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Alt 16.05.2008, 11:26
Benutzerbild von angelika
angelika angelika ist offline
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Registriert seit: 08.02.2006
Ort: rotterdam und wien
Beiträge: 7.502
Standard Körperliche Lust und sexuelle Bedürfnisse als vollkommen menschlich wahrnehmen

Jeder stellt die Frage in sich hinein: Wie wichtig ist eine gelebte Sexualität für mein Glück, mein Zufriedenheitsgefühl? Welchen Stellenwert hat eine gelebte Sinnlichkeit/Sexualität in meinem Leben?

Im Jahr 2004 hat Nina de Vries in der Schweiz SexualassistentInnen ausgebildet (SexualbegleiterInnen wird es in Deutschland genannt - es ist das Gleiche) und damals das Berufsbild folgendermaßen formuliert:

"SexualassistentInnen sind Frauen und Männer, die aus einer transparenten und bewussten Motivation heraus, Menschen mit einer körperlichen, seelischen/psychischen oder geistigen Beeinträchtigung Hilfestellungen zum Erleben ihrer Sexualität anbieten und dies zu ihrem Beruf machen. Sie ermöglichen Menschen, die auf Grund ihrer Situation (u.a. Krankheit, Unfall, Biographie) eine behutsame, kreative Annäherung auf dem Gebiet der Sexualität brauchen, ein intimes, sinnliches und erotisches Erlebnis und vermitteln ihnen ein positives Körpergefühl. Sie setzen ihren eigenen Körper ein, um anderen Freude und Lust zu verschaffen. Sie bieten u.a. Beratung, Massage, Berührung, Zärtlichkeit, nackten Körperkontakt, Anleitung zur Selbstbefriedigung, Genitalmassage an. Einige bieten auch Geschlechtsverkehr und Oralkontakt an. Sie achten Menschen mit Behinderung als gleichwertig."

Nina de Vries sagt: "Ich habe mir diese Arbeit nicht ausgedacht, sondern habe 1994 angefangen sinnliche Massagen anzubieten und es hat sich dann durch Anfragen so ergeben. Mittlerweile arbeite ich meist mit mehrfach behinderten Menschen und mache viel Öffentlichkeitsarbeit."
Dabei fragen Menschen immer wieder: "Wie können Sie das? Sie haben Schwierigkeiten, es nachzuvollziehen, was ja auch nicht sein muss aber sie scheinen das Bedürfnis zu haben es sich wenigstens annähernd vorstellen zu können. Oder letztens war ich im französischen Fernsehen in einer Talkshow namens "Tabu Prostitution" und da war in einem kurzen Interview die letzte Frage: Verspüren Sie denn auch manchmal Ekel? Eine Frage die mir auch fast auf jeder Veranstaltung gestellt wird.

Mir wurde schon früh mehr und mehr bewusst, wie diese Gesellschaft u.a. auf Ausgrenzung, Chancenungleichheit und Leistung basiert und wie dies bei Vielen zu großer Isolation, Angst und Einsamkeit führt.

Berührung z.B. ist für viele etwas Beängstigendes. Es ist etwas zwischen kleinen Kindern und ihre Eltern, für Liebende/Menschen in einer Paarbeziehung oder zwischen Mensch und Tier. Liebevolle und sinnliche Berührung und Herzlichkeit mit Anderen zu teilen ohne dass diese zur Familie gehören oder in einer Paarbeziehung zu einem sind, ist mehr oder weniger verboten. (Hieraus entstehen übrigens meiner Meinung nach auch z.B. Situationen in denen Menschen mit einer Behinderung, die stark auf Pflege angewiesen sind manchmal halb tot geknutscht werden von Pflegenden. Ein übergriffiges Verhalten, was dazu dient, den eigenen Bedürfnissen nach Berührung gerecht zu werden). Dass Menschen fühlende, verletzliche UND! sexuelle Wesen sind, wird verdrängt und unterdrückt. Folgen: Gewalt, Grausamkeit, Missbrauch, emotionale Kälte."

