Wenn Jugendliche in der Gruppe kriminell werden
Tübinger Kriminologen befragen deutsche Schüler zur Cliquen- und Gangzugehörigkeit
Wenn Jugendliche in der Gruppe kriminell werden
Als Gang bezeichnen Kriminologen eine Gruppe, die ein gewisses Maß an Organisation aufweist, sich regelmäßig trifft, ein eigenes Gebiet hat und deren Mitglieder in kriminelle Handlungen verstrickt sind. Jugendgangs gibt es auch in Deutschland, sagen die Psychologin Dr. Kerstin Reich und der Soziologe Klaus Bott. Sie erforschen, wie viele und welche Jugendlichen sich Gangs anschließen und welche Struktur diese problematischen Gruppen aufweisen.
12.12.06 - Viele Jugendliche fühlen sich einer Clique zugehörig. Nur ein geringer Teil solcher Cliquen sind regelrechte Jugendbanden, deren Mitglieder in der Gruppe auch Straftaten begehen. Kriminologen sprechen dann von Gangs - obwohl in den USA, wo der Begriff herkommt, solche problematischen Jugendgruppen meist viel stärker organisiert sind und eine stärkere hierarchische Struktur haben als in Europa.
"Lange wurde in Deutschland das Phänomen problematischer Gruppen von Jugendlichen nicht thematisiert", erklärt die Psychologin Dr. Kerstin Reich vom Institut für Kriminologie der Universität Tübingen. Sie will daher zunächst zusammen mit dem Soziologen Klaus Bott eine Art Bestandsaufnahme der Jugendgangs in Deutschland machen und hat sich mit ihrer Arbeitsgruppe an das internationale Forschungsprojekt "Eurogang Program of Research" angeschlossen. In dem europäischen Forschungsprojekt wollen die Forscher zunächst die Grundlagen schaffen, aufgrund derer Vergleiche zwischen einzelnen Ländern möglich werden.
Rund acht Prozent der Jugendlichen gehören zu delinquenten Gruppen
Angelehnt an einen Fragebogen, der von der internationalen Forschergruppe entwickelt wurde, haben die Tübinger Wissenschaftler nun Daten gesammelt: Sie befragten 520 Schüler der Klassen sieben bis neun an Hauptschulen zu ihrem Freizeitverhalten, der Zugehörigkeit zu Cliquen, einen eventuellen Migrationshintergrund, ihre schulische Laufbahn und ihren Beziehungen zu den Eltern anonym befragt. Ergebnis der nicht repräsentativen Studie: rund acht Prozent der Jugendlichen gehören zu Gruppen, deren Mitglieder eine befürwortende Einstellung gegenüber illegalen Handlungen aufweisen und untereinander oder gegen Dritte schon mal Gewalt ausgeübt, Sachen beschädigt oder Diebstähle begangen haben. Dass die Gang in illegale Aktivitäten involviert ist, gehört auch zur Gruppenidentität.
Wenn Jugendliche Gangmitglieder werden, tun sie das oft zum eigenen Schutz - sie fühlen sich bedroht oder sind es auch tatsächlich. Sie wollen ein eigenes Gebiet haben, dadurch ist das Zugehörigkeitsgefühl zur Gruppe stärker ausgeprägt und sie wollen sich wichtig fühlen. Öfter als bei gleichaltrigen Jugendlichen ist bei Gangmitgliedern Alkohol im Spiel: Nach eigener Auskunft trinken sie zu 64 Prozent oft oder häufig Alkohol, andere Jugendliche nur zu 40 Prozent. Das sind Aspekte, die in dieser Ausprägung so nicht in normalen Gruppen oder Cliquen vorkommen, stellt Reich fest. Dort sei es eher wichtig, Freunde zu finden oder Gelegenheit zu haben, das jeweils andere Geschlecht zu treffen und Geheimnisse zu teilen.
Häufig ist der eigene Schutz die Motivation, sich einer Gang anzuschließen
Jugendliche, die sich delinquenten Gruppen anschließen, sind zu über 70 Prozent Jungen. "Aus unserer Befragung wissen wir, dass es bei Gangmitgliedern generell weniger elterliche Kontrolle gibt als bei anderen Jugendlichen. Die Eltern wissen oft nicht, wo ihre Sprösslinge sind und mit wem sie unterwegs sind", berichtet Bott. Sowohl Angehörige von Gangs als auch andere Jugendliche finden gute Noten nach eigenem Bekunden wichtig. Doch die Gangmitglieder hatten deutlich häufiger angegeben, dass Hausaufgaben Zeitverschwendung und die Freunde viel wichtiger seien. Jugendliche mit einem Migrationshintergrund hätten prinzipiell ein höheres Risiko, in delinquenten Gruppen zu landen. "Aus unserer Befragung lässt sich jedoch nicht klar sagen, ob die Gangmitglieder durch einen solchen Hintergrund oder durch schlechte sozioökonomische Verhältnisse tatsächlich schlechtere Perspektiven im Leben haben als andere Jugendliche."
Geplant ist, nicht nur den Schülerfragebogen einzusetzen, sondern auch Experten von der Polizei, aus der Jugendhilfe, Vertrauenslehrer oder Sozialarbeiter zu Ausbreitung und Struktur dieses Phänomens zu befragen. In die Untersuchung einbezogen werden sollen auch Schlüsselpersonen auf der kommunalen Ebene. idw / fs
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