Rumpelstilzchen-Syndrom
Du tust nicht genug!
Gertrud Ennulat
aus dem Buch: Wenn Kinder anders sind (S. 52 f)
Wenn in der Beziehung einer Mutter zu ihrem Kind alle Liebe und Fürsorge letztendlich doch nicht dazu geeignet sind, die Mängel seiner leib-seelischen Grundausstattung zu verändern, dann meldet sich nach einiger Zeit eine innere Stimme, die sagt: Du tust nicht genug! Du strengst dich einfach nicht genug an, deinem Kind zu helfen! Unweigerlich stellt sich ein schlechtes Gewissen ein, denn eine solche innere Richterstimme macht der Mutter den Vorwurf, sie liebe ihr Kind nicht genug. Was tut sie dagegen? Sie strengt sich an, diesem Idealbild der Mutterliebe zu entsprechen.
Mutterliebe, von Mythen häufig umrankt, genährt von kindlicher Fantasie, eingepasst in Normen, Sehnsüchte und Wünsche, wird dann beschworen, wenn etwas eigentlich nicht machbar ist, eine Hürde unüberwindlich hoch, eine Last zu schwer. Wenn alles stöhnend aufschreit, es geht nicht, dann ist der Moment gekommen, in dem sich die Mutter der Sache annimmt. Ein Überlebensprogramm scheint ihre Schritte zu lenken. Das Kind, das die Natur ihr fehlerhaft bei der Geburt geliefert hat, will noch einmal in den Mutterschoß. So scheint die Botschaft von Mutter Natur zu lauten, sobald der Groll über das schwere Schicksal vergessen ist. Nimm dein Kind ganz nah an dich heran, birg es in dir, lass es Anteil haben an deiner Natur. Auf diese Weise gewinnt die Mutter wieder Vertrauen in ihre Wachstumskräfte, die sich fernab von Entwicklungsnormen entfalten dürfen.
Mutterliebe - eine Mutter hört auf, an sich zu denken. Das tut sie nicht kraft willentlicher Entscheidung, nein, es geschieht gezwungenermaßen. Die Natur zwingt sie. Ihre mütterliche Natur zwingt sie, denn diese wächst und entfaltet sich mit der Aufgabe, Entwicklungshelferin ihres schwierigen Kindes zu sein. Doch der Preis ist hoch. Wer im Dienste der Mutterliebe wirken muss, die Macht der Liebe anbetet, zahlt in einer Währung, die es nicht auf der Bank gibt, weil sie jeden Tag neu geprägt werden muss. Und dieser Vorgang ist ein passiver, ein leidender. Wenn das Wohl und der Schutz des Kindes an oberster Stelle stehen, bleibt der Mutter gar nichts anderes übrig, als im Meer der Liebe zu versinken. Sie geht unter, ihr eigenes Wollen und Sehnen verstummt. Sie lässt sich in den Sog der Bewegung fallen, die auf das schwierige Kind zielt.
Neue Kriterien tauchen auf: Sie heißen Selbstaufgabe, Selbstaufopferung, heldenhafte Mutter, die sich deckt mit ihrer Aufgabe, die aufgeht in ihrem Kind. So werden die beiden ununterscheidbar.
Über kurz oder lang nimmt die Mutter die Schwäche des Kindes in sich hinein, will es auf diese Weise stärken und schützen. Immer geht es dabei auch um das Gefühl ihres eigenen Mangels, dem sie auf diese Weise antwortet. Wie kommt die Mutter aus dieser Zwickmühle der Ohnmacht? Sie flüchtet in einen Aktionismus, hetzt sich und das Kind von einer Therapie zur anderen, angetrieben von der Illusion, irgendwann auf die Wunderheilung zu treffen, die aller Not ein Ende macht. Gleichzeitig kann sie sich und aller Welt beweisen, wie sehr sie um das Wohl des Kindes bemüht ist. Mit diesen Anstrengungen wirkt sie dem eigenen Ohnmachtgefühl entgegen. Das ist der Preis, den sie bezahlen muss, um ihr Selbstwertgefühl stabil zu halten.