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Alt 15.06.2006, 20:11
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Standard blindheit und hochgradige sehbehinderung

Blindheit und hochgradige Sehbehinderung


In diesem Artikel geht es um angeborene Blindheit oder hochgradige Sehbehinderung im Kleinkind- und Vorschulalter. Folgende Themen werden behandelt:Häufigkeit, Definition und Diagnose

Angeborene Blindheit oder hochgradige Sehbehinderung sind seltene, aber schwerwiegende Behinderungsformen. Schätzungsweise werden pro Jahr 160 blinde Kinder in Deutschland geboren, d.h. 2 blinde Kinder auf 10.000 Geburten. Die Anzahl hochgradig sehbehinderter Kinder wird mit vier- bis sechsmal so hoch angegeben.

Die gesetzliche Definition von Sehschädigung - der Oberbegriff für Blindheit und Sehbehinderung - erfolgt in Deutschland nach den Bestimmungen der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft. Kinder mit einem Sehvermögen von 2% oder weniger werden als blind bezeichnet. Bei einem Sehvermögen von mehr als 2% bis 5% spricht man von hochgradiger Sehbehinderung, während Personen mit einem Sehvermögen größer als 5% bis 30% als sehbehindert eingestuft werden. Diese augenärztliche Einteilung bezieht sich auf die Messung der Fernsehschärfe. Eine Sehschädigung kann jedoch auch durch andere Beeinträchtigungen verursacht sein, z.B. wenn eine Person unter einer massiven Einschränkung des Gesichtsfeldes, extremer Blendungsempfindlichkeit oder einer schwerwiegenden Störung beim Sehen im Nahbereich leidet.

Angeborene Blindheit oder hochgradige Sehbehinderung sind oft mit weiteren Schädigungen verbunden. Der Prozentsatz mehrfach behinderter Kinder wird auf 50% bis 70% geschätzt. Bei vielen dieser Kinder ist eine hirnorganische Schädigung die Ursache für die Behinderung.

Für die Einschätzung des praktisch verwertbaren Sehvermögens reicht die augenärztliche Diagnose oftmals nicht aus. Nicht alle gesetzlich blinden Kinder sind völlig blind. Beispielsweise können Kinder mit minimaler Lichtscheinwahrnehmung - gesetzlich als blind eingestuft - sich anhand von starken Lichtquellen orientieren und besitzen somit in ihrer Orientierungsfähigkeit Vorteile gegenüber dem vollblinden Kind. Bei hochgradig sehbehinderten Kindern ergeben sich sogar noch größere Unterschiede als bei blinden Kindern im praktisch verwertbaren Sehvermögen. Deshalb sollten Eltern ihr Kind genau beobachten, ob es Anzeichen für visuelles Verhalten zeigt, z.B. ob es sich zu einer Lichtquelle wendet oder bei starker Sonneneinstrahlung mit den Augen blinzelt. Selbst bei nur minimalem Sehvermögen sollte das Kind durch geeignete Förderung lernen, sein Sehvermögen optimal zu nutzen.


Elternreaktionen

Die Geburt eines blinden Kindes löst bei fast allen Eltern tiefe Betroffenheit und Trauer aus, da ihre Wünsche und Erwartungen im Hinblick auf ihr neugeborenes Kind mit einem Schlag zerstört erscheinen. Sie können sich ein Leben ihres Kindes ohne Sehen nicht vorstellen. Oft gestellte Fragen in der Anfangszeit beziehen sich auf die Lebensperspektiven ihres Kindes - in der Schule, im Beruf oder im Hinblick auf eine Partnerschaft.

Vor allem in den ersten Lebensmonaten hoffen viele Eltern, dass durch eine Augenoperation die Sehschädigung ihres Kindes geheilt oder wenigstens gemindert werden kann. Leider werden die meisten Eltern enttäuscht, da trotz des medizinischen Fortschritts nicht alle Sehschädigungen zu beheben sind.

Fast alle Eltern fühlen sich bei der Erziehung ihres Kindes hilflos und unsicher. Diese Unsicherheit ist sehr verständlich, da sie selbst, andere Familienangehörige oder Freunde in der Regel keine Erfahrungen in der Erziehung eines blinden oder hochgradig sehbehinderten Kindes haben. Deshalb ist es sinnvoll, frühzeitig Kontakt zu einer blindenspezifischen Frühförderstelle aufzunehmen, um von fachlicher Seite Unterstützung in der Erziehung und Förderung ihres Kindes zu erhalten (siehe Liste der Frühförderstellen - Ende des Artikels).

Eine wichtige Hilfe in der Anfangszeit ist die Unterstützung durch den Partner, die Verwandten und Freunde. Die Mittrauer und das Mitsorgen der anderen Personen kann die eigene Trauer mindern und zur Rückgewinnung der eigenen Stabilität beitragen. Besonders wichtig ist es, möglichst schnell Kontakt zu anderen betroffenen Eltern herzustellen, um Erfahrungen auszutauschen und sich wechselseitig zu unterstützen (siehe Liste von Elternselbsthilfegruppen - Ende des Artikels).


Allgemeine Auswirkungen von angeborener Blindheit oder hochgradiger Sehbehinderung

Angeborene Blindheit oder hochgradige Sehbehinderung wirken sich in den ersten Lebensjahren auf alle Entwicklungsbereiche aus, da der Gesichtssinn in dieser frühen Entwicklungsphase für den Erwerb von Entwicklungsfertigkeiten und Lernerfahrungen von zentraler Bedeutung ist. In den ersten Lebensjahren lernt das Kind hauptsächlich durch aktive Beschäftigung mit den Gegenständen der Umwelt und durch Nachahmung der Handlungen anderer Personen. Beide Lernprozesse werden vorwiegend durch den Gesichtssinn angeregt und gesteuert. Somit muss man in den ersten Lebensjahren mit Entwicklungsverzögerungen bei blinden Kindern rechnen, ohne dass diese Verzögerungen ein Hinweis auf weitere Schädigungen sein müssen. Mit dem Spracherwerb und den zunehmenden Möglichkeiten, durch sprachliche Kommunikation dem blinden Kind Sachverhalte erklären zu können, die es nicht sehen kann, lassen sich aufgetretene Entwicklungsverzögerungen mindern.

Langfristig ergeben sich nur in einigen Lebensbereichen andauernde Einschränkungen, z.B. in der Orientierung und Fortbewegung oder im lebenspraktischen Bereich, beispielsweise beim Essen mit Messer und Gabel, beim An- und Ausziehen oder später im Erwachsenenalter bei der Haushaltsführung oder beim Unterschreiben eines Dokumentes. Für die Minderung dieser Schwierigkeiten gibt es ab dem Schulalter spezielle Förderprogramme, z.B. die so genannte Schulung in Orientierung und Mobilität oder die Schulung in lebenspraktischen Fertigkeiten.

