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Alt 26.10.2007, 11:07
Benutzerbild von angelika
angelika angelika ist offline
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Standard Tagebuch zum Weg in die eigene Wohnung

Tagebuch zum Weg in die eigene Wohnung.




München (kobinet) Esther Hoffmann aus München ist 34 Jahre alt hat seit ihrem 16. Lebensjahr in unterschiedlichsten Wohn- und Internatsgruppen für behinderte Menschen gelebt. Während dieser Zeit musste sie sich den verschiedenen Hausordnungen, Duschplänen, Bettgehzeiten etc. anpassen. Seit kurzem lebt Esther Hoffmann in ihrer eigenen Wohnung und hat den Prozess des Umzugs nun als ein Ergebnis ihres Teilhabeprojektes im Rahmen der vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten E-Learning Weiterbildung zur politischen Selbstvertretung behinderter Menschen des Bildungs- und Forschungsinstituts zum selbstbestimmten Leben Behinderter (bifos) in Form von Tagebuchaufzeichnungen veröffentlicht. omp

Erfahrungsbericht von Esther Hoffmann

Tagebuch zum Weg in die eigene Wohnung

Mein Name ist Esther Hoffmann. Ich bin jetzt 34 Jahre alt. Seit meinem 16. Lebensjahr lebe ich in den unterschiedlichsten Wohn- und Internatsgruppen, 8 Jahre davon in einer Wohngemeinschaft in München. Ich musste mich während dieser Zeit, also immerhin 18 Jahre, den Hausordnungen, Duschplänen, Bettgehzeiten etc. anpassen. Ich finde, in meinem Alter oder sogar früher hat man auch als Mensch mit Behinderung ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben in dem ich Entscheidungen, wie ich meinen Alltag leben möchte, ohne Rücksicht auf andere Personen selbst gestalten kann. Nun sehnte ich mich also nach meiner eigenen Wohnung. Im August 2006 stellte ich beim Amt für Wohnen und Migration in München einen Antrag für eine rollstuhlgerechte, sozial geförderte, Wohnung.

Der Antrag muss folgende beigefügten Unterlagen enthalten: Den vollständig ausgefüllten und unterschriebenen Antrag mit selbstverständlich richtigen Angaben, aktueller Grundsicherungsbescheid bzw. Bescheide von im Einzelfall zuständigen anderen Kostenträgern, Schwerbehindertenausweis, Mietvertrag der bisherigen Wohnung, sowie evtuell Lohnbescheinigungen.

Ich stellte einen formlosen Antrag meiner Pflegekosten beim zuständigen Sozialamt. Einige Tage später schrieb meine Sachbearbeiterin, dass ich mir erst eine Wohnung suchen müsse und dass sie mir eine fiktive Zusicherung nicht machen könne.

Im Januar 2007 bekam ich einen Wohnungsvorschlag. Ich sagte der Wohnung zu.

Leider wurde ich negativ beeinflusst - eine 24-stündige Assistenz sei viel zu teuer. Das Sozialamt würde auf jeden Fall Steine in den Weg legen, und die Kosten hierfür nicht übernehmen. Ich sagte die Wohnung trotz Benennung wieder ab und entschloss mich schweren Herzens in die Pfennigparade zu ziehen, wo der Abruf der Assistenz gegeben ist. Ich bat den Leiter der Wohngemeinschaften mir einen Aufschub bis April zu gewähren, denn zu diesem Zeitpunkt sollte in der Pfennigparade eine Zweizimmerwohnung frei werden. Im April wollte in der Pfennigparade niemand etwas davon wissen, dass für mich eine Zweizimmerwohnung freigehalten werden sollte. Ich war stinksauer!!! Der Leiter gab mir jetzt noch mal einen Aufschub bis Ende August 2007. Jetzt wurde mir wieder ein Zimmer in einer WG innerhalb der Stiftung Pfennigparade zugesichert. Der Wohnungsantrag lief während der ganzen Zeit ohne erneute Wohnungsvorschläge weiter.

Am 14. Juli 2007 flatterte ein Angebot vom Wohnungsamt für eine rollstuhlgerechte Wohnung ins Haus. Ich dachte, angucken kann nicht schaden. Ich fuhr gleich am folgenden Montag zur Wohnungsbaugesellschaft, denn es ist so, dass man jedes Wohnungsangebot welches man zugeschickt bekommt vom Vermieter abzeichnen lassen muss und innerhalb einer Woche dem Wohnungsamt zurücksenden soll.

Ich fuhr also zur Wohnungsbaugesellschaft und bekam noch am selben Tag einen Besichtigungstermin der Wohnung. Was mich erwartete war eine genau auf meine Bedürfnisse zugeschnittne 3 Zimmer Wohnung; mit 88,5 m² Gesamtwohnfläche. Für mich stand fest, dass ich die Wohnung haben wollte. Am nächsten Tag ließ ich mir sofort einen Termin beim Sozialamt geben, um die anfallenden Kosten wie Miete und Assistenz zu klären. Leider war meine zuständige Sachbearbeiterin in Urlaub und ich musste mich mit der Vertretung auseinandersetzen, was nicht einfach war. Ich musste mir anhören, die Wohnung sei zu teuer und dass behinderte Menschen den Staat nur ausnutzen. Der Sachbearbeiter machte sich nicht einmal die Mühe den vorläufigen Mietvertrag zu lesen, sondern lehnte gleich kategorisch ab. Ich rief beim Wohnungsamt an und fragte ob meiner dortigen Sachbearbeiterin ein Fehler unterlaufen sei und mir die Wohnung nicht zusteht. Laut Wohnungsamt steht mir die Größe der Wohnung aufgrund meiner Hilfsmittel und meines Assistenzbedarfs zu. Auch meine Vermieter schrieben eine Stellungnahme aus welchen Gründen sie die Wohnung an mich vermieten möchten.

