Forum von Netzwerk behindertes Kind.de
Benutzerliste
Kalender
Hilfe
Heutige Beiträge
Forum von Netzwerk behindertes Kind.de
Nützliche Links
  #1  
Alt 16.05.2008, 10:35
Benutzerbild von angelika
angelika angelika ist offline
Teammitglied - Entscheidungsträger
 
Registriert seit: 08.02.2006
Ort: rotterdam und wien
Beiträge: 7.502
Standard Gebärdensprache - zwischen Faszination und Barriere

Wer schon die Gelegenheit hatte, zumindest aus dem Augenwinkel Leute zu beobachten, die in Gebärdensprache kommunizieren oder eine der wenigen Sendungen gesehen hat, wo auch gebärdet wird, denkt sich "hm…interessant!". Als hörende Person stellt es eine Faszination dar, den Hörsinn auf diese Weise zu kompensieren und sich mit den Händen zu unterhalten.

Die Tatsache, dass die Gebärdensprache als offizielle Sprache erst vor zwei Jahren gesetzlich anerkannt wurde, überrascht häufig. Ebenso unbekannt ist der Umstand, dass die Gebärdensprache keine "weltweite Einheitssprache" darstellt, sondern sich von Land zu Land unterscheidet. So wie sich Lautsprachen unterscheiden, ist dies bei der Gebärdensprache ähnlich. Die Entstehung von Dialekten und Jugendjargon sind in der Gemeinschaft der GebärdensprachbenutzerInnen ebenso verankert wie in der hörenden, wodurch es neben der Österreichischen Gebärdensprache (ÖGS) auch landesweite Dialekte gibt.

Vereinsgeschehen hat in der Gehörlosengemeinschaft einen starken Stellenwert, da es so möglich wird, eine stärkere Vertretung für bestimmte Anliegen zu bekommen. 2004 wurde der Verein Österreichischer Gehörloser StudentInnen (VÖGS) gegründet, der versucht, sich als Anlaufstelle für GebärdensprachbenutzerInnen, die eine höhere Ausbildung anstreben wollen, zu etablieren. Hierbei gilt es viele Aufgaben unter einen Hut zu bringen, die es jedoch heißt in der Freizeit ehrenamtlich zu koordinieren. Gehörlose (und gebärdensprachkompetente) AbsolventInnen und StudentInnen versuchen im Vereinsgeschehen InteressentInnen über die Bildungssituation mit Schwerpunkt auf eine höhere Ausbildung aufzuklären. Beratung in Gebärdensprache stellt hierbei einen besonders großen Stellenwert dar, um einen optimalen Informationsfluss zu gewährleisten. Es besteht die Möglichkeit, sich bei den monatlich stattfindenden StudentInnentreffen auszutauschen, die sich in Form von Vortrags- und Diskussionsrunden immer um ein vorgegebenes, aktuelles Schwerpunktthema drehen.

Außerdem konnte in Kooperation mit der Volkshochschule polycollege im 5. Wiener Gemeindebezirk eine Beratungsstelle für Gehörlose aufgebaut werden, die derzeit zwei Mal die Woche die Möglichkeit bietet, in gebärdenden Austausch zu treten. Das Projekt study now, das sich kürzlich dem VÖGS angeschlossen hat, kämpft ebenso um besseren Informationsaustausch bzw. Gleichberechtigung. Der Projektname study now impliziert die Forderung "wir wollen jetzt studieren" und akzeptiert somit keine Zeitverschiebungen, die etwa politische oder gesetzliche Veränderungen mit sich bringen würden. Betroffene und Freiwillige schließen sich in diesem Projekt zusammen, um bestehende Barrieren zumindest etwas auszugleichen. Nicht irgendwann kommt das Engagement der Beteiligten zur Geltung, sondern zum jetzigen Zeitpunkt - ohne komplizierten, bürokratischen oder politisch gefärbten Hintergrund.