In vielen anderen Lebensbereichen - der Sprache, der Intelligenz, dem Sozialverhalten oder der Persönlichkeitsentwicklung - gibt es langfristig keine oder nur geringe blindheitsbedingte Einschränkungen. Gerade diese Entwicklungsbereiche sind aber für die schulische und berufliche Ausbildung von vorrangiger Bedeutung, so dass im Erwachsenenalter blinden und hochgradig sehbehinderten Kindern viele berufliche Möglichkeiten offen stehen, die sich durch die neuen technischen Errungenschaften, z.B. Computer mit Sprach- oder Punktschriftausgabe, noch verbessert haben. Diese Aussage gilt für blinde oder hochgradig sehbehinderte Kinder ohne weitere zusätzliche Schädigungen. Bei mehrfach behinderten Kindern muss in Abhängigkeit von der Art und Schwere der zusätzlichen Beeinträchtigungen mit lebenslangen Einschränkungen gerechnet werden.


Entwicklung in den ersten Lebensjahren

Blinde Kinder sammeln in den ersten Lebensjahren wichtige Lernerfahrungen durch Ausnutzung alternativer Sinnesinformationen. Dabei dient der Tastsinn vornehmlich der Gegenstands- und Personenwahrnehmung. Das blinde Kind erwirbt tastend Kenntnisse über die Eigenschaften von Objekten oder Personen, z.B. deren Form, Größe oder Beschaffenheit. Die Exploration/ Erkundung von Gegenständen und der aktive Gebrauch der Hände sind von zentraler Bedeutung für den Wissenserwerb blinder Kinder. Nur das, was blinde Kinder mit den Händen greifen und betasten, können sie auch begreifen.

Der Hörsinn dient der Interaktion mit Personen - anfänglich durch lautliche, später durch sprachliche Kommunikation. Außerdem kann das blinde Kind durch den Hörsinn Ereignisse und Situationen, z.B. das Kommen und Gehen von Personen oder die Beschäftigung der Eltern bei der Hausarbeit, wahrnehmen. Zusätzlich liefert der Hörsinn blinden Kindern wichtige Informationen zur Raumwahrnehmung und Orientierung.

Der Hörsinn besitzt für blinde Menschen noch eine weitere wichtige Funktion. So wie sehende Menschen sich am Anschauen "schöner Dinge" erfreuen, erfreuen sich blinde Menschen noch mehr als sehende Personen an Geräuschen, Tönen und Musik. Überspitzt ausgedrückt: Das Tasten dient dem Verstand, das Hören der Seele blinder Menschen.

Für den Erwerb motorischer Fertigkeiten wie eigenständiges Stehen und Gehen sind propriozeptive Informationen, d.h. die Empfindungen der Muskeln und Gelenke, und vestibuläre Informationen durch den Gleichgewichtssinn von zentraler Bedeutung. Diese beiden Sinne liefern dem blinden Kind Rückmeldungen über den Erfolg seiner motorischen Handlungen und dienen somit wesentlich dem Erwerb dieser Fertigkeiten.

In geringerem Umfang sind auch die übrigen Sinne an dem Lernerwerb beteiligt, z.B. nutzen viele blinde Kinder das Riechen als Möglichkeit der Personenerkennung oder das In-den-Mund-Nehmen von Objekten für die Gegenstandswahrnehmung.
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Alt 15.06.2006, 20:12
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Trotz intensiver Forschungs- und Praxiserfahrung sind die genauen Vorgänge, wie blindgeborene Kinder die alternativen Sinne für ihren Wissenserwerb in den ersten Lebensjahren nutzen, noch nicht hinreichend bekannt. Diese noch immer unzureichenden Kenntnisse sind darauf zurückzuführen, dass Forscher, Blindenpädagogen und Eltern in einer sehenden Welt leben und deshalb in Kategorien sehender Personen denken. Sie verfügen über keine eigenen Erfahrungen, wie blindgeborene Kinder Lernerfahrungen durch alternative Sinne erwerben. Auch Blindgeborene im Erwachsenenalter können keine Auskunft darüber geben, wie sie sich als Kleinkind Erfahrungen angeeignet haben, da ihr Erinnerungsvermögen nicht bis zu diesem Lebensabschnitt zurückreicht. Verständlicherweise können blindgeborene Kinder im Kleinkindalter den Eltern oder anderen Personen nicht mitteilen, wie sie die Welt wahrnehmen und welche Erfahrungen für sie nützlich oder weniger nützlich sind, da sie noch nicht über genügende sprachliche Möglichkeiten verfügen.

Deshalb gilt als wichtigstes Erziehungsprinzip, das Verhalten der Kinder im Alltag genau zu beobachten und eine Sensibilität dafür zu entwickeln, welche Erfahrungen für das blinde oder hochgradig sehbehinderte Kind förderlich und welche Situationen für das Kind möglicherweise unverständlich, zu schwierig bzw. sogar angstauslösend sind. Anhand einzelner Entwicklungsbereiche sollen Beispiele für fördernde, aber auch schwierige oder angstauslösende Situationen für blinde Kinder beschrieben werden.


Erste Lebensmonate

Die ersten Lebensmonate sind bei blinden und sehenden Kindern in starkem Maße auf die Befriedigung biologischer Bedürfnisse wie Nahrungsaufnahme, Schlaf und die Vermeidung körperlichen Unbehagens ausgerichtet. Der erste wesentliche Unterschied zwischen sehenden und blinden Babys ergibt sich, wenn sehende Kinder anfangen, auf visuelle Reize, z.B. Gesichter, zu reagieren. Ab dem 2./3. Lebensmonat zeigen sehende Kinder beim Erscheinen eines Gesichtes das so genannte soziale Lächeln, welches bei Eltern, aber auch bei anderen Personen, meist liebevolle Zuwendung auslöst. Bei blindgeborenen Kindern fehlt dieses soziale Lächeln oder ist nur schwach ausgeprägt. Der Aufbau der emotionalen Bindung zwischen Eltern und blindem Kind erfolgt nicht über Blickkontakt, sondern durch körperliche und sprachliche Zuwendung. Diese Kontaktaufnahme sollte allerdings behutsam erfolgen, da blinde Kinder bei zu plötzlicher Ansprache oder zu plötzlichem Hochheben vielfach mit einem Still- oder Starrwerden reagieren. Sehende Babys können die Annäherung von Personen schon aus einiger Distanz voraussehen und sich "innerlich" darauf einstellen. Damit auch blinde Kinder sich "innerlich" auf einen Kontakt einstellen können, sollten sehende Personen sich "anmelden", indem sie durch Geräusche aus einiger Distanz ihr Näherkommen ankündigen.

