ediziner kritisieren mangelhafte Diagnosen und unangemessenen Einsatz von Medikamenten
Demenzkranke werden im Heim oft falsch behandelt
Die medizinische Behandlung von Menschen mit Demenz in Pflegeheimen muss dringend verbessert werden. Das fordern Mediziner der Universität Witten/Herdecke, die in einer Studie gravierende Mängel bei der Versorgung dieser Patienten nachwiesen.
04.04.07 - Dies gilt umso mehr, wenn die Betroffenen, was häufig vorkommt, noch an weiteren Krankheiten leiden. Zu diesem Schluss kommen Annette Welz-Barth und Ingo Füsgen vom Lehrstuhl für Geriatrie der Universität Witten/Herdecke. Die Mediziner hatten in zwei Heimen die Versorgung von Demenzpatienten untersucht, bei denen zusätzlich eine
Inkontinenz vorlag. In den allermeisten Fällen wurden die Krankheitsursachen falsch zugeordnet. Darüber hinaus konstatiert die Studie eine fragwürdige medizinische Versorgung und einen unangemessenen Einsatz von Medikamenten. Die Untersuchung ist in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "European Journal of Geriatrics" veröffentlicht.
Die Wissenschaftler gewannen ihre Daten aus zwei Einrichtungen der stationären Altenhilfe, in denen rund 600 Bewohner lebten. Knapp die Hälfte von ihnen war dement bei einer gleichzeitig bestehenden Inkontinenz. Fast 80 Prozent der ausgewählten Bewohnergruppe befanden sich in den Pflegestufen II oder III und waren somit schwer pflegebedürftig. Mehr als 80 Prozent hatten einen mittleren bis schweren Ausprägungsgrad der
Demenz.
Inkontinenz wird nur bei fünf von hundert Patienten adäquat behandelt
Bei den meisten Patienten lag jedoch keine Ursachenzuordnung vor - eine Diagnose, um welche Demenzform es sich handelt, fehlte also. Vergleichbares galt für die Inkontinenz, die in nur zwei Prozent der Fälle diagnostisch entsprechend zugