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Alt 06.11.2006, 09:23
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angelika angelika ist offline
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Registriert seit: 08.02.2006
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Standard Gehoerlose Studenten im Hoersaal (Österreich)

Nur wenige Gehörlose beginnen überhaupt zu studieren. Und jene, die es doch tun, haben mit großen Hürden zu kämpfen. Die größte davon: Kein Geld für Dolmetscher in den Lehrveranstaltungen.

Ein paar Mal blicken die drei Studenten erstaunt herüber zu der jungen Frau, die da am Nebentisch in der Mensa des Wiener "Juridicums" sitzt und mit ihren Händen Zeichen in die Luft malt. Lydia Tonar ist gehörlos und unterhält sich mit einer Dolmetscherin in Gebärdensprache (ÖGS). Worüber die beiden reden, wissen die Studenten nicht, aber es muss etwas Lustiges sein. Immer wieder brechen die beiden Frauen in Gelächter aus, kichern. Die Blicke vom Nebentisch bemerkt Lydia nicht. Oder vermutlich schon lange nicht mehr.

Dass die Studierenden überrascht sind, in der Mensa Gebärdensprache zu sehen, zeigt, wie außergewöhnlich gehörlose Studenten an einer Uni immer noch sind. Die 21-jährige Lydia Tonar ist eine der wenigen, die sich von den vielen Barrieren, die sich ihr als Hörbehinderte in den Weg stellen, nicht abschrecken hat lassen. Seit vier Semestern studiert sie an der Uni Wien Jus, weil "ich später einmal Anwältin werden möchte", erzählt sie in ÖGS, die Dolmetscherin übersetzt. Die erste Anwältin Österreichs, die nicht hören kann. Als solche möchte sie sich gerne auf Arbeitsrecht spezialisieren und sich für Gehörlose und Behinderte einsetzen, erzählt sie lächelnd und wirkt dabei zielsicher.

Genug zu tun gäbe es für sie, das wird sehr deutlich, wenn Lydia von ihrem Uni-Alltag berichtet. Wenn man neben ihr durch das Juridicum spaziert, wird einem erst so richtig bewusst, dass das Zentrum jeder Uni die Probleme der Gehörlosen schon im Namen trägt: der Hörsaal.

Die meisten Probleme, meint Lydia, könnte man beheben, wenn die Unis genug Budget hätten, um Dolmetscher bereit zu stellen. Denn die müssen sich die gehörlose Studierende selbst organisieren und bezahlen. Zwei braucht Lydia pro Einheit, denn bei anspruchsvollen Fachübersetzungen dürfen diese maximal 30 Minuten arbeiten. Pro Stunde und Dolmetscher kostet das Lydia 40 Euro, die Wegkosten nicht eingerechnet. Daher kann die junge Wienerin - abgesehen von Vorlesungen ohne Anwesenheitspflicht - nur eine Lehrveranstaltung pro Semester besuchen. "Das ist viel zu wenig, aber mehr kann ich mir mit den 450 Euro, die ich pro Monat vom Fonds Soziales Wien bekomme, nicht leisten", erzählt Lydia. Man kann sich ausrechnen, wie viel länger sie für ihr Studium brauchen wird. "Und eigentlich bräuchte ich noch zusätzlich jemanden, der für mich mitschreibt".

Zu den Lerngruppen, in denen sich viele auf Prüfungen vorbereiten, geht Lydia nicht mehr. "Ich hab gespürt, dass es den anderen Studierenden oft nicht recht war, dass ich dabei bin", erinnert sie sich. "Oft mussten sie Dinge wiederholen. Ich verstehe ja, dass das mühsam ist."

Es gibt aber auch Positives, Dinge die ihr das Studieren erleichtern. Wie das Online-Forum des Juridicums, auf dem sie sich mit anderen Studierenden austauschen kann. Ganz allgemein hilft es ihr und anderen Gehörlosen sehr, "dass auch Hörende gern smsen und e-mailen".

Die Professoren seien auch immer hilfsbereit, geben ihr etwa Literaturempfehlungen. "Aber ändern können sie auch nichts", sagt sie. Doch helfe es ja schon, dass sie mündliche Prüfungen an der Uni mit Hilfe eines Dolmetschers ablegen kann.

Denn die meisten Probleme, die das Studieren für Gehörlose so schwierig machen, entstünden schon weit vor der Uni. Zwar ist die österreichische Gebärdensprache seit 2005 gesetzlich als offizielle Sprache anerkannt, Gehörlose also endlich gleichberechtigt. Doch de facto hat sich nicht viel verbessert, bleibt die Gesetzesänderung eine nette Tat, die nach Gleichberechtigung und Barrierefreiheit klingt. Die Realität ist davon noch ziemlich weit entfernt.

Immer noch sei die Ausbildung von Gehörlosen viel schlechter. Immer noch, klagt Lydia, werde viel zu spät damit begonnen, hörbehinderten Kindern die deutsche Schriftsprache beizubringen. Ein Defizit, das in ihren Augen später nur schwer aufgeholt wird. "Viele Gehörlose sind wegen ihrer schlechten Bildung nicht kompetent genug, um auf die Uni gehen zu können". Denn die Chance, so wie Lydia, eine Integrationsklasse in einem Realgymnasium zu besuchen, bietet sich nur einem kleinen Teil. Das würden eh gern alle verbessern, meint sie, aber es mangle halt am Geld. "Das Argument kann ich nicht mehr hören", übersetzt die Dolmetscherin.

Finanziert wurden immerhin ein paar Verbesserungen für Gehörlose. So stellt das Institut "integriert studieren" (etwa an der TU Wien und der Uni Linz) Tutoren zur Verfügung, die für Gehörlose mitschreiben und sie im Kontakt mit Vortragenden unterstützen. Was derzeit allerdings nur von Mobilitätsbehinderten genutzt wird. Die Uni Wien ist gerade dabei, wichtige Infos auf ihrer Homepage auch als Video in Gebärdensprache anzubieten. "Das ist sicher nicht schlecht," meint dazu Lydia. "Aber Dolmetscher im Uni-Alltag halte ich für wichtiger."

Bis "barrierefrei" und "gleichberechtigt" nicht nur zwei Worte sind, die ganz gut klingen, sondern auf den Unis wirklich funktionieren, dauert es sicher noch, glaubt Lydia. Aber irgendwann wird ein Dolmetscher im Hörsaal so selbstverständlich sein wie heute Power-Point-Präsentationen. "In 20 oder 30 Jahren werde ich froh sein, dass es unsere Kinder leichter haben." Dann, wenn sie als Anwältin erfolgreich dafür gekämpft hat.

Quelle: die presse
__________________
Der Weg von Mensch zu Mensch,
ist oft weiter und schwieriger,

als der Weg von der Erde zum Mond.
angie

Geändert von Mary (06.11.2006 um 11:27 Uhr). Grund: Länderbenennung hinzugefügt
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  #2  
Alt 06.11.2006, 09:35
Benutzerbild von evma
evma evma ist offline
Teammitglied - Entscheidungsträger
 
Registriert seit: 01.08.2005
Ort: ostsee
Beiträge: 24.215
Standard

ich wünsche lydia für die zukunft das allerbeste,und ich finde es klasse das sie als erste österreicherin dieses wagnnis eingegangen ist.mögen viele ihren beispiel folgen und jede uni dolmetscher haben.
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