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Gilles-de-la-Tourette-Syndrom (kurz:
Tourettesyndrom) ist eine
neuropsychiatrische Erkrankung, die durch das Auftreten von
Tics charakterisiert ist. Bei den Tics handelt es sich um unwillkürliche, rasche, meistens plötzlich einschießende und mitunter sehr heftige Bewegungen, die immer wieder in gleicher Weise einzeln oder serienartig auftreten können.

Gilles de la Tourette.
Benannt ist das
Syndrom nach dem
französischen Arzt
Georges Gilles de la Tourette, der die
Symptomatik erstmals um
1885 auf wissenschaftlicher Basis beschrieb. Gilles de la Tourettes Arbeit geriet im Laufe der Zeit jedoch wieder in Vergessenheit, so dass in der Folge meist falsche
Komorbidität [Bearbeiten]
Ein großer Anteil der Tourette-Patienten zeigt häufig noch weitere Störungen und Auffälligkeiten (
Komorbidität). So werden beispielsweise
Zwangsverhalten,
ADS/ADHS,
Asperger-Syndrom,
Restless-Legs-Syndrom, Konzentrations- und
Lernschwierigkeiten,
Schlafstörungen und
Depressivität bei ihnen gehäuft festgestellt.
Psychosoziale Folgen [Bearbeiten]
Die Betroffenen leiden vor allem unter der Reaktion ihrer Umwelt auf ihre Symptome. Gerade weil Menschen mit Tourettesyndrom teilweise Einflussmöglichkeiten auf ihre Ticsymptomatik haben, werden die mit dem Tourettesyndrom verbundenen Auffälligkeiten häufig als schlechte
Angewohnheiten gedeutet.
Dies führt dazu, dass Eltern von betroffenen Kindern oft Schuldgefühle wegen ihrer vermeintlich verfehlten
Erziehung entwickeln. Die Heranwachsenden selbst treffen in Öffentlichkeit und Schule auf viel Unverständnis und Ablehnung, was wiederum zu einer Verstärkung der Auffälligkeiten führen kann. Auch Erwachsene mit Tourettesyndrom werden vielfach diskriminiert und erfahren oft Einschränkungen in ihrer beruflichen und privaten Entfaltung.
Außenstehende fühlen sich oft durch die unwillkürlichen Tics persönlich provoziert. Dies ist besonders bei
Koprolalie und
Kopropraxie zu beobachten und kann zu einer Zuspitzung solcher Situationen führen.
Tourette-Patienten sind für gewöhnlich ebenso leistungsfähig wie ihre Altersgenossen und können theoretisch in Freizeit und Beruf fast alle ihre Wünsche verwirklichen. Erschwert wird die praktische Umsetzung jedoch durch die Reaktionen von intoleranten und unaufgeklärten Mitmenschen. Problematisch können weiterhin eine Neigung zu selbstverletzendem Verhalten und schwere vokale Tics bei der Berufsausübung in Bereichen mit Publikumsverkehr sein.
Vorteile durch Tourette [Bearbeiten]
Viele Menschen mit Tourettesyndrom besitzen eine gute Reaktionsfähigkeit. Durch geringere zentralnervöse Hemmungsmechanismen lassen sich Bewegungen leichter auslösen. Die psychomotorische Genauigkeit ist bei vielen Patienten erhöht.
Oliver Sacks schreibt von "außerordentlich raschen und genauen Reaktionen" sowie "überschäumenden, zügellosen motorischen Impulsen", weswegen viele Betroffene eine Neigung zu Sport und Musik hätten.
Nach
Kirsten Müller-Vahl besitzen viele Tourette-Betroffene ein sehr rasches Auffassungsvermögen und eine besondere Schlagfertigkeit. Auch ein gutes mathematisches Verständnis, sowie ein ausgeprägtes Langzeit-, Personen- und Zahlengedächtnis seien häufig zu beobachtende Fertigkeiten. Daneben sollen nahezu alle Betroffenen besonders pünktlich sein.
Ursachen [Bearbeiten]
Die
pathophysiologischen Ursachen sind noch nicht vollständig bekannt. Untersuchungen deuten darauf hin, dass bei Tourette-Patienten Stoffwechselvorgänge im
Gehirn aus dem Gleichgewicht geraten (in den
Basalganglien). Insbesondere betrifft dies die
Neurotransmitter Dopamin und
Serotonin. Diese dienen im Gehirn der Signalübertragung (beispielsweise für Bewegungsabläufe) und sind teilweise übermäßig aktiv.
Aktuellen Erkenntnissen zufolge wird neben einer nicht-genetischen Form, eine
genetische Form des Tourettesyndroms vermutet. Wissenschaftler haben Hinweise dafür, dass Mutationen im Gen SLITRK1 auf Chromosom 13q31.1 die normale Ausbildung von Nervenzellen behindern und diese Fehlbildung zum Tourettesyndrom führen könnte. Wenn ein erkrankter Elternteil die nicht notwendigerweise vorhandene Erbanlage für das Tourettesyndrom in sich trägt, wird vermutet, dass sein Kind mit einer Wahrscheinlichkeit von 5 bis 10 % von
Tics (nicht zwangsläufig vom Vollbild eines Tourettesyndroms) betroffen sein kann.
In den letzten Jahren mehren sich Hinweise darauf, dass das Tourette-Syndrom eine
Autoimmunerkrankung, die sich nach einer Infektion des Hals- und Rachenraums bzw. des Mittelohrs mit
β-hämolysierenden Streptokokken der Gruppe A (
Scharlach,
Otitis media) manifestiert, sein könnte: Für derartige Erkrankungen wurde der Oberbegriff
PANDAS geprägt:
Pediatric Autoimmune Neuropsychiatric Disorders Associated with Streptococcal Infections.