Durch viele Möglichkeiten des Experimentierens wurde für Nina de Vries auch Sexualität entmystifiziert. "Damit meine ich, dass ich meine ureigenste Sexualität entdecken konnte und sich die Befangenheit und auch die Überbewertung von Sexualität, die in unserer Gesellschaft herrscht, lösen konnte. Die Erkenntnis, dass Sexualität nicht unbedingt an eine romantische Idee von Liebe gekoppelt sein muss um würdevoll, respektvoll und genussvoll zu sein. Ich habe gelernt, Sexualität als menschliche Gegebenheit, als ein Werkzeug und als Kommunikationsmöglichkeit zu begreifen. (...) Sex als Möglichkeit in Kontakt zu kommen mit oder zu verweilen in dem ozeanischen Gefühl von purem Sein, was vor der Geburt da gewesen ist. Jenseits von Zeit und Form.

Übrigens bin ich der Meinung, dass sich dieser Sex, den ich gerade beschrieben habe nur im Rahmen einer Freundschafts- oder Liebesverbindung ereignen wird und nicht im Rahmen einer sexuelle Dienstleistung. Obwohl auch da viele heilende Erfahrungen gemacht werden können kann es nicht die Art der Intensität haben, die es braucht um wirklich in diese Verschmelzung kommen zu können."

Menschen sind ihrem Leben natürlich hilflos ausgeliefert und wissen nicht, was als nächstes passieren wird. Gegen diese Unsicherheit versuchen sie sich durch Kontrolle und Regelungen, Definitionen und Wertungen zu schützen.

"Dieses Phänomen wird natürlich auch sehr klar im Umgang mit Behinderung in unserer Gesellschaft. Die Ausgrenzung wird dann wieder kompensiert mit Mitleid, was ein Gräuel sein muss für die Betroffenen. Ich denke z.B., dass die wahre Lösung, auch auf dem Gebiet von Sexualität und Beziehungen, (auf jeden Fall für Menschen mit einer Körperbehinderung und auch für viele mit einer so genannten leichten geistigen Behinderung) eine vollständige Integration in der Gesellschaft ist. Damit sie als potentielle LiebespartnerInnen wahrgenommen werden können.

So lange dies nicht der Fall ist, kann so etwas wie Sexualbegleitung eine (temporäre) Lösung oder Möglichkeit sein. Für manche Menschen mit einer so genannten schweren geistigen Behinderung wird eine aktive sexuelle Assistenz unerlässlich sein, weil sie auf Grund ihrer Behinderung keine Paarbeziehung eingehen können.

In meiner Arbeit setze ich mir als Aufgabe in einem Anderen das Schöne und Einzigartige zu entdecken und habe die Möglichkeit dieser Person etwas zu geben wonach er/sie sich sehnt. Was ihn/sie meistens entspannt und ihm/ihr wohl tut. Dabei immer Acht gebend auf meine Grenzen. Ich biete persönlich z.B. keinen Geschlechtsverkehr und keinen Oralkontakt an. (...) Es geht nicht darum jeden zu mögen und wahllos Erwartungen zu erfüllen oder darum nur zu befriedigen, sondern präsent zu sein, in Kontakt mit mir zu sein und so eine echte Begegnung mit ihren Höhen und Tiefen, ihren Möglichkeiten und Unmöglichkeiten erlebbar zu machen. Körperliche Lust und sexuelle Bedürfnisse als vollkommen menschlich wahrzunehmen."

Wenn Empfänglichkeit und Vertrauen beim Anderen vorhanden, und wenn das Angebot passend ist zu den Wünschen des Klienten, entsteht ganz von selber eine Schwingung von Respekt, Sympathie und Gemeinsamkeit.

"Dies schließt Erotik und Erregung nicht aus. Für manch Einen natürlich schon, der meint, Erregung und sexuelle Spannung entstehen durch das Hervorheben der Gegensätze, durch visuelle Reize und einer sich gegenseitig vorgespielten Geilheit. Dies ist etwas, was man oft in der so genannten "normalen" Prostitution findet, wo Sex sich hauptsächlich im Kopf abspielt. Diese Ebene ist legitim aber es ist nicht meine. Ich lenke die Aufmerksamkeit gerne in die unmittelbare sinnliche Wahrnehmung. Das nicht Respektieren eigener Grenzen ist der Nährboden für z.B. so etwas wie Ekel. Ich gebe letztendlich, das was ich selber brauche. Ich habe ein Bedürfnis etwas zu geben und kann denen, die es haben wollen nur dankbar sein.