Denn die Barrieren, die gehörlosen StudentInnen im Wege stehen, sind oft schwieriger aus der Welt zu schaffen, als man vielleicht anfangs annehmen würde. Demnach stellt eine der größten Hürden für Gehörlose die Organisation von GebärdensprachdolmetscherInnen an den Universitäten und Hochschulen Österreichs dar. Finanzierungsfragen und ein bestehender Mangel an kompetenten DolmetscherInnen hemmen GebärdensprachbenutzerInnen - neben der Tatsache, dass sich die schulische Vorbildung (auf Grund der zur Verfügung gestellten bzw. nicht zur Verfügung gestellten Rahmenbedingungen seitens des Schulsystems) oft als unzureichend darstellt - auf dem Weg zu einem erfolgreichen Hochschulabschluss.

Der VÖGS bemüht sich daher in Kooperation mit den Universitäten und Institutionen um einen barrierefreien Zugang auf den Universitäten und Hochschulen Österreichs. Denn auch wenn einE GebärdensprachdolmetscherIn Lehrinhalte in die jeweilige Zweitsprache transportiert, kann eine gehörlose Person im Gegensatz zu einer hörenden StudentIn nicht gleichzeitig mitschreiben, eine unterstützende Schreibkraft könnte dieses Defizit etwa ausgleichen. Da die deutsche Hochsprache nicht die aktiv verwendete Sprache der GebärdensprachbenutzerInnen darstellt, kann behauptet werden, dass sich abgesehen von der unzureichenden Förderung innerhalb der Pflichtschulzeit der betroffenen Personengruppe, das Konsumieren von wissenschaftlicher Literatur in einer Fremdsprache, als problematisch erweist.

Viele Bemühungen und Diskussionen sind diesbezüglich am Laufen, glücklicherweise konnten bereits erste Fortschritte erzielt werden. Dennoch ist es ein Prozess, der sich als langwierig und hürdenreich darstellt und mit vielen Aufwendungen verbunden ist. Utopisch aber wünschenswert scheint der Wunsch nach der Gründung einer staatlich finanzierten Vermittlungsstelle für Schreibkräfte, gebärdensprachkompetente TutorInnen und qualifizierten GebärdensprachdolmetscherInnen, an die sich gehörlose StudentInnen wenden können. Eine solche institutionalisierte Koordinationsstelle würde gehörlosen StudentInnen eine immense Belastung von den Schultern nehmen und es ihnen ermöglichen, in tatsächlicher Gleichberechtigung eine höhere Ausbildung zu genießen.

www.voegs.at
__________________
Der Weg von Mensch zu Mensch,
ist oft weiter und schwieriger,

als der Weg von der Erde zum Mond.
angie
Mit Zitat antworten
Antwort


Themen-Optionen Thema durchsuchen
Thema durchsuchen:

Erweiterte Suche
Ansicht

Forumregeln
Es ist Ihnen nicht erlaubt, neue Themen zu verfassen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, auf Beiträge zu antworten.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Anhänge anzufügen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Ihre Beiträge zu bearbeiten.

vB Code ist An.
Smileys sind An.
[IMG] Code ist An.
HTML-Code ist Aus.
Gehe zu

Ähnliche Themen
Thema Erstellt von Forum Antworten Letzter Beitrag
Multimedia-Guide mit Gebärdensprache angelika Barrierefreier Tourismus 0 06.02.2008 20:22
Huainigg: Neues Selbstbewusstsein durch Anerkennung der Gebärdensprache angelika Pressemitteilungen 0 29.12.2007 10:40
Ungarn: Starkes Signal für Anerkennung der ungarischen Gebärdensprache angelika Pressemitteilungen 1 26.12.2007 14:51
Für echte Wahlfreiheit zwischen ambulant und stationär Nancy Pressemitteilungen 0 16.04.2007 08:16
Für die Gesundheit des Kindes günstiger Abstand zwischen zwei Schwangerschaften Mary Medizinische Infos 2 20.04.2006 13:12


Alle Zeitangaben in WEZ +1. Es ist jetzt 00:17 Uhr.
Powered by vBulletin Version 3.5.4 (Deutsch)
Copyright ©2000 - 2012, Jelsoft Enterprises Ltd.
Content Relevant URLs by vBSEO 2.4.0
Copyright 2005 - 2011 Netzwerk behindertes Kind.de ***** Sämtliche Inhalte dieses Forums erheben keinen journalistisch-redaktionellen Anspruch.