Antikörper, die ursprünglich eine Oberflächenstruktur der infizierenden Bakterien erkannten, entwickeln sich zu
Autoantikörpern, die gegen die
Basalganglien gerichtet sind und greifen diese an.
Auftreten [Bearbeiten]
Es ist nicht bekannt, wie hoch die Zahl der Patienten mit Tourettesyndrom tatsächlich liegt, da das relativ seltene
Syndrom bis heute oft fehldiagnostiziert wird. Allgemein geht man davon aus, dass etwa 0,05 % aller Menschen mit dem Tourettesyndrom leben. Männer sind dabei etwa dreimal so häufig betroffen wie Frauen.
Diagnose [Bearbeiten]
Die Diagnose des Tourettesyndroms wird rein aufgrund der beobachteten Symptome und des bisherigen Krankheitsverlaufs gestellt. Es existieren keine neurologischen oder psychologischen Verfahren, die eine Diagnose des Tourettesyndroms leisten können.
Mithilfe von Fragebögen, Schätzskalen zur Beurteilung des Tic-Schweregrads und medizinischen Untersuchungen wie z. B. einem
Elektroenzephalogramm wird eine Abgrenzung des Syndroms von anderen Erkrankungen versucht. Beispielsweise unterscheidet sich gemäß ICD-10 die 'multiple Ticstörung' (F95.1) vom 'Tourettesyndrom' (F95.2) dadurch, dass letzteres auch einen vokalen Tic beinhaltet. Weiterhin muss ausgeschlossen werden können, dass die Auffälligkeiten eine körperliche Reaktion auf eine eingenommene Substanz darstellen oder einem anderen medizinischen Krankheitsfaktor entspringen.
Bedingungen für die Diagnose sind
mindestens ein vokaler und
mindestens zwei motorische Tics in der
Anamnese; diese müssen aber nicht gleichzeitig aufgetreten sein. Beim Tourettesyndrom treten die Tics mehrmals täglich zumeist anfallsartig entweder fast jeden Tag oder über ein Jahr lang wiederkehrend auf. Die Symptome müssen vor dem 21. Lebensjahr erstmals aufgetreten sein, die Stärke der Tics spielt keine Rolle in der Diagnosestellung.
Dem ICD-10 und der aktuellen Version des DSM-IV (siehe
[1]) folgend ist ein zusätzlicher Befund einer stärkeren inneren Anspannung und negativer Folgen in wichtigen Lebensbereichen für die Diagnose des Tourettesyndroms nicht mehr erforderlich.
Therapie [Bearbeiten]
Zur Abklärung individuell abgestimmter eventueller Therapiemaßnahmen ist der fachliche Rat von
Ärzten,
Psychiatern oder
Nervenärzten einzuholen. Pädagogische und
sonderpädagogische Beratung können beispielsweise im Umgang mit den häufig auftretenden zusätzlichen Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen hilfreich sein. Eine eigentliche
Heilung ist derzeit nicht möglich.
Die beobachtbaren Symptome lassen sich hauptsächlich durch Behandlung mit
Psychopharmaka aus der Gruppe der
Neuroleptika mindern, jedoch sind die meisten Personen mit Tourettesyndrom nicht so schwerwiegend beeinträchtigt, dass eine Medikation oder sonstige fachliche Hilfen notwendig werden.
Wenn trotzdem eine medikamentöse
Intervention erforderlich wird, stehen verschiedene Präparate zur Verfügung, deren individuell verschiedene notwendige Dosis durch behutsame Steigerung erst herausgefunden werden muss. In
Deutschland wird gewöhnlich
Tiaprid (Tiapridex) eingesetzt, daneben gelten
Pimozide (Orap) und
Haloperidol (Haldol) als erfolgversprechend. In den
USA kommen zusätzlich die nur wenig getesteten Präparate
Fluphenazin (Dapotum, Lyogen) und
Clonazepam (Rivotril) zum Einsatz.
Dagegen können Stimulantien wie
Methylphenidat (
Ritalin) oder
Pemoline (Tradon) unter Umständen Tics verstärken. Bei begleitenden Zwangsstörungen können
Fluvoxamin (Fevarin),
Clomipramin (Anafranil),
Paroxetin (Tagonis) oder auch
Fluoxetin (Fluctine) hilfreich sein.
Alternativ gibt es Entspannungsverfahren und verschiedene
verhaltenstherapeutische Ansätze, die den Umgang mit Stresssituationen, die zu einer Verstärkung der Tics führen, lehren können. Durch Selbstkontrolltrainings können teilweise sozial unangenehme Tics durch einen sozial eher akzeptierten Tic ersetzt werden.
Positive Ergebnisse bei der Sublimierung von Tics sind auch aus der
Musiktherapie bekannt. Teilweise lassen sich nervöse Impulse durch das Spielen eines Instrumentes ableiten. Besonders geeignet erscheinen hierzu schnelle Instrumente sowie Instrumente, bei denen der Spieler mit Händen und Füßen aktiv ist, z. B. das
Drumset und die
Orgel. Auch kommt die Neigung zur
Palipraxie dem steten Wiederholen von Phrasen, Takten und Tonleitern beim Üben entgegen. Weiterhin gibt es die Möglichkeit, Kontrollzwänge sinnvoll in den Übungsablauf einzubauen. Vokale Tics können in manchen Fällen dagegen in Stimmbildungsübungen oder bläserische Artikulationsübungen umgewandelt werden.
Dass
THC, einer der Hauptwirkstoffe von
Cannabis, Tics wirksam reduziert, bestätigten die Ergebnisse einer sechswöchigen Studie an der Medizinischen Hochschule Hannover