Dieses Prinzip der "Vorwarnung" gilt auch für andere Gegebenheiten. Beispielsweise sollten blinden Kindern Gegenstände nicht ohne Ankündigung in die Hände gegeben werden, da durch den damit möglicherweise verbundenen Schreck Tastscheu und Tastabwehr bei den Kindern ausgelöst werden können. Vorankündigung und vorsichtiges Berühren der Hände mit den Gegenständen kann ein solches Abwehrverhalten mindern bzw. gar nicht erst auftreten lassen.

Generell gilt im Umgang mit blinden Menschen, dass sehende Personen sich "an- bzw. abmelden" sollten, da blinde Menschen die Vorgänge in ihrer Umgebung nur eingeschränkt wahrnehmen können. Blinde Erwachsene berichten immer wieder, dass eine der peinlichsten Situationen für sie darin besteht, dass sie in einer Gesellschaft zu einem Partner sprechen, der sich in der Zwischenzeit "weggeschlichen" hat.

Eine wichtige Aufgabe für Eltern blinder Kinder besteht darin, zu erkennen, welche Situationen für ihr Kind angstauslösend sein können. Beispielsweise zeigen viele blinde Kinder in den ersten Lebensjahren Angst vor Tieren. Da blinde Kinder die Annäherung eines Tieres, z.B. eines Hundes, oft nicht bemerken, reagieren sie häufig mit Erschrecken, wenn der Hund sie plötzlich berührt oder sogar anbellt. Auch laute, schrille Lärmquellen, z.B. Staubsauger oder Presslufthammer, können angstauslösende Situationen für blinde Kinder darstellen, da sie sensibler als sehende Kinder auf Geräusche reagieren und somit von lauten Geräuschen stärker irritiert werden. Sehende Kinder können sich in angstauslösenden Situationen schnell zur vertrauten Person "flüchten", sich auf den Arm heben lassen oder sich hinter dem Rücken der Mutter verstecken. Blinde Kinder sind hingegen oft schutzlos solchen Situationen ausgesetzt. Deshalb sollten die Eltern lernen, die Welt mit den Augen eines blinden Kleinkindes wahrzunehmen, um solche Situationen zu vermeiden.

Aus den genannten Beispielen darf jedoch nicht der Schluss gezogen werden, dass blinde Kinder besonders behütet oder sogar überbehütet werden müssen. Blinde Kinder benötigen wie alle Kinder Liebe, Schutz und Geborgenheit, aber auch der Entwicklung angemessene Anregungen und Anforderungen. Diese sollten allerdings die blindenspezifischen Entwicklungsbesonderheiten berücksichtigen, die nachfolgend kurz beschrieben werden.
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Alt 15.06.2006, 20:13
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Anbahnung des Greif- und Suchverhaltens

Ein wichtiger Entwicklungsschritt für blinde Kinder besteht im Lernen des gerichteten Greifens nach Gegenständen. Sehende Kleinkinder erhalten durch den Gesichtssinn hinreichende Anregungen, nach Gegenständen oder Personen zu langen. Schon mit drei bis vier Monaten greifen sie zielgerichtet nach Objekten, die sich in ihrem Armbereich befinden. Für blinde Kinder sind alle stummen Objekte nicht wahrnehmbar und bei den meisten akustischen Ereignissen handelt es sich um nichtgreifbare Objekte.

Um blinden Kindern den Erwerb des Greifverhaltens zu erleichtern, sollten ihnen in der Anfangszeit bevorzugt so genannte Geräuschobjekte wie Rassel oder Quietschente zum Spielen gegeben werden. Die Geräusche, die diese Objekte von sich geben oder die durch sie erzeugt werden können, motivieren blinde Kinder, sich aktiv mit ihnen zu beschäftigen. Durch die Geräuschobjekte erhält das blinde Kind gleichzeitig einen akustischen und taktilen Eindruck, der statt einer Auge-Hand-Koordination wie bei sehenden Kleinkindern eine Ohr-Hand-Koordination bei blinden Kindern ermöglicht. Um ein Greif- und Suchverhalten bei blinden Kindern auszulösen, sollte in spielerischer Weise das Geräuschobjekt vorsichtig aus den Händen des Kindes entwendet und dabei beobachtet werden, ob das Kind Nachfolgebewegungen zeigt, um den Gegenstand wieder zu erlangen. Wie alle Kinder benötigen auch blinde Kinder bei dieser Art von Übung positive Rückmeldungen, indem ihnen die Möglichkeit gegeben wird, den Gegenstand wieder zu ergreifen. Wenn das Greif- und Suchverhalten nach Geräuschobjekten beherrscht wird, kann man stumme Objekte verwenden, die ebenfalls langsam den Händen entwendet werden, um Nachfolgebewegungen suchender Art bei den Kindern auszulösen.

Ein Meilenstein in der Greifentwicklung blinder Kinder ist erreicht, wenn sie auf ein bekanntes, hörbares Objekt schon vor der Berührung an den Händen Such- und Greifbewegungen zeigen. Ein solches Verhalten verdeutlicht, dass das blinde Kind nur aufgrund des Höreindruckes die Existenz des Objektes wieder erkannt hat, d.h. "weiß", dass zu diesem Höreindruck ein tastbares Objekt gehört. Diese Fähigkeit bezeichnet man als Objektpermanenz. Blinde Kinder erwerben diese Kompetenz gegen Ende des ersten Lebensjahres.


Erwerb des freien Laufens

Einen wichtigen Entwicklungsschritt stellt für alle Kinder der Erwerb des freien Laufens dar. Alle motorischen Abläufe - sei es das erwähnte Greifverhalten oder die Fortbewegung im Raum - werden beim Menschen hauptsächlich durch visuelle Anregungen und Rückmeldungen gelernt. Zwar sind die oben erwähnten propriozeptiven Empfindungen der Muskeln und Gelenke und die vestibulären Empfindungen des Gleichgewichtssinnes beim Erwerb des freien Stehens und Gehens auch bei sehenden Kindern beteiligt, aber für blinde Kinder sind es die alleinigen Informationen, die ihnen zur Verfügung stehen. Beide Sinne sind weniger gut als der Gesichtssinn geeignet, motorische Abläufe zu steuern und zu kontrollieren. Deshalb verwundert es nicht, dass blinde Kinder die Fähigkeit, frei zu laufen, ein halbes oder ein ganzes Jahr später als sehende Kinder erwerben.

Bei blinden Kindern ergibt sich häufiger die Besonderheit, dass sie in ihrer Entwicklung zum freien Laufen die Krabbelphase überspringen, da diese Fortbewegungsart vor allem durch Nachahmung angeregt wird und mit den Kindern nicht geübt werden kann.