Für mich stellte sich jetzt die Frage, wie ich die Assistenz abdecken wollte, über das Arbeitgebermodell, oder lieber doch über einen Pflegedienst. Beim Pflegedienst hätte ich das Problem, dass nur zu bestimmten Zeitpunkten jemand bei mir wäre. Das Arbeitgebermodell erschien mir für mich nicht umsetzbar, da ich mathematisch keine Leuchte bin und ich mich deshalb trotz VbA und VIF, die die Lohnabrechnungen für Arbeitgeber mit Behinderung durchführen, der ganzen Sache nicht gewachsen fühlte. Ich unterhielt mich mit meinem Mitbewohner, der mir dringend davon abriet, das Arbeitgebermodell durchzusetzen, weil er damit schon größte Schwierigkeiten hatte. Stattdessen berichtete er mir von einem Pflegedienst, bei dem man eigene Helfer anstellen lassen kann. Sofort gab ich die Internetadresse ein und informierte mich. Mir fiel auf, dass ich den Pflegedienstleiter aus früheren Zeiten schon kannte. Ich rief an, vereinbarte einen Gesprächstermin mit ihm und ließ mir vorab schon einen Kostenvoranschlag für eine 24stündige Versorgung, die ich ja auch dem Sozialamt vorlegen musste, erstellen. Grundlage hierfür war mein aktuelles Pflegegutachten des Medizinischen Dienstes, das ebenfalls dem zuständigen Sozialamt vorgelegt werden musste.

Während dieser ganzen Zeit gab es Verhandlungen zwischen dem Sozialamt und dem Wohnungsamt. Ich sprach immer wieder beim Sozialamt vor um nicht in Vergessenheit zu geraten, da der Leiter der Wohngemeinschaften mir eine Frist zum 31.08.07 gesetzt hat.

Schließlich sprach ich wiederholt bei der zuständigen Urlaubsvertretung meiner Sachbearbeiterin im Sozialamt vor. Zum wiederholten Mal bekam ich zu hören, den Staat ausnutzen zu wollen. Diesmal ging ich zum Gruppenleiter im Sozialamt. In diesem Gespräch sollte ich die Unterlagen der Wohnung mitbringen. Hier wurde klar, dass ich nur die Benennung vom Wohnungsamt holen müsste und schon wäre ich Mieterin der Wohnung. Gesagt, getan. Mittlerweile war meine Sachbearbeiterin wieder aus dem Urlaub zurück und nachdem geklärt war, dass die Kosten der Wohnung übernommen werden, sollte ich einen zweiten Kostenvoranschlag eines anderen Pflegedienstes vorlegen. Dieser war zwar günstiger als der meines favorisierten Pflegedienstes INTENSIV LEBEN ZU HAUSE, aber ich kann und konnte hier meine Assistenten selbst aussuchen, wogegen beim anderen Pflegedienst mir Assistenten ohne Wahlmöglichkeit zur Verfügung gestanden hätten. Letztendlich war das der Grund warum INTENSIV LEBEN ZU HAUSE vom Sozialamt den Auftrag erhielt.

In der Zeit der Entscheidungsfindung des Sozialamtes bin ich in die neue Wohnung eingezogen und meine Eltern übernahmen meine Assistenz. Gleichzeitig ging ich weiterhin meinem beruflichen und privaten Alltag nach. Am 13.09.2007 war es endlich soweit. Meine Sachbearbeiterin rief mich an und teilte mir mit, dass INTENSIV LEBEN ZU HAUSE den Auftrag erhalten würde, gleichzeitig faxte sie den Bewilligungsbescheid an meinen nun zuständigen Pflegedienst, der noch am gleichen Tag tätig wurde und mir aus dem bestehenden Pflegedienstteam Personal zur Verfügung stellte. Am 15.09.2007 nahm das Team seine Arbeit bei mir auf und meine Eltern konnten beruhigt nach Hause fahren. Über die Assistenzbörse bekam ich nun ständig Bewerbungen, die sich bei mir vorstellten und mittlerweile bei mir arbeiten. Ich kann eine Vollzeit- und mehrere 400 Euro Basis Stellen besetzen.

Ich lebe jetzt seit einem Monat in meiner eigenen Wohnung und kann mir schon jetzt mein Leben nicht mehr anders vorstellen. Es war ein langer, steiniger Weg, der sich gelohnt hat zu gehen.

Ich danke allen, die mich auf diesem Weg unterstützt haben und mich immer wieder ermutigten nicht aufzugeben. Im besonderen danke ich meinen Eltern, dass sie ohne zu Zögern für mich da waren und immer noch sind, wann immer ich sie brauche. Auch INTENSIV LEBEN ZU HAUSE möchte ich für die gute Kooperation Danke sagen. Ich hoffe mit diesem Tagebuch Menschen mit Behinderung Mut zu machen, so dass sie ihre Ziele hartnäckig verfolgen! Jeder kann es schaffen ein selbstbestimmtes Leben zu führen!
__________________
Der Weg von Mensch zu Mensch,
ist oft weiter und schwieriger,

als der Weg von der Erde zum Mond.
angie
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  #2  
Alt 26.10.2007, 20:48
Benutzerbild von evma
evma evma ist offline
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Registriert seit: 01.08.2005
Ort: ostsee
Beiträge: 24.215
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klasse weiterhin eine schöne zeit in der eigenen wohnung,es zeigt sich hartnäckigkeit zahlt sich aus
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