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Alt 06.01.2007, 16:57
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Standard Behinderung zwischen Autonomie und Angewiesensein

Behinderung zwischen Autonomie und Angewiesensein
Das vorliegende Buch liegt nicht unbedingt im Mainstream des gegenwärtigen heil- und sonderpädagogischen Diskurses und verdient gerade deshalb hohe Aufmerksamkeit.
Es schließt zum einen an die Monografie eines der beiden Herausgeber, Bernd Ahrbeck, mit dem Titel »Kinder brauchen Erziehung« (Stuttgart 2004) an. Darin arbeitet der Autor die »Erziehungsvergessenheit « in der heutigen Zeit kritisch heraus. Weil Kinder und Jugendliche einseitig als Akteure und Gestalter ihrer eigenen Entwicklung betrachtet werden und ihr Angewiesensein auf »konturierte pädagogische Bezugspersonen « in den Hintergrund rückt, fehlt es ihnen oftmals an verantwortlichen Erwachsenen, die sich sorgend und zugleich konfliktbereit auf sie einlassen. Zum anderen bezieht sich das Buch auf die Idee der Selbstbestimmung, die im letzten Jahrzehnt zu einer zentralen normativen, handlungsleitenden Kategorie in der Heil- und Sonderpädagogik, der Behindertenhilfe und der ihr zu Grunde liegenden Gesetzgebung (siehe Sozialgesetzbuch IX) avancierte. Angesichts einer langen Tradition paternalistischbevormundender Tendenzen in der »Behindertenbetreuung«, die besonders Menschen mit geistiger und schwerer Behinderung häufig in eine »entmündigende Abhängigkeit« gebracht haben (so im Text auf dem Buchrücken), erscheint die Favorisierung des »neuen Paradigmas « Selbstbestimmung verständlich und notwendig. Gleichwohl sind mit dem Selbstbestimmungs-Paradigma im Blick auf die Lebenswirklichkeit behinderter Menschen und das Beziehungsverhältnis zwischen ihnen und den Professionellen Einseitigkeiten verbunden, auf die das Buch aufmerksam macht.
Die zwölf Autorinnen und Autoren beleuchten in ihren Einzelbeiträgen aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Bezügen das komplexe Spannungsverhältnis von »Autonomie und Angewiesensein«, das jede menschliche Existenz fundamental auszeichnet. Sie spannen einen weiten thematischen Bogen von der Frühförderung (Wilfried Datler) bis zur Sexualassistenz Erwachsener mit geistiger und schwerer Behinderung (De Vries, Karl- Ernst Ackermann und Bernd Ahrbeck), von grundlegenden Analysen zur Paradoxie jeglicher Pädagogik, die das Angewiesensein von Kindern auf Erwachsene voraussetzt, um ihnen Autonomie zu ermöglichen (Johannes Bilstein, Jochen Schmerfeld), bis hin zu »Fallstudien zur Konfliktgeschichte nicht beschulbarer Jugendlicher« (Thomas von Freyberg und Angelika Wolff) und zu Fallbeispielen über »Autonomiekonflikte in der Adoleszenz« (Regina Konrad). Einige Beiträge setzen sich mit dem Spannungsverhältnis von Autonomie und Angewiesensein unter spezielleren thematischen Aspekten auseinander: Rolf Göppel aus Sicht der psychoanalytischen Entwicklungstheorie und der Bindungstheorie; Bernhard Rauh in Bezug auf Peer-groups hinsichtlich ihres Anspruchs als Autonomie fördernder Entwicklungsraum; Dieter Katzenbach mit Blick auf Selbstbestimmung und Empowerment als sog. »neue Paradigma« und Johan de Groef vor dem Erfahrungshintergrund der Entwicklung einer Wohneinrichtung für geistig behinderte Erwachsene. Um einen Eindruck von der inhaltlichen, gleichwohl thematisch gut geordneten Vielfalt und von zentralen Argumentationen des Buches zu vermitteln, seien einige Einzelbeiträge exemplarisch vorgestellt. Damit verbindet sich jedoch keine Wertung gegenüber den anderen Aufsätzen.
Vor dem Hintergrund des paradoxen Verhältnisses von Autonomie und Heteronomie als konstitutiven Momenten der Pädagogik unternimmt Jochen Schmerfeld den interessanten Versuch, die individualpsychologische Theorie des Minderwertigkeitsgefühls von Alfred Adler für ein pädagogisches Denken fruchtbar zu machen, »das sowohl Minderwertigkeit als auch Autonomie als ›Grund‹- Bestimmungen menschlichen Lebens zulassen kann« und »Angewiesensein nicht als ausschließenden Gegensatz zu Autonomie« versteht. Aus der von ihm vertretenen »Theoriekonstruktion, in der Autonomie auf akzeptierter Unvollkommenheit basiert«, könnte Autonomie bei akzeptierter Unvollkommenheit als ein grundlegendes Ziel jeder Erziehung, speziell aber bei Kindern und Jugendlichen mit Behinderung, abgeleitet werden.