Blinde Kinder benötigen vor dem freien Laufen durch den Raum eine lange Übungsphase, in der sie an Möbeln oder an Wänden entlang gehen. Dadurch wird ihre Haltungsmotorik und Körperkoordination stabilisiert, die wesentliche Voraussetzungen für das freie Gehen darstellen. Durch interessante Objekte an den Wänden oder Möbeln kann das Kind motiviert werden, sein Entlanggehen zu üben. Wenn die Eltern beobachten, dass ihr Kind sicher steht und sicher an Möbeln und Wänden entlang gehen kann, sollten sie versuchen, mit ihrer Stimme das Kind dazu zu bewegen, ein bis zwei Schritte eigenständig in ihre Arme zu laufen. Die Stimmen der vertrauten Personen sind für blinde Kinder das beste "Lockmittel", das freie Gehen zu "wagen". Der Abstand, aus dem man das Kind zu sich ruft, sollte erst dann vergrößert werden, wenn das Kind die ersten freien Schritte sicher bewältigt. Beherrscht das blinde Kind das freie Gehen in die Arme der Eltern, dann kann man versuchen, das Kind dazu anregen, den kurzen Zwischenraum zwischen Schrank und Wohnzimmertisch eigenständig zu überwinden.

Häufig haben Eltern blinder Kinder die Sorge, ihr Kind könne sich beim freien Gehen verletzen. Diese Sorge ist jedoch meist unbegründet, da blinde Kinder sich in der Regel langsam und sehr vorsichtig fortbewegen und den Standort der Hindernisse, die ihnen im Wege stehen, schnell erlernen.

Im weiteren Entwicklungsverlauf können die Eltern beim Gehen auf der Straße das Kind durch Rufen anregen, frei hinter ihnen herzugehen. Durch Rufen aus unterschiedlichen Positionen kann man sogar Richtungsänderungen beim Kind erreichen, da das Kind schnell merkt, ob die Person von links oder rechts ruft. Blinden Kindern sollte häufig die Gelegenheit gegeben werden, beim Spazierengehen selbständig hinter einer rufenden Person herzugehen, da durch das selbständige Gehen ihre Körperbewegungen besser als durch das Gehen an der Hand gefördert werden.

Beim Gehen im Freien sollte der Untergrund anfänglich möglichst glatt sein, aber mit zunehmender Kompetenz sollte das Kind lernen, sich auch auf weichem und unebenem Untergrund sicher fortzubewegen, wodurch das Körpergleichgewicht verbessert wird.
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Alt 15.06.2006, 20:14
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Raumorientierung

Blinde Kinder sind erst nach dem Erwerb ihrer eigenständigen Fortbewegung in der Lage, die räumliche Umgebung in der Wohnung, im Haus und später im Freien zu erkunden. Sehende Kleinkinder lernen lange vor dem eigenständigen Laufen die räumliche Umgebung kennen, indem sie herumgetragen werden und sich die Zimmer, die Wohnung oder das Haus anschauen können. Blinde Kinder können auf diese Art die Umgebung nicht kennen lernen, da das Hören allein für die Raumwahrnehmung nicht ausreicht. Deshalb muss ihnen nach dem Erwerb der eigenständigen Fortbewegung viel Zeit gelassen werden, die Zimmer der Wohnung oder des Hauses, den Garten und später die nähere Umgebung zu erkunden. In spielerischer Form sollten die Eltern durch Locken mit der Stimme das Kind motivieren, alle Ecken der Wohnung kennen zu lernen. Auch durch "Verstecken" von interessanten Geräuschobjekten, z.B. einer Spieluhr, sollten die Eltern versuchen, das Kind zum Erkunden der Umgebung anzuregen.

Die eigenständige Exploration der Umgebung ist für den Wissenserwerb blinder Kinder von großer Bedeutung, da sie bei ihrem Erkunden auf unbekannte Gegenstände treffen, mit denen sie sich aktiv und spielerisch auseinandersetzen können.


Spielverhalten

Das Spielverhalten blinder Kinder weist im Vergleich zu sehenden Kindern einige Besonderheiten auf. Der eigenständige Zugang zu den Spielsachen ist für blinde Kinder erschwert. Während das sehende Kind die Gegenstände um sich herum sehen kann, sind für blinde Kinder nur diejenigen Objekte erreichbar, die es - anfänglich zufällig, später gezielt - ertasten kann. Deshalb sollte durch geeignete Maßnahmen versucht werden, die Spielmöglichkeiten blinder Kinder zu verbessern.

Im Babyalter sollten Geräuschobjekte über dem Kopf in Reichweite der Arme angebracht werden, damit das blinde Kind nach ihnen greifen kann. Wenn das Kind sitzen oder schon frei laufen kann, sollten Spielsachen in ein Laufställchen oder einen umfunktionierten Sandkasten gelegt werden, damit sie in einem "begrenzten" Raum liegen und somit für das Kind leichter zugänglich sind. Wenn man die Kanten der Unterlage im Laufställchen oder "Sandkasten" hochbiegt, rutschen weggeworfene oder fallengelassene Objekte zum Kind zurück und sind somit für das Kind leichter wieder zu finden. Später, wenn das Kind sich frei bewegen kann, sollten die Spielsachen an festen Orten aufbewahrt werden, damit das blinde Kind sie sich selbst holen kann und nicht immer auf die Hilfe anderer Personen angewiesen ist.

Blinde Kinder beschäftigen sich oft lange und intensiv mit nur einem Gegenstand, da die tastende Erkundung der Eigenschaften und Funktionsweisen eines Gegenstandes mehr Zeit als die visuelle Erkundung erfordert. Außerdem sind blinde Kinder durch ihre Einschränkungen in der Fortbewegung und Orientierung stärker als sehende Kinder an einen Ort "gebunden".

Sehende und blinde Kinder bevorzugen teilweise andere Spielobjekte. In den ersten Lebensjahren "lieben" blinde Kinder Objekte, die beim Bewegen, Hantieren oder Wegwerfen ein Geräusch produzieren. Sie beschäftigen sich intensiv mit Gegenständen, die einen Bezug zu ihrer Lebenswelt haben, z.B. Haushaltsgegenstände wie Löffel oder Schlüssel und später Naturmaterialien wie Blätter oder Steine. Außerdem bevorzugen blinde Kinder harte, klar strukturierte und nicht weiche, sich verändernde Objekte (z.B. Stofftiere), da die Eigenschaften von sich verändernden Objekten tastend nur schwer erkannt werden können.

Blinde Kinder interessieren sich in der Regel wenig oder erst sehr viel später als sehende Kinder für Symbolspielzeuge wie Puppe oder Spielzeugauto, da diese Objekte nur eine visuelle, aber keine taktile oder akustische Ähnlichkeit mit den realen Objekten Mensch oder Auto aufweisen. Besondere Schwierigkeiten zeigen blinde Kinder bei den so genannten Konstruktionsspielen. Der Grund ist darin zu sehen, dass selbst scheinbar einfache Konstruktionsspiele wie "Türmchen aus drei Klötzen bauen" visuelle Kontrolle und Rückmeldung erfordern. Blinde Kinder können solche Spiele erst durchführen, wenn sie die Aufgabe verstanden haben, dass ein Klötzchen genau über dem anderen liegen muss. Sehende Kinder lösen diese Aufgabe durch ihre Wahrnehmung, blinde Kinder durch ihren Verstand.

