Hörgeräte sind deutlich leistungsfähiger als früher
27. Februar 2008 09:29 Uhr
Gießen (dpa/tmn) Hörgeräte gelten immer noch als Makel: Obwohl bundesweit rund 15 Millionen Menschen unter einer Hörminderung leiden, nutzt nur jeder fünfte von ihnen eine Hörhilfe. Dabei sind Hörgeräte heute besser denn je sowohl in ihrer Technologie als auch in Tragekomfort und Design.
Trotzdem sind die Bedenken groß: «Ein solches Gerät macht ein unsichtbares Gebrechen sichtbar», erklärt Jürgen Kießling, Professor für Audiologie an der Universität Gießen. Häufig drängen Angehörige einen Schwerhörigen, sich endlich untersuchen zu lassen weil der Fernseher ständig so laut eingestellt ist oder weil sie ein normales Gespräch als Anschreien empfinden. «Irgendwann geben die Betroffenen dem Drängen nach und kommen zum Ohrenarzt, um sich bestätigen zu lassen, dass sie ganz normal hören», sagt Kießling. Meist sei das jedoch nicht der Fall.
Wenn der Facharzt ein Hörgerät verordnet hat, geht es zum Hörgeräteakustiker. Dieser erstellt zunächst ein Hörprofil. Dann werden die persönlichen Lebensumstände und Bedürfnisse erörtert: Ein Sportler braucht ein anderes Gerät als jemand, der vor allem beim Theaterbesuch Hörschwierigkeiten hat.
Moderne Hörgeräte verwenden Digitaltechnologie. Sie wandeln akustische Signale in Computersprache um. Dadurch wird der Ton nicht nur lauter, sondern auch deutlicher. Ein digitales Hörgerät ist programmierbar, so dass es mittels eines kleinen Computers dem Hörprofil und den Benutzerbedürfnissen angepasst werden kann. Die gebräuchlichsten Bauformen sind Hinter-dem-Ohr-Geräte und Im-Ohr-Hörgeräte. «Bei sehr starker Schwerhörigkeit kommt nur ein Hinter-dem-Ohr-Gerät in Frage. Für alle anderen Hörstörungen kann der Patient in der Regel zwischen beiden Bauformen wählen», sagt Prof. Kießling.
Bei einem Hinter-dem-Ohr-Gerät sitzt die gesamte Elektronik im Gehäuse hinter der Ohrmuschel. Dieses war noch vor wenigen Jahren fleischfarben, klobig und hinderlich. Heute sind die Gehäuse klein und leicht. «Der Begriff Hörgerät passt nicht mehr», sagt Marianne Frickel, Präsidentin der Bundesinnung der Hörgeräteakustiker in Mainz. «Wir sprechen von Hörcomputern und Kommunikationsassistenten.»
Die Verbindung zwischen dem Gehäuse und dem Ohr ist das Ohrpassstück (Otoplastik), ein Einsatz für den äußeren Gehörgang aus Kunststoff. Er ist von einem kleinen Plastikschlauch durchzogen, der den Schall vom Hörgerät zum Trommelfell weiterleitet. Im-Ohr-Geräte zeichnen sich durch miniaturisierte Technik und kompakten Aufbau aus. Je nach Ausführung können sie komplett im Gehörgang verschwinden. Entsprechend erfordert die Handhabung etwas Geschick.
Ein handelsübliches Im-Ohr-Gerät hat eine weiche S-Kurve. Das kleinere Ende sitzt vor dem Trommelfell, das größere an der Öffnung des Ohres. Hier liegen auch der Lautstärke-Regler, das Batteriefach und der Ein/Aus-Mechanismus. Die Mikrofonöffnung ist an der Außenseite, die Schallaustrittsöffnung auf der Innenseite. «Solche Geräte werden vor allem aus kosmetischen Gründen gewählt, sie verschließen jedoch den Gehörgang», sagt Audiologe Kießling. Dadurch entwickeln sich mehr Hitze und mehr Feuchtigkeit im Innern des Ohres. Auch klingen Stimmen und Geräusche blechern.
Doch mit einem Gerät am oder im Ohr ist es nicht getan. «Der Patient muss das Gerät ab sofort unbedingt ständig tragen», sagt Renate Welter, Vizepräsidentin des Deutschen Schwerhörigenbundes in Berlin. «Und er sollte auf jeden Fall die Dienstleistung des Akustikers in Anspruch nehmen.» Dieser nimmt Service-Checks vor und passt vor allem das Gerät im Rahmen der Nachsorge ständig neu an.
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