Gute Pflege wird bestraft, schlechte belohnt.
Fussek © ForseA
Berlin (kobinet) Der Münchner Sozialpädagoge Claus Fussek prangert Missstände in Heimen an und fordert die Zusammenlegung von Pflege- und Krankenkassen. In einem
Interview mit der Berliner Zeitung sagte der Pflegeexperte über die jetzige irrsinnige Situation: "Gute Pflege wird bestraft, schlechte belohnt." In der Realität würden Menschen oft in die Betten gepflegt, damit mehr Geld fließe.
"Prävention und Rehabilitation waren und sind Kernstück der Pflegeversicherung. Mit Hilfe einer guten Krankengymnastik oder Bewegungstherapie kann verhindert werden, dass ein alter Mensch zum Pflegefall wird. Die Krankenkassen aber haben wenig Interesse daran, weil sie hier für Leistungen zahlen, von denen am Ende die Pflegekasse profitiert, weil der alte Mensch nicht gepflegt werden muss", so Fussek.
Ein Paradigmenwechsel sei nötig, gute Pflege möglich, schon heute. Es sei ähnlich wie beim Klimawandel, sagte Fussek: "Wir haben kein Erkenntnisproblem. Die Zahlen und Ursachen sind bekannt, aber es geschieht nichts. Dabei muss man nur die demografische Entwicklung betrachten. Wir wissen auch, dass die häusliche Pflege nur mit Hilfe von schätzungsweise 70.000 sogenannten Illegalen aus Osteuropa aufrecht erhalten wird. Wir kennen den Personalmangel in Pflegeheimen, wir wissen, dass in vielen Heimen unwürdige Zustände herrschen. Aber statt etwas zu tun, leisten wir uns ständig neue Studien und Modelle, die belegen, was wir längst wissen."
Zur Absicht der Koalition, die ambulante Pflege zu stärken, erklärte Fussek: "Das fordern wir seit Jahren. Doch die Politiker wollen dies kostenneutral gestalten. Das geht nicht. Die ambulanten Dienste müssen wie Pflegekräfte in Heimen in Minuten abrechnen. Zweimal eine Viertelstunde am Tag, das bringt nichts. Das hat mit realen Bedürfnissen nichts zu tun. Man kann nicht sagen: 'Wir gehen nicht mehr auf Toilette, weil das Essen länger gedauert hat.' Ich bin für die Abschaffung der Pflegestufen. Bundeskanzlerin Angela Merkel muss das Thema Pflege zur Chefsache erklären."
Es sei genug Geld im System von Pflege- und Krankenkasse. Pflege dürfe nicht wie ein Wirtschaftsprodukt vermarktet werden. "Börsennotierte Heimträger kann ich nicht durch die Pflegeversicherung subventionieren. Es muss klar sein, wohin die Gelder fließen. Dazu brauchen wir eine wirksame Kontrolle und nicht Besuche der Heimaufsicht oder des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen, die vier Wochen vorher angemeldet werden müssen."
Quelle: Kobinet