Das "Bilderbuch" blinder Kinder ist die Spielzeugkiste, in der sich ihre Lieblingsspielsachen befinden. Ein beliebtes Spiel blinder Kinder ist es - entweder alleine oder zusammen mit den Eltern - nacheinander Objekte aus der Kiste zu holen, sie zu befühlen, sie eventuell in den Mund zu stecken, sie zu schütteln oder mit ihnen auf eine Unterlage zu schlagen, um Geräusche zu erzeugen. Anschließend werden sie dann meist weggeworfen oder fallen gelassen. Nach dem Spracherwerb können die Eltern bei dieser Art von Spiel ihr Kind auffordern, die Objekte zu benennen. Durch dieses Spiel eignen sich die Kinder das Wissen über die Eigenschaften und Funktionen - und später - über die Bezeichnung der Gegenstände an.

Beim Kauf von Tastbilderbüchern sollten die Eltern solche Bilderbücher auswählen, die entweder durch unterschiedliche Tastmaterialien die Phantasie und die Tastwahrnehmung der Kinder anregen oder Situationen darstellen, die das Kind aus seinem Lebensbezug kennt. Die tastbare Darstellung von Häusern, Vögeln oder Landschaften sind für blinde Kinder dieses Alters wegen des fehlenden Realitätsbezuges wenig geeignet.

In der Interaktion mit den Eltern mögen blinde Kinder Körperspiele, z.B. Körperteile wie Nase, Ohren oder Haare zu finden oder mit dem Mund Wind zu machen. Auch Sing- und Reimspiele sind beliebte Beschäftigungen von Eltern und Kind.
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Alt 15.06.2006, 20:15
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Sprachentwicklung

Sprache besitzt für blinde Kinder eine wichtige kompensatorische Funktion, da nach dem Spracherwerb viele Ereignisse, Situationen und Gegenstände, die ein blindes Kind nicht sehen kann, sprachlich erklärt werden können - z.B. weit entfernte Gegebenheiten (Himmel), ausgedehnte (Landschaften), flächige (Photos oder Gemälde) oder sich verflüchtigende (Schneeflocken) Sachverhalte. Über die Sprache können Merkmale von Personen, Tieren, Pflanzen und Gegenständen wie Farbe, Form, Größe und Bewegung erklärt werden. Die Sprache eröffnet für viele blinde Kinder die Möglichkeit, Lernerfahrungen nachzuholen, die sehende Kinder schon früher durch ihre visuelle Wahrnehmung gewonnen haben.

Schon vor dem Spracherwerb dient die Sprache als Ersatz für Einschränkungen, die sich durch den Wegfall bzw. die Minderung des Blickkontaktes, der Gestik und Mimik ergeben. Durch das Sprechen mit dem Kind kann - selbst wenn Mutter oder Vater mit anderweitigen Tätigkeiten beschäftigt sind - aus der Distanz eine Verbindung zum Kind hergestellt und aufrechterhalten werden. Dieser sprachliche Kontakt bewirkt, dass das blinde Kind sich nicht allein gelassen, sondern geschützt und geborgen fühlt.

Blinde Kinder erwerben die Sprache in etwa zum gleichen Zeitpunkt wie sehende Kinder. Eventuell ergeben sich leichte Verzögerungen beim Erwerb der ersten Wörter, die jedoch im weiteren Entwicklungsverlauf in der Regel schnell ausgeglichen werden.

Einige blinde Kinder zeigen die Besonderheit, dass sie über längere Zeit - oft Monate oder sogar Jahre - echolalisch sprechen, d.h. ganze Sätze nachsprechen, die sie gehört haben. Es ist bisher nicht eindeutig geklärt, worauf diese Sprachbesonderheit blinder Kinder zurückgeführt werden kann. Eine Erklärung besagt, dass blinde Kinder vermehrt Sprache ganzheitlich und nicht wie sehende Kinder analytisch lernen. Analytischer Spracherwerb bedeutet, dass zunächst Wörter gelernt werden, die im weiteren Entwicklungsverlauf nach den grammatikalischen Regeln zu Sätzen geformt werden. Beim ganzheitlichen Spracherwerb lernen die Kinder zunächst ganze Sätze und Phrasen, die erst später in freie Wortkombinationen umgewandelt werden. Blinde Kinder neigen vermutlich vermehrt zu diesem Spracherwerb, da es ihnen anfänglich schwerer als sehenden Kindern fällt, die Verknüpfung von Gegenständen oder Personen zu der betreffenden sprachlichen Bezeichnung herzustellen, wodurch der analytische Sprachstil angeregt wird. Dagegen sind blinde Kinder von frühester Kindheit für akustische Informationen sensibilisiert, so dass es ihnen möglicherweise leichter als sehenden Kindern fällt, ganze Sätze zu speichern und wiederzugeben, d.h. ganzheitlich Sprache zu erlernen.


Lebenspraktische Fertigkeiten und Selbständigkeitsverhalten

Ein weiterer Entwicklungsbereich, der Eltern blinder und hochgradig sehbehinderter Kinder oftmals Kopfzerbrechen bereitet, ist der Erwerb der so genannten lebenspraktischen Fertigkeiten wie eigenständiges Essen und Trinken, An- und Ausziehen sowie Waschen und Sauberkeit. Mit Ausnahme des Sauberwerdens handelt es sich bei den genannten lebenspraktischen Tätigkeiten um Fertigkeiten, die hohe Handgeschicklichkeit verlangen und die - wie schon erwähnt - in starkem Maße durch visuelle Steuerung erlernt werden. Die meisten lebenspraktischen Fertigkeiten erfordern den korrekten Gebrauch oder Umgang mit Gegenständen, z.B. einem Löffel oder einer Gabel, einem Kleidungsstück oder einem Waschlappen.

Ein solcher Gegenstandsgebrauch ist - wie das Spielen mit Konstruktionsspielzeugen - für blinde Kinder nur mühsam zu erlernen. Deshalb ergeben sich im Erwerb der lebenspraktischen Tätigkeiten große Entwicklungsverzögerungen blinder Kinder im Vergleich zu sehenden Kindern. Dennoch sollten die Eltern die Geduld aufbringen, das eigenständige Essen und Trinken, An- und Ausziehen usw. immer wieder mit ihren Kindern zu üben, da nur durch eigenständiges Ausprobieren Lernen stattfinden kann. Allerdings muss man schon bei einfachen Tätigkeiten wie dem Löffelgebrauch mit einem halben bis ganzen Jahr Entwicklungsverzögerung bei blinden Kindern im Vergleich zu sehenden Kindern rechnen. Bei komplexen Fertigkeiten, z.B. dem korrekten Gabelgebrauch oder dem Anziehen einer Jacke, ergeben sich noch längere Entwicklungsverzögerungen.


