Weiterer transfusions-assoziierter Todesfall im Vereinigten Königreich

Übertragung von vCJD durch Blutkonserven

Seit der Erstbeschreibung der
Variante Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung (vCJD) musste die Einschätzung der epidemiologischen Bedeutung wiederholt revidiert werden. Ausgeblieben ist die befürchtete humane Epidemie mit mehreren 100.000 Fällen, die durch den Verzehr von BSE-haltigem Fleisch befürchtet wurde. Lediglich, wenn auch tragische ca. 160 Todesfälle, wurden bislang im Vereinigten Königreich und einigen anderen Ländern registriert. Nichts desto trotz bleibt das Thema aktuell.

Das medizinische Fachjournal "The Lancet" (Wroe, SJ et al.: 368, 2061-2067 (2006)) berichtete jetzt über einen 32-jährigen Patienten, der kürzlich an vCJD verstorben ist. Dieser Patient erhielt vor 7,5 Jahren eine Blutkonserve eines Spenders, der in der Folge an
vCJD verstarb. Durch die post-mortem Untersuchung der Tonsillen ließ sich die Diagnose einer
vCJD bestätigen.
Eine experimentelle Therapie mit Quinacrine konnte den Krankheitsverlauf bei dem Patienten nicht beeinflussen. Bei dem jetzigen Fall handelt es sich um den inzwischen dritten gesicherten Fall einer Übertragung von
vCJD durch Blutkonserven. Auf der Basis der bisherigen transfusions-assoziierten Todesfälle muss jetzt von einer Inkubationszeit von 6 bis 7 Jahren ausgegangen werden. Der verstorbene Patient war im MRC-PRION-1 erfasst worden, nach dem bekannt wurde, dass ihm eine Blutkonserve eines an
vCJD-Patienten verabreicht worden war.
Weitere 66 Empfänger von möglicherweise prionen-kontaminiertem Blut wurden bisher registriert, wovon 34 bereits an anderen Todesursachen verstarben sind. Die 32 noch lebenden Blutempfänger werden regelmäßig untersucht. Ob die Erkrankung bei ihnen auftreten wird, lässt sich mangels adäquater Testmöglichkeiten weder ausschließen oder vorhersagen. Allerdings wird ihr Risiko zu erkranken inzwischen als sehr hoch eingeschätzt. Inzwischen lässt sich die Diagnose durch eine Tonsillen-Biopsie bei Infizierten oftmals schon vor Beginn der symptomatischen Erkrankung feststellen.
Aufgrund des neuerlichen Falles verdichten sich die Belege, dass die Inkubationszeit bei transfusionsassoziierten
vCJD-Fällen deutlich kürzer ist als bei den nahrungsmittelassoziierten Erkrankungen. Bei nahrungsmittelassoziierten Übertragungen von BSE auf den Menschen bedarf es zunächst des Überspringens der Speziesbarriere, was bei transfusionsassoziierten Infektionen jedoch nicht notwendig ist.
Dieser erneute transfusions-assoziierte vCJD-Todesfall verdeutlicht erneut, dass Prionen nicht nur durch Nahrungsmittel, sondern auch durch korpuskuläre Blutprodukte übertragen werden können. Wie viele Menschen im Vereinigten Königreich mit vCJD infiziert sind und ihr Blut so möglicherweise eine potentielle Infektionsquelle bei Transfusionen darstellt, ist unbekannt. Da vCJD-Fälle nicht nur im Vereinigten Königreich aufgetreten sind, dürften diese transfusionsassoziierten Erkrankungen auch in anderen Ländern zukünftig auftreten.
Wie groß das Gefährdungspotenzial in den betroffenen Ländern tatsächlich ist, lässt sich nur schwer abschätzen. Auch durch die Globalisierung dürften vermutlich weitaus mehr Menschen weltweit BSE-exponiert gewesen sein. Die Übertragung von vCJD durch Blutprodukte dürfte daher auch in den nächsten Jahren weiterhin ein Problem darstellen, wobei jedoch das Ausmaß derzeit schwer abschätzbar ist (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg; Redaktion medizin.de).
Quelle: Medical-News