Entwicklungsverzögerung / Entwicklungsretardierung
Entwicklungsverzögerung (Fachausdruck: Entwicklungsretardierung) ist eine sehr weit verbreitete Beeinträchtigungsform und mir scheint, dass die Zahl der Kinder, die davon betroffen sind, stetig steigt.
Im Prinzip ist die Bezeichnung 'Entwicklungsverzögerung' ein recht allgemeiner Begriff, der lediglich aussagt, dass die Entwicklung eines Kindes im Vergleich zu 'normal entwickelten Kindern des gleichen Alters' verzögert ist. Die Bezeichnung sagt weder aus wie stark die Verzögerung ist, noch welche Bereiche der Entwicklung des Kindes davon betroffen sind. Das Gleiche gilt für die Bezeichnung 'allgemeine Entwicklungsverzögerung'.
Etwas informativer ist die Bezeichnung 'multiple (oder 'umfassende') Entwicklungsverzögerung'. Hieraus geht immerhin hervor, dass die Entwicklung des Kindes in vielen oder sogar allen Bereichen verzögert ist.
Noch genauer wird es, wenn die Bereiche, in denen die Entwicklung des Kindes verzögert ist, ausdrücklich genannt werden. Meiner Erfahrung nach passiert das allerdings eher selten oder nur teilweise.
Welche Entwicklungsbereiche können nun betroffen sein?
Im Folgenden nenne ich die 'Hauptbereiche' und zähle kurz auf, was zu diesen Bereichen (u.a.) gehört:
allgemeine körperliche Entwicklung
- das Wachstum von Skelett, Muskulatur und Organen
- die Entwicklung der körperlichen 'Funktionen'
Sprachentwicklung, Entwicklung der Kommunikation
- Sprachmuskulatur (Mundmotorik) und Atmungsfunktionen
- Aussprache oder auch Artikulation
- aktiver Wortschatz
- Sprachverständnis oder auch passiver Wortschatz
- Satzbau oder auch Syntax
- Ausdruck
- Grammatik
- auditive Wahrnehmungsverarbeitung (was wird gehört? wie wird es gehört? wird das Gehörte verstanden?)
- auditive Merkfähigkeit oder auch 'Sprachgedächtnis'
- nonverbale Kommunikation (Mimik, Gestik, Körpersprache,...)
Sozial-emotionale Entwicklung
- Kontaktverhalten
- Beziehungsfähigkeit
- Wahrnehmung und Ausdruck von Gefühlen
- Impulssteuerung
- Umgang mit Aggressionen
- Konfliktbewältigung, Problemlösungsverhalten
- Regeln und Grenzen
- Aufmerksamkeit
- soziale Interaktionen
Wahrnehmungsentwicklung
- Sehen (visuelle Wahrnehmung)
- Hören (auditive Wahrnehmung)
- Schmecken (gustatorische Wahrnehmung)
- Riechen (olfaktorische Wahrnehmung)
- Tastempfinden (taktile Wahrnehmung)
- Temperatur- und Schmerzempfinden
- Gleichgewichtsregulation (vestibuläre Wahrnehmung)
- Propriozeption (Eigenwahrnehmung, Tiefensensibilität)
- Viszeraler Input (Informationen aus den inneren Organen und Blutgefäßen)
- Sensorische Integration (das Ordnen aller Sinneseindrücke, Zusammenspiel der Sinne)
Motorische oder Bewegungsentwicklung
Dieser Bereich wird unterteilt in:
Grobmotorik
- Muskeltonus (Spannungszustand der Muskeln)
- Kraft (-regulation)
- Ausdauer
- Schnelligkeit, Reaktionsvermögen
- Beweglichkeit / Gelenkigkeit / Elastizität
- Gleichgewichtsregulation (statisches, dynamisches und Objektgleichgewicht)
- Lateralität (Seitigkeit – z.B. Rechtshändigkeit) und Bilateralintegration (Zusammenarbeit der verschiedenen Körperseiten – rechts, links, oben, unten)
- Koordination
- Handlungsplanung
Feinmotorik oder auch Handgeschick
- Hand- und Fingerkraft, Kraftdosierung
- Schulter- und Ellenbogengelenkbeweglichkeit
- Fingergelenkbeweglichkeit
- Hand – Hand – Koordination, Dominanz
- Zielgenauigkeit
Lernentwicklung
- Instruktionsverständnis
- Motivation
- Interesse
- Konzentration, Aufmerksamkeitsspanne, Ausdauer
- Handlungsplanung, Durchführung
- Kognition (Entwicklung geistiger Fähigkeiten, wie Denken, Merkfähigkeit, Wissen,…)
- Reflexionsfähigkeit
- (Eigen-) Initiative, Antrieb, Neugier (auch Explorationsverhalten)
- Reaktionen auf Neues / Veränderungen
- Kreativität
Lebenspraktischer Bereich
Selbständigkeit in Bezug auf
- Nahrungsaufnahme (Essen und Trinken)
- Körperpflege
- Toilettengang (Kontinenz)
- Aus- und Anziehen
- Straßenverkehr
- Orientierung
Diese Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie dient eher als grobe Übersicht über die Entwicklungsbereiche, die häufiger von Verzögerungen betroffen sein können.
Die Ursachen von Entwicklungsverzögerungen können z.B. im Bereich
des Körpers (als Symptome von Krankheitsbildern oder Folgen von Unfällen/Verletzungen)
des Gehirns (cerebrale Störungen z.B. durch Sauerstoffmangel)
der Emotionen (z.B. durch Ängste)
der Biographie (z.B. durch traumatische Erlebnisse)
der Erziehung (z.B. durch ein unzureichendes Angebot an Reizen und Erfahrungen)
liegen.
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