Interaktion und Sozialverhalten

Die Beziehung des blinden Kindes zu seinen Eltern ist aufgrund der blindheitsbedingten Einschränkungen von einer stärkeren und längeren Abhängigkeit als bei sehenden Kindern geprägt. Eltern blinder Kinder müssen dem Kind bei vielen Handreichungen, bei der Orientierung oder bei vielen lebenspraktischen Tätigkeiten helfen. Daraus ergibt sich die Gefahr, dass dem Kind noch in solchen Situationen geholfen wird, die es schon alleine bewältigen kann, oder dass die Hilfe beibehalten wird, obwohl das Kind die Kompetenzen schon erworben hat.

Es ist kein einfacher Weg für Eltern, das nötige "Fingerspitzengefühl" zu entwickeln, wann das Kind Unterstützung und Hilfe benötigt und wann es zu eigenständigem Handeln angehalten werden soll. Die Anforderungen sollten so gestellt werden, dass sie keine Überforderung, aber auch keine Unterforderung für das Kind darstellen. Wegen der Unterschiedlichkeit im Entwicklungstempo der blinden Kinder gibt es jedoch keine präzisen Angaben, wann blinde Kinder die einzelnen Fertigkeiten erlernen. Nur durch genaue Beobachtung des kindlichen Verhaltens lässt sich abschätzen, welche Anforderungen für das einzelne Kind entwicklungsmäßig angemessen sind.

Diese Aussage gilt nicht nur für den Leistungsbereich, sondern auch für das Sozialverhalten. Eine häufige Frage von Eltern blinder Kinder lautet, ob sie an ihr Kind vergleichbare Anforderungen wie an ein sehendes Kind bezüglich des Einhaltens von Geboten und Verboten oder dem Befolgen von sozialen Regeln stellen dürfen (z.B. um etwas zu bitten oder sich für etwas zu bedanken). In diesem Bereich ergeben sich durch die Blindheit nur geringe Einschränkungen, so dass vergleichbare Erwartungen an blinde wie an sehende Kinder gestellt werden können.

Aufgrund ihrer motorischen Einschränkungen und der stärkeren Abhängigkeit von der Hilfe anderer Personen zeigen blinde Kinder seltener als sehende Kinder handfestes aggressives Verhalten oder Tobsuchtsanfälle. Allerdings finden auch blinde Kinder Wege, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten wie Schreien, Jammern oder verbalen Attacken ihre Wünsche und Bedürfnisse bei den Eltern durchzusetzen.
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Alt 15.06.2006, 20:16
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Verhaltensauffälligkeiten bzw. Verhaltensbesonderheiten

Ein weiterer Entwicklungsbereich, der Eltern blinder und hochgradig sehbehinderter Kinder häufig Sorgen bereitet, sind die bei diesen Kindern vermehrt beobachtbaren Verhaltensweisen wie stereotype Bewegungen, Tastscheu, echolalische Sprache, Panikreaktionen bei angstauslösenden Situationen sowie schwere Ein- und Durchschlafstörungen. Einige dieser Verhaltensweisen, z.B. stereotype Bewegungen wie ständiges Hin- und Herschaukeln mit dem Oberkörper oder ständiges Hüpfen auf der Stelle, sind für Eltern blinder Kinder sehr belastend, da ihr Kind nicht nur durch die Blindheit, sondern auch durch dieses für Außenstehende bizarr wirkende Verhalten auffällig wird.

Die Frage, ob es sich um Verhaltensauffälligkeiten, d.h. Ausdruck einer gestörten Entwicklung, handelt, oder um Verhaltensbesonderheiten, die durch die blindheitsbedingten Erschwernisse verursacht sind, ist bisher nicht eindeutig geklärt. Es spricht vieles dafür, die Verhaltensabweichungen auf blindheitsbedingte Einschränkungen zurückzuführen, z.B. auf die mangelnde Möglichkeit blinder Kinder, sich motorisch abzureagieren, oder auf ihre Einschränkungen im Spiel- und Explorationsverhalten. Für diese Annahme spricht, dass selbst blinde Kinder, deren Entwicklung sich im weiteren Verlauf als völlig unauffällig herausstellt, im Kleinkind- und Vorschulalter solche Verhaltensabweichungen zeigen. Mit zunehmender Kompetenz und besserem sprachlichen Verständnis verschwinden viele dieser Verhaltensbesonderheiten bzw. treten deutlich seltener auf.

Eine der häufigsten Verhaltensbesonderheiten blinder Kinder sind die stereotypen Bewegungsmuster. Bei fast allen blinden Kindern sind sie im Kleinkind- und Vorschulalter mit unterschiedlicher Häufigkeit und Ausprägung beobachtbar. Die wahrscheinlichste Erklärung für das Auftreten von Bewegungsstereotypien geht davon aus, dass es sich um verfestigte Bewegungsformen handelt, die in früher Kindheit vorübergehend bei allen Kindern, d.h. auch sehenden Kindern, beobachtbar sind. Sehende Kleinkinder überwinden jedoch durch neu erworbene motorische Kompetenzen wie Krabbeln oder Robben diese frühkindlichen, stereotypen Bewegungsmuster, während blinde Kinder aufgrund ihrer motorischen Einschränkungen und aufgrund ihrer insgesamt langsameren Entwicklung diese Bewegungsmuster beibehalten und sogar noch intensivieren. Sie stellen quasi einen Ersatz für fehlende Spiel- und Handlungsmöglichkeiten des blinden Kindes dar. Eine Möglichkeit zur Minderung der stereotypen Bewegungsmuster besteht demnach darin, blinden Kindern frühzeitig angemessene und reichhaltige Spiel- und Handlungsalternativen anzubieten.

Stereotypien besitzen für das blinde Kind noch eine weitere wichtige Funktion. Das blinde Kind drückt durch die Stereotypien seine Befindlichkeit aus. Beispielsweise lassen sich im Kleinkindalter vermehrt Stereotypien beobachten, wenn das Kind sich langweilt. Ab dem Vorschul- und im Schulalter treten die Stereotypien häufig in Überforderungs-, Ärger- oder Angstsituationen auf. Aber auch bei Freude oder Aufregung lassen sich vermehrt Stereotypien beobachten. Durch die genaue Beobachtung der Situationen kann man erkennen, welche "Botschaft" das Kind durch sein Verhalten sendet, um dementsprechend darauf zu reagieren.


Mehrfachbehinderung

Besondere Erziehungsprobleme ergeben sich für Eltern mit einem mehrfach behinderten Kind, wobei Art und Schwere der zusätzlichen Beeinträchtigungen erheblich voneinander abweichen können. Viele blinde oder hochgradig sehbehinderte Kinder haben eine zusätzliche Körperbehinderung, Hörschädigung oder hirnorganische Beeinträchtigung. Schwere zusätzliche Beeinträchtigungen verursachen meist eine Lern- oder geistige Behinderung.

