Ulrike und Franz Petermann (Hrsg.)
Diagnostik sonderpädagogischen Förderbedarfs
Im einleitenden Kapitel wird von den Herausgebern des elf Kapitel umfassenden Buchs der Stellenwert sonderpädagogischer Diagnostik für die Planung und Evaluation individueller Fördermaßnahmen herausgearbeitet. Dabei wird deutlich, dass die empfohlene multimodale und multimethodale Vorgehen nicht nur der Erfassung psychischer, kognitiver und umschriebener Entwicklungsstörungen dient, sondern auch Schutz- und Risikofaktoren im Sinne eines ressourcenorientierten Ansatzes ausfindig gemacht werden sollen und es nicht zuletzt auch um die Feststellung und Fortschreibung des sonderpädagogischen Förderbedarfs, des Förderschwerpunkts und des Förderorts geht. In diesem Kontext wird die ICF als eine die Lebenssituation des Betroffenen berücksichtigende und die psychiatrischen Klassifikationssysteme ICD und DSM sinnvoll ergänzende Klassifikationshilfe vorgestellt. Am Beispiel von Bayern sowie Schleswig-Holstein und Hamburg werden in zwei weiteren Kapiteln die länderspezifischen Rahmenbedingungen sowie die diagnostische Umsetzung zur Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs konkretisiert. Es wird nicht nur der momentane Stand dargestellt und dem Leser ein Vergleich länderspezifischer, im Schulgesetz verankerter Rahmenvorgaben und Umsetzungen ermöglicht, sondern auch die Darstellung bisheriger Entwicklungen, zukünftiger Perspektiven und noch zu bewältigender Aufgaben kommt nicht zu kurz. Eine Untersuchung zur Qualität sonderpädagogischer Gutachten in Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein weist auf die »Schere« zwischen dem Anspruch von Förderdiagnostik und oftmals noch anzutreffender Schulwirklichkeit hin und zeigt zukünftigen Forschungs- und Entwicklungsbedarf auf. In den nachfolgenden sechs Kapiteln werden diagnostische Strategien für drei Förderschwerpunkte strukturiert vorgestellt:
- emotionale und soziale Entwicklung
o am Beispiel hyperkinetischer und oppositioneller Störunge
o am Beispiel aggressiv-dissozialer Störungen
- kognitive Entwicklung
o am Beispiel von Teilleistungsstörungen des Lesens und Schreibens
o am Beispiel von Lernbehinderungen
- sprachliche Entwicklung
o am Beispiel rezeptiver und expressiver Sprachstörungen
o am Beispiel von Artikulationsstörungen
Perspektivisch werden schließlich noch zwei Bereiche thematisiert: Zum einen die kognitiven Leistungen im Kindergartenalter im Sinne einer Diagnostik von so genannten Vorläuferstörungen und zum anderen die Möglichkeiten des Einsatzes neuropsychologischer Diagnostik im Kindesalter unter Bezug auf wesentliche Basisfunktionen (Eigenantrieb, Lern- und Gedächtnisprozesse, Aufmerksamkeitsfunktionen) zur frühen Abschätzung sonderpädagogischen Förderbedarfs.
Diese Neuerscheinung in der Reihe »Test und Trends. Jahrbuch der pädagogisch- psychologischen Diagnostik« gibt einen einzigartigen Überblick mit Beiträgen namhafter Autoren zum aktuellen Wissens- und Praxisstand einer »Diagnostik sonderpädagogischen Förderbedarfs «. Auf Grund der durchaus auch kritischen Aspekte der Momentaufnahme und der daraus abgeleiteten Implikationen für die Zukunft wird auf motivierende Art und Weise zum Nachdenken und Diskutieren angeregt und so sicherlich zur Stabilisierung des Brückenschlags von Grundlagenforschung und Praxis beigetragen. Es handelt sich um eine strukturierte, anschauliche und unverzichtbare Lektüre für zukünftige und bereits aktive Praktiker aus Unterricht, Erziehung, Therapie und spezifischem Training.
Stefanie Roos
Information

Hogrefe Verlag
Göttingen 2006
261 Seiten, 39,95 Euro