Was sind Fetale Alkoholspektrum-Störungen (FASD)
Das Fetale Alkohol-Syndrom (FAS) wurde erstmals 1973 von Jones und Smith beschrieben.
Die Entdeckung basierte auf Fallstudien (Jones et al., 1973), bei denen Forscher ein
ähnliches Muster von Fehlbildungen bei Kindern fanden, die von alkoholkranken Müttern
geboren wurden. Die weltweite Auftretensrate (Inzidenz) von FAS in der
Allgemeinbevölkerung wurde auf 0.97 von 1000 Geburten geschätzt (Abel, 1995). In einer
bevölkerungsbasierten Studie in Seattle schätzten Sampson et al. (1997) die Auftretensrate
von FAS auf 3 von 1000 Geburten, wenn man die alkoholbedingte neurologische
Entwicklungsstörung (ARND) hinzunimmt, sogar auf eine von 100 Geburten. FAS ist die
häufigste bekannte Ursache für geistige Retardierung und tritt häufiger auf als die häufigsten
Geburtsfehler (Down-Syndrom und Spina Bifida) zusammen (National Institute of Alcohol
Abuse and Alcoholism, 1990). Jedoch ist FAS eine der wenigen Ursachen für geistige
Behinderung, die völlig vermeidbar ist. Die Kosten, die der Gesellschaft durch diese
Behinderung entstehen, sind enorm hoch (Abel und Sokol, 1991).
Pränatale Alkoholexposition (=vorgeburtlich dem Alkohol „ausgesetzt sein“) kann zu einer
Spanne von Auswirklungen führen, zu denen FAS, teilweises FAS (entspricht den „Fetalen
Alkoholeffekten“ FAE) und ARND gehören. Diese Differentialdiagnosen werden unter dem
Überbegriff „Fetale Alkoholspektrum-Störungen“ FASD zusammengefasst. Der Begriff FASD
ist nicht für die Verwendung als klinische Diagnose gedacht, sondern ist ein Überbegriff,
um die volle Spanne der Auswirkungen zu beschreiben, die bei Menschen mit pränataler
Alkoholexposition beobachtet werden.
Alkohol ist für den Menschen ein teratogener Schadstoff (Teratologie = Lehre von
Missbildungen), da durch die Alkoholexposition im Mutterleib eine Vielzahl von dauerhaften
Behinderungen und Schädigungen beim betroffenen Kind auftreten können. Dazu zählen
Minderwuchs, körperliche Missbildungen, Schädigungen des zentralen Nervensystems
und sogar Fötustod. Zu den schweren Langzeitschäden gehören Verhaltensstörungen und
intellektuelle Beeinträchtigungen. Die klinischen Symptome werden als
„Alkoholembryopathie“, „fetales Alkoholsyndrom“ oder mit dem umfassenderen Begriff als
„Fetale Alkoholspektrum-Störungen“ (FASD) bezeichnet.
Auf dieses Problem sind wir als Berliner Kinderheim aufmerksam geworden, weil wir von
FASD betroffene Kinder seit 10 Jahren – konsiliarisch begleitet von Prof. Spohr – betreuen
und uns auf die Betreuung, Diagnostik und Integration dieser Kinder spezialisiert haben.
Diagnosekriterien:
– Prä- und postnatale Wachstumsminderung
(verminderte Körperlänge, vermindertes Körpergewicht)
– Dysmorphiezeichen (= alle drei typischen Auffälligkeiten im Gesicht: zu schmale Augen,
schwach ausgebildete „Rotzrinne“, dünne Oberlippe)
– Dysfunktion des zentralen Nervensystems
– Strukturell (kleiner Kopfumfang)
– Neurologisch (Auffälligkeiten im EEG, Anfälle, Fieberkrämpfe)
– Funktionell (Intelligenzminderung, Teilleistungsstörungen,
Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivität, motorische Defizite,
Defizite in exekutiven Funktionen, problematisches Sozialverhalten,
Gedächtnisdefizite, Wahrnehmungsstörungen…)
– Belegte Alkoholexposition
Fetale Alkoholspektrum-Störungen
(Fetal
Alcohol
Spectrum
Disorders –
FASD)
Neben dem Vollbild des Fetalen Alkoholsyndroms finden sich auch Störungsbilder, die durch
Alkohol während der Schwangerschaft hervorgerufen werden, bei denen jedoch nicht in allen
diagnostischen Bereichen Befunde vorliegen:
Fetales Alkoholsyndrom
(Fetal
Alcohol
Syndrome –
FAS)
Beim Vollbild liegen in allen drei Bereichen Befunde vor. Nach neuen Standards aus den
USA wird diese Diagnose mit bzw. ohne belegte Alkoholexposition gestellt.
Fetale Alkoholeffekte
(Partial
Fetal
Alcohol
Syndrom –
PFAS)
Fetale Alkoholeffekte werden diagnostiziert, wenn nur in zwei der drei Bereiche
Auffälligkeiten vorliegen. Zusätzlich zu den Dysmorphiezeichen liegt eine Wachstums-
minderung oder eine Dysfunktion des zentralen Nervensystems vor. Auch diese Diagnose
wird unterschieden in Fetale Alkoholeffekte mit bzw. ohne Nachweis einer Alkohol-
exposition.
Alkoholbedingte Geburtsschäden
(Alcohol
Related
Birth
Defects –
ARBD)
Diese Diagnose wird gestellt, wenn ein Kind die typischen Gesichstmerkmale der FASD zeigt,
aber keine Wachstumsminderung und auch keine Dysfunktion des zentralen Nervensystems
nachweisbar sind. Die Alkoholexposition des Fötus muss belegt sein.
Alkoholbedingte neurologische Entwicklungsstörung
(Alcohol
Related
Neurodevelopmental
Disorder –
ARND)
Auch die Diagnose ARND wird nur bei belegter Alkoholexposition gestellt. Die Betroffenen
zeigen keine körperlichen Anzeichen (Wachstumsminderung, typische Gesichtszeichen),
die Dysfunktion des zentralen Nervensystems ist jedoch vorhanden.
Für umfassende Informationen empfehlen wird Ihnen die Homepage von FAS-Deutschland
www.fasworld.de.
Gela Becker-Klinger, Dipl.-Psych.
Quellen:
(1) Astley, S.J. (2004): Diagnostic Guide for Fetal Alcohol Spectrum Disorders:
The 4-Digit Diagnostic Code. University of Washington, Seattle
(2) BzgA (2002): Alkohol in der Schwangerschaft – ein kritisches Resümee.
Forschung und Praxis in der Gesundheitsförderung, Bd. 17
(3) Hoyme, H.E. et al. (2005): A Practical Clinical Approach to Diagnosis of Fetal
Alcohol Spectrum Disorders: Clarification of the 1996 Institute of Medicine Criteria.
Pediatrics, 115 (1), pp. 39-47
(4) National Center on Birth Defects and Developmental Disabilities (2004):
Fetal Alcohol Syndrome: Guidelines for Referral and Diagnosis.
(5) Rasmussen, C. (2005): Executive Functioning and Working Memory
in Fetal Alcohol Spectrum Disorder.
Alcoholism: Clinical and Experimental Research, 29 (8), pp. 1359-1367
(6) Spohr, H.L. (2005): Teratogene Effekte von Nikotin, Drogen und Alkohol.
Gynäkologe, 38 (1), pp. 25-32