Viele der in den vorigen Abschnitten genannten Entwicklungs- und Verhaltensbesonderheiten gelten in gleicher Weise für mehrfach behinderte Kinder. Allerdings ist das Entwicklungstempo bei ihnen stark verlangsamt, und Entwicklungsfortschritte sind in der Regel nur in ganz kleinen Schritten zu erreichen. Auch Verhaltensprobleme treten bei mehrfach behinderten Kindern vermehrt auf. Im Tagesverlauf wechseln häufig apathische und hyperaktive Phasen einander ab.

Ein vorrangiges Ziel bei mehrfach behinderten Kindern besteht darin, ihren gesundheitlichen Zustand zu verbessern. Viele weisen neben der Blindheit oder hochgradigen Sehbehinderung noch gesundheitliche Probleme auf oder leiden unter starken Schmerzen. Durch medikamentöse Behandlung, durch Hilfsmittel und durch richtige Lagerung sollte ein gesundheitlich stabiler Zustand und Schmerzfreiheit zu erreichen versucht werden. Kinder, die krank sind oder unter Schmerzen leiden, sind für Lernanregungen nur schwer zugänglich.

Ein weiteres, zentrales Anliegen besteht in der Stabilisierung des psychischen oder emotionalen Wohlbefindens der Kinder. Durch körperliche Zuwendung, Streicheln und Massieren, durch rhythmisches Schaukeln und Singen kann eine entspannte und emotional stabile Atmosphäre erreicht werden. Die Freude des Kindes bei Körperkontakt und bei Ansprache festigt die emotionale und soziale Verbundenheit zwischen Eltern und Kind und "entschädigt" die Eltern für viele Mühen bei den alltäglichen Verrichtungen.

Die Mehrzahl der mehrfach behinderten Kinder sind nicht oder nur in Ansätzen in der Lage, sich sprachlich auszudrücken. Sie drücken ihre Bedürfnisse und ihr Unbehagen alternativ mittels Körpersprache oder durch Laute aus. Es ist wichtig, diese alternativen Kommunikationsformen richtig zu deuten und angemessen darauf zu reagieren.

Besondere Probleme bereitet vielen Eltern, das Verhalten ihres Kindes zu lenken. Schon einfache Alltagsroutinen wie Essen und Trinken oder An- und Ausziehen können für mehrfach behinderte Kinder eine Überforderung darstellen und Abwehrverhalten und Aggressionen auslösen. Behutsame, aber dennoch konsequente Anleitung mindert vielfach ein solches Widerstandsverhalten. Gravierende und belastende Probleme ergeben sich bei Kindern, die selbst verletzendes Verhalten wie Beißen in die eigene Hand oder Schlagen mit dem Kopf an harte Gegenstände zeigen. In solchen Fällen ist eine medikamentöse und/oder psychologische Behandlung angezeigt, um die selbst verletzenden Verhaltensweisen zu mindern.

Die Abstimmung zwischen elterlichem und kindlichem Verhalten erfordert viel Geduld und bedeutet für viele Eltern eine große Belastung. Berichte von Eltern mehrfach behinderter Kinder betonen die Wichtigkeit, neben den Verpflichtungen Freiräume für sich selbst, für den Partner, für andere soziale Kontakte und auch für berufliche Tätigkeiten zu schaffen. Weiterhin belegen die Berichte, dass oft eine sehr enge emotionale Beziehung zum Kind und innerhalb der Familie besteht. Durch das mehrfach behinderte Kind verändert sich bei vielen Eltern ihr Menschenbild. Sie berichten, dass sie toleranter, einfühlsamer und die Werte unserer Leistungsgesellschaft für sie unwichtiger geworden seien.


Kindergartenzeit

Ein entscheidender Entwicklungsschritt für alle Kinder stellt die Kindergartenzeit dar. Für Eltern blinder und hochgradig sehbehinderter Kinder wirft die Aufnahme in einen Kindergarten offene Fragen auf und bringt erneute Unsicherheit in ihr Leben. Je nach Bundesland gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, z.B. den Besuch eines Sonder-, Integrations- oder Regelkindergartens. Die Integration eines blinden Kindes in einen Kindergarten, in dem die Erzieherinnen über keine Erfahrung mit blinden Kindern verfügen, sollte intensiv vorbereitet werden. Viele Erzieherinnen fühlen sich anfänglich sehr unsicher, ob sie der Aufgabe gewachsen sind. Durch Gespräche mit den Eltern, den Fachleuten der blindenspezifischen Frühförderstellen und eventuell durch Kontakt mit Erzieherinnen von Regelkindergärten, die über Erfahrung mit der Integration eines blinden Kindes verfügen, sollte versucht werden, ihre Unsicherheit abzubauen und ihnen eine realistische Einschätzung der Entwicklungs- und Verhaltensbesonderheiten blinder Kinder zu geben. Beispielsweise äußern viele Erzieherinnen, dass sie Angst vor einem erhöhten Verletzungsrisiko der Kinder haben und massive Orientierungsprobleme des Kindes befürchten. Diese Ängste sind in der Regel unbegründet, da blinde Kinder mit Hilfe der sehenden Kinder meist schnell lernen, sich in der Gruppe, dem Kindergarten und dem Freizeitbereich zu orientieren, und Gefahren aus dem Wege gehen können.

Angeleitete oder interaktive Spielsituationen sind für blinde Kinder besonders geeignet, da der Erwachsene sie in die Spielhandlung einbeziehen kann. Es gibt eine Reihe von für blinde Kinder modifizierten Gesellschaftsspielen, an denen sehende und blinde Kinder gemeinsam teilnehmen können. Schwierigkeiten ergeben sich teilweise in sogenannten freien Spielsituationen, da das Spielverhalten blinder und sehender Kinder dieses Alters sehr unterschiedlich ist. Sehende Kinder wechseln häufig den Spielort und die Spielhandlung - ein Verhalten, das für blinde Kinder aufgrund ihrer Fortbewegungs- und Orientierungsschwierigkeiten nur eingeschränkt möglich ist. Blinde Kinder sind häufig sehr stark an einen Erwachsenen im Kindergarten gebunden, da Erwachsene besser als die gleichaltrigen sehenden Kinder auf ihre Wünsche und Bedürfnisse eingehen können.

