Reisen für Menschen mit Behinderungen sind immer mehr im Kommen
Mit dem Rollstuhl zum Segelboot
Foto: privat
Wer davon das erste Mal erfährt, bekommt vermutlich große Augen und Ohren. Gleitschirmfliegen für Querschnittsgelähmte und Tauch-kurse für Blinde und Gehörlose – behinderte Menschen haben heute viele Möglichkeiten für einen Aktivurlaub. Kaum eine Sportart, bei der Urlaubsgäste mit Handicap nicht mitmachen können. Kaum ein Reiseziel, das für sie tabu ist.
Lange kein Thema
"Die Tourismusbranche hat gemerkt, dass es hier einen Markt gibt", meint Hanna Herbricht vom Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter e.V. (Krautheim/Jagst). In ihrem Studium als Diplom-Touristik-Betriebswirtin sei vor Jahren das Thema "Reisen für behinderte Menschen" nicht aufgetaucht. Jetzt beschäftigten sich Seminar- und Diplomarbeiten damit. Kein Wunder: Menschen mit Handicaps stellen eine nicht zu unterschätzende touristische Zielgruppe dar. Allein in Deutschland leben laut Statistischem Bundesamt rund 6,6 Millionen Menschen mit Behinderungen. Das sind etwa acht Prozent der Bevölkerung. Weitere 12 Prozent – unter ihnen zum Beispiel Dialysepatienten – sind in ihrer Bewegungsfreiheit zumindest eingeschränkt. Schwerbehinderte etwa unternehmen jährlich rund 2,5 Millionen Urlaubsreisen sowie 1,5 Millionen Kurzurlaubs- und Wochenendreisen.
Immer mehr Veranstalter, Hotels und Restaurants stellen sich auf diese Zielgruppe ein. Es kommt zu einer Kettenreaktion: Wenn ein Hotel rollstuhlgerecht ist und genügend Gäste buchen, bleibt dies nicht ohne Auswirkungen auf andere Häuser. Was für die Tourismusbranche gilt, trifft auch für andere Bereiche wie medizinische Praxen zu. Dialysezentren im In- und Ausland stellen Urlaubern Gästeplätze zur Verfügung. Für Betroffene eine ideale Möglichkeit, fortzufahren und trotzdem regelmäßig die lebensnotwendige Blutwäsche zu erhalten.
"Je mehr Angebote es gibt, desto leichter wird es für Menschen mit Behinderungen zu reisen", erklärt Hanna Herbricht. Viele Möglichkeiten stehen zur Wahl. Neben der Gruppenreise mit Bus oder Flugzeug gibt es den individuellen Urlaub. Wer nicht alleine unterwegs sein möchte, kann sich einen Reiseassistenten engagieren. Diese speziell geschulten Begleiter helfen bei der Pflege, beim Ankleiden und Essen oder schieben den Rollstuhl.
In Gesprächen klärt die Fachfrau vom Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderte, was Betroffene möchten und welche Art zu reisen für sie in Frage kommt. Bei Gruppen sind Assistenten immer dabei. "Wenn es Probleme gibt, ist ständig jemand da, an den sich die Urlauber wenden können", schildert Herbricht. Wer allein reist, auf den kommt mehr Vorbereitung zu, um nicht unliebsame Überraschungen zu erleben. Er muss bei Flügen die Größe des Rollstuhls angeben oder sich bei Hotels erkundigen, wie breit die Türen, wie groß Bett und Toilette sind. "Viele Kleinigkeiten sind zu klären", berichtet die Touristik-Betriebswirtin. Sie rät, bei Hotels genau nachzufragen. "Ein Rollstuhlsymbol im Prospekt sagt noch nichts aus", so ihre Erfahrung. Beispiel Dusche: Ein Sockel kann hier für Rollstuhlfahrer zum großen Hindernis werden.
Apropos Hindernis: Bei der Entscheidung für eine Reise spielt die Behinderung selbst meist eine kleine Rolle. Entscheidend ist Hanna Herbricht zufolge vielmehr die Barriere im Kopf: "Es hängt davon ab, was Menschen sich zutrauen." Das kann etwas ganz Ungewöhnliches wie Höhlentauchen oder Schlittenhundefahren sein – also Aktivitäten, die selbst für viele "normale" Menschen nicht in Frage kommen.
Barriere im Kopf
Reisen haben für Frauen und Männer mit Handicaps eine wichtige Funktion. Die Touristik-Fachfrau bringt es so auf den Punkt: "Durch die Reise bekommen Betroffene Sicherheit und trauen sich mehr zu." Zum Beispiel, alleine oder mit einem Assistenten unterwegs zu sein. Wenn mehr Menschen mit Handicaps reisen, hat dies auch Auswirkungen auf ihr Bild in der Öffentlichkeit. "Es wird immer selbstverständlicher, dass sie gleichwertig sind", betont die Verantwortliche des Bundesverbandes Körperbehinderter. Und es hilft, Vorurteile und Berührungsängste abzubauen: "'Normale' Menschen sind oft unsicher, wie sie sich zum Beispiel gegenüber Spastikern oder Epileptikern verhalten sollen." Reisen dient hier nicht nur der Erholung und Entspannung. Es trägt auch dazu bei, dass sich Menschen mit und ohne Behinderung besser verstehen lernen.
Günter Saalfrank
Quelle:
http://www.evangelisches-sonntagsbla...les_02_16.html