Was ich Ihnen also gerne ein bisschen näher bringen oder ein klein wenig nachvollziehbarer machen will ist, dass es möglich ist, einen sexuellen Dienst zu leisten, ohne seine eigenen Grenzen zu verletzen und Freude daran zu haben.
Meine Arbeit berührt mich und hält mich wach. Ich lerne über mich in dem ich viele verschiedene andere Menschen von nahem betrachten, berühren und begegnen darf. (...)

Ich möchte noch erwähnen, dass ich denke, dass Menschen mit einer Körperbehinderung oder einer leichten geistigen Behinderung auch ganz "normale" sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen können, wenn sie das wollen und das Umfeld mitspielt. Menschen mit einer schweren geistigen Behinderung dagegen werden nicht gut aufgehoben sein in der so genannten "normalen Prostitution"."

Nina de Vries lebt in Berlin.

Links:

http://www.sexualassistenz.ch

http://www.fabs-online.org



[ farbe - Zeitung für Fachkräfte in der Behindertenarbeit ]
Auszüge aus einem Vortrag von Nina de Vries in Graz am 16.11.2007.
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Der Weg von Mensch zu Mensch,
ist oft weiter und schwieriger,

als der Weg von der Erde zum Mond.
angie
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  #2  
Alt 04.12.2008, 20:59
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Mary Mary ist offline
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Registriert seit: 28.03.2005
Ort: Dortmund
Beiträge: 10.954
Standard

Ich bekam heute einen Hinweis auf einen Artikel zu

Behinderung und Sexualität (Zwei Betroffene in einem Interview)
__________________
... schön Dich zu lesen ...


Hiermit untersage ich ausdrücklich aus datenschutzrechtlichen Gründen, mich als Kontakt in Netzwerken wie Facebook anzugeben! Bitte wahrt meine Persönlichkeitsrechte und die Bestimmungen des deutschen Datenschutzrechts. Wer mehr zu diesem Thema erfahren möchte, dem empfehle ich z. B. den
Artikel "Krake Facebook"


Und wen Öko-Themen interessieren, hier meine neue Lieblingsseite - ganz frisch auf'm Markt: SymBioZone

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  #3  
Alt 23.08.2009, 22:41
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angelika angelika ist offline
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Beiträge: 7.502
Standard Sexualität darf nicht länger Tabuthema sein

Sexualität darf nicht länger Tabuthema sein

( Quelle: kobinet-Nachrichten )
Sexualität von Menschen mit Behinderungen ist nach wie vor ein Tabuthema. Eltern, Betreuer und Betroffene trauen sich oft noch nicht, das Thema offen anzusprechen und zu diskutieren. Sexualität darf nicht länger Tabuthema sein - mehr dazu
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  #4  
Alt 30.01.2012, 13:41
Benutzerbild von Mary
Mary Mary ist offline
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Registriert seit: 28.03.2005
Ort: Dortmund
Beiträge: 10.954
Standard Artikel bei Süddeutsche.de: Tabu Sex und Körperbehinderung

Die Süddeutsche hat zum Tabuthema Sex und Körperbehinderung einen Artikel veröffentlicht.

Der Artikel beginnt mit dem Kern der Problematik:

Für Menschen mit schwerer Behinderung ist nichts wie für Gesunde - auch der Sex nicht. Trotz zaghafter Schritte hin zur sexuellen Befreiung bleibt ihr Bedürfnis ein Tabu. Vielen bleibt nur der Weg zu Prostituierten.

Der Artikel beleuchtet aber nicht nur den für viele Betroffenen einzigen Weg zu Prostituierten, sondern geht u. a. auch auf das Thema "Assistierter Sex" ein.

Gut, dass die Süddeutsche das Thema aufgreift! Nur Thematisierung hilft gegen die Tabuisierung.

Hier der Link zum Artikel zum Tabu Sex und Körperbehinderung bei Süddeutsche.de
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... schön Dich zu lesen ...


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