Die vorliegenden Erfahrungen zeigen, dass blinde Kinder erfolgreich in einen Regelkindergarten integriert werden können. Berichte von Erzieherinnen belegen, dass die meisten Erzieherinnen die Integration für sich selbst und für die anderen Kinder positiv erleben und bewerten.
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  #7  
Alt 15.06.2006, 20:17
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Einschulung

Die Wahl der geeigneten Schule stellt für Eltern blinder und hochgradig sehbehinderter Kinder eine weitere Herausforderung und oftmals eine erneute Phase der Unsicherheit dar. Bei der Entscheidung für die geeignete Schule sind verschiedene Aspekte zu berücksichtigen und gegeneinander abzuwägen:
  1. Eine Integration des blinden oder hochgradig sehbehinderten Kindes in die Regelschule setzt voraus, dass das blinde Kind über vergleichbare Leistungs- und Sozialfähigkeiten wie die sehenden Kinder verfügt.
  2. Eine Integration erfordert in der Regel von den Eltern einen vermehrten Einsatz an Unterstützung für das blinde Kind, z.B. bei der Schulaufgabenbetreuung. Es sollte geklärt werden, ob die zusätzliche Belastung unter familiären Gesichtspunkten zu leisten ist.
  3. Bei einer Integration muss eine hinreichende Unterstützung durch die Fachlehrer/innen einer Blinden- und Sehbehindertenschule gewährleistet sein, damit das blinde Kind die Punkt- (Braille-) Schrift erlernen kann und damit die Schulbücher sowie die Unterrichtsmaterialien für das blinde Kind umgearbeitet werden.
  4. Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt bezieht sich auf die Frage, in welcher Schule für das Kind bessere Chancen für angemessene soziale Kontakte bestehen. Dabei sollte nicht nur die Möglichkeit zu sozialen Kontakten in der Schule, sondern auch im Freizeitbereich bedacht werden.
Die Entscheidung für die angemessene Schule ist für die Eltern nicht einfach, da im Vorfeld eine eindeutige Beantwortung der genannten und eventuell weiterer Fragen meist nicht möglich ist. Deshalb sollten viele Gespräche mit den Fachleuten der Blinden- und Regelschule geführt werden, damit die Eltern entscheiden zu können, welche Art des Unterrichtes sie für ihr Kind für möglich halten und bevorzugen.


Schlussbemerkungen

Im vorliegenden Beitrag konnten nur einige der vielschichtigen Erziehungsaspekte blinder und hochgradig sehbehinderter Kinder angesprochen werden. Die genannten Gesichtspunkte gelten nicht für alle blinden oder hochgradig sehbehinderten Kinder, da jedes Kind individuelle Besonderheiten und Persönlichkeitsmerkmale besitzt. Der Beitrag will Anregungen für Fördermöglichkeiten geben, die jedoch je nach Kind und Familie individuell angepasst werden müssen. Der Beitrag richtet sich vornehmlich an Eltern und weniger an Fachleute. In einem zweiten Artikel sollen die einzelnen Abschnitte des vorliegenden Beitrages mit wissenschaftlichen Hintergrundinformationen ergänzt und durch Querverweise miteinander verknüpft werden.

Die eigenen Erfahrungen in der Frühförderung haben immer wieder gezeigt, dass fast alle Eltern es in eindrucksvoller Weise schaffen, die Besonderheiten ihres Kindes in ihren Alltag zu integrieren sowie liebevoll und unterstützend auf die spezifischen Bedürfnisse ihres Kindes einzugehen.


Literatur

Brambring, M. (1993). "Lehrstunden" eines blinden Kindes. Entwicklung und Frühförderung in den ersten Lebensjahren. München: Reinhardt.

Nielsen, L. (1996). Schritt für Schritt. Frühes Lernen von sehgeschädigten und mehrfachbehinderten Kindern. Würzburg: edition bentheim.

Strothmann, M. (Hrsg.) (1999). Was tun? Von der frühen Förderung mehrfachbehinderter, sehgeschädigter Kinder. Würzburg: edition bentheim.

Organisationen, Frühförderstellen, Elternselbsthilfegruppen und Verlage


(1) Organisationen/Verbände(2) Elternselbsthilfegruppen
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  #8  
Alt 25.12.2006, 11:02
vienetta vienetta ist offline
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Standard Probleme bei der beantragung von Blindenhilfe/Blindengeld im Kindesalter

Frage-Aktion: Probleme bei der Beantragung von Blindenhilfe/Blindengeld im Kindesalter?

Als auf kindliche Sehbehinderung und Erblindung spezialisierte Augenärztin (Kontaktdetails s.u.) würde ich dem gerne auf den Grund gehen, schauen wie häufig dieses Problem besteht und ob es sich nur auf wenige Bundesländer beschränkt. Familien mit Erfahrungen in diesem Bereich werden gebeten, sich bei Prof. Dr. Barbara Käsmann zu melden und einen Fragebogen zu ihren Erfahrungen bei der Beantragung von Blindenhilfe auszufüllen. Bei Bedarf kann anhand des ausgefüllten Fragebogens eine Beratung erfolgen.
Angesichts der Sparpläne und der bereits durchgeführten Kürzungen der Blindenhilfe erscheint es besonders wichtig, dass sehgeschädigte Kinder, die aufgrund ihrer Sehschwäche /Blindheit einen Anspruch auf Blindenhilfe haben, diese auch bekommen - insbesondere wenn es sich um mehrfachbehinderte Kinder handelt, bei denen aufgrund der Probleme der Erfassung der Sehleistung oft Zweifel an ihrer Berechtigung zum Erhalt der Blindenhilfe ausgesprochen werden.
Ausdrücklich wird darauf hingewiesen, dass diese Frage-Aktion nicht dazu dienen wird, eindeutig ungerechtfertigte Ansprüche auf Blindenhilfe zu unterstützen!
Ihre Daten dienen ausschließlich zur Auswertung der Umfrage. Sie werden nicht an Dritte weitergegeben. Personenbezogene Daten/Unterlagen werden nach der Auswertung vernichtet. Auf Wunsch kann nach der Auswertung eine anonymisierte Zusammenfassung der Ergebnisse zugesandt werden.
Familien, die Erfahrungen in diesem Bereich haben und bereit zur Ausfüllung eines Fragebogens sind, melden sich bitte bei:
Prof. Dr. Barbara Käsmann
E-Mail: kaesmann@albinismus.info
Ich sende Ihnen dann einen Link zum Herunterladen des Fragebogens zu.
Prof. Dr. Barbara Käsmann
Universitäts - Augenklinik
Kinderophthalmologie, Ped. Low Vision
Campus, Geb. 22
D 66421 Homburg (Saar)
Telefon: 06841-1622312
E-Mail: kaesmann@albinismus.info
Internet: www.albinismus.info
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  #9  
Alt 25.12.2006, 11:58
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evma evma ist offline
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blindengeld für kinder ist meist ein zweischneidiges schwert.je nach höhe kann pflegegeld von vorteil sein.gezahlt wird immer nur eins.blindengeld kann sich bei kindern staffeln.allerdings meist leichter zu bekommen als das pflegegeld.früher war es so das von beiden stellen der bedarf festgestellt wurde und im endefekt beide bezahlten amt pflegegld blindenfürsorge blindengeld.beim blindengeld hat man andere vorteile wie post parkerleichterung radio und so weiter noch generell
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