Dieter Katzenbach setzt sich speziell mit dem Selbstbestimmungs-Paradigma der Geistigbehindertenpädagogik kritisch auseinander; sein Beitrag kann jedoch für den gegenwärtigen sonder- bzw. heilpädagogischen Diskurs insgesamt eine hohe Orientierungs- und Klärungsfunktion beanspruchen. Auf der Grundlage der Anerkennungstheorie von Axel Honneth gelingt es dem Autor zu verdeutlichen, dass neben den heute in der Sonder- und Heilpädagogik propagierten Leitideen der Selbstbestimmung und des Empowerment auch weiterhin der traditionelle Fürsorge-Gedanke eine normativ-handlungsleitende Bedeutung im Sinne der Anerkennung des Anderen hat. Die drei genannten Leitideen sind aufeinander verwiesen und stehen in einem spannungsvollen Verhältnis, das es im professionellen Handeln und Reflektieren auszuhalten gilt. Katzenbach setzt sich damit wohltuend ab von dichotomischen Positionen, die Fürsorge als »altes« und Selbstbestimmung als »neues« Paradigma betrachten.
Auf Grund eigener einschlägiger Vorerfahrungen hat mich besonders die Fallanalyse von Wilfried Datler aus einem Forschungsprojekt zur Frühförderung nachdrücklich beschäftigt. Am Beispiel von zwei Ausschnitten aus der Frühförderung mit einem Säugling mit Down-Syndrom verdeutlicht der Autor in sehr subtiler Weise, dass es besonders bei (schwer) behinderten Kindern oftmals nicht ausreicht, ihnen förderliche Umweltbedingungen bereitzustellen und sie in ihrem Tun aufmerksam und Anteil nehmend zu begleiten, da sie (noch) nicht in der Lage sind, überhaupt aktiv auf die Welt der Dinge und Menschen »zuzugehen«. Vielmehr sind sie darauf angewiesen, dass sie durch Beziehungs- und Tätigkeitsangebote der Erwachsenen in ihren Aktivitätsansätzen behutsam stimuliert werden. Datler verwendet dazu den auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinenden, gleichwohl passenden Begriff »stimulierende Feinfühligkeit« und zeigt überzeugend auf, dass die den derzeitigen Frühförderdiskurs bestimmende und aus meiner Sicht nach wie vor wichtige Vorstellung des Kindes als Akteur seiner Entwicklung präzisiert werden müsste. Ungeachtet dessen, ob für den Säugling im Fallbeispiel die Zuschreibung einer »Form von schwerer Behinderung« zutrifft, wäre zu wünschen, dass dieser Beitrag in der Frühförderszene die ihm gebührende Aufmerksamkeit erhält.
In seinen »kritischen Überlegung und laienhaften Fragen« zur »unterstützten Sexualität« macht Bernd Ahrbeck auf unterbelichtete problematische Folgen der für ihn prinzipiell positiven sexuellen Befreiung aufmerksam. Vor dem Hintergrund einer »schamlosen Kultur« und ihrer exhibitionistischen Selbstdarstellungstendenzen skizziert der Autor Grundzüge einer »Theorie der Schamaffekte «. Am Beispiel eines schwer körperbehinderten Mannes reflektiert er die inneren Konflikte, die durch das Schamgefühl und aus dem Erleben eines einseitigen Angewiesenseins auf die Sexualbegleiterin in einer Situation entstehen können, in der sich für diesen Mann »die praktizierte Sexualität … – von der psychischen Position her – [als] die eines kleinen, passiven Kindes« darstellt. Er schließt seinen kritischen Beitrag abwägend ab: »Die besonderen Einschränkungen, die behinderte Menschen erleben und die spezielle Form ihres Angewiesenseins auf andere erzeugen eine psychische Faktizität, die es anzuerkennen gilt. Insofern bestehen gute Gründe dafür, die ›unterstützte Sexualität‹ nicht vorschnell als einen autonomen Akt zu feiern.«
Eine derartig abwägende Argumentationsweise zeichnet das gesamte Buch aus. Es geht nicht um die Diskreditierung der Bemühungen, Menschen mit Behinderung und in erschwerten Lebenslagen mehr Selbstbestimmung zu ermöglichen und unmündige Abhängigkeitsverhältnisse zu reduzieren. Es geht vielmehr darum, Verkürzungen des Selbstbestimmungsdiskurses offen zu legen, auf Gefahren einer überfordernden Selbstbestimmung als »neoliberalem Pflichtprogramm« (Stinkes) aufmerksam zu machen und da kritisch einzuhaken, wo Selbstbestimmung zu einer bloßen Fortschrittsmetapher wird. Das Buch zeigt die Notwendigkeit auf und ermutigt dazu, sich in unterstützende, Halt und Orientierung gebende, notfalls auch Grenzen setzende Beziehungen, damit also in Erziehungsprozesse, mit Kindern und Jugendlichen einzulassen und die damit verbundenen Spannungen, Konflikte und Widersprüche auszuhalten. »Pädagogische Professionalität zeichnet sich«, so Katzenbach in seinem Beitrag, »dadurch aus, in Antinomien denken zu können und dennoch handlungsfähig zu bleiben«. Dazu trägt dieses Buch bei, indem es »gegen den Strich« einer oberflächenhaften heil- und sonderpädagogischen Fortschrittsrhetorik »bürstet«. Ungeachtet seines fragwürdigen Titels (nicht die »Behinderung«, sondern der behinderte und der in psychosozial belasteten Verhältnissen lebende Mensch steht in besonderer Weise »zwischen Autonomie und Angewiesensein«) kann es uneingeschränkt und nachhaltig empfohlen werden.
Prof. Dr. Hans Weiß
Information

Verlag W. Kohlhammer
Stuttgart 2004
192 Seiten, 24 Euro
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