblick
Früh entstandenes aggressives Verhalten, das in Zusammenwirkung von sozialen und biologischen Grundlagen zu verstehen ist, hat eine Tendenz, über viele Jahre der Entwicklung bis in das Erwachsenenalter, stabil zu sein. Umfassende Erkenntnisse über die Mechanismen dieses Zusammenwirkens der verschiedenen Einflußfaktoren auf den Kern aggressiver Kinder, die häufig Mitläufer haben, sind eine der wesentlichen Aufgaben unserer Zeit. Wenn man bedenkt, wie stark und eindeutig die Kontinuität dieses Verhaltens ist, wie eng es mit Suchtverhalten, späterer Delinquenz und unter gewissen Bedingungen auch mit Gewalthandlungen in einer anonymen Masse verbunden ist, lässt leicht den Schluß zu, daß unsere Gesellschaft auch in Zeiten eines relativ hohen Wohlstandes sich dieses Problems bevorzugt zuwenden muss, um sich mit diesem immer noch enorm verbreiteten Phänomen zu beschäftigen. Lösungen müssen aber aus einem empirisch begründbaren Zusammenwirken verschiedener Disziplinen erfolgen. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie sieht sich hier in einer besonderen Weise gefordert, da sie mit diesen Problemen konfrontiert ist.
Das Fach verfügt über die notwendigen Ressourcen, die erforderlich sind, um hier die komplexe Versorgungssituation und die damit verbundenen Forschungsaufgaben zu bewältigen. Dafür sind allerdings auch entsprechend umfassende Unterstützungen vielfältiger Art notwendig, denen sich unsere Gesellschaft verstärkt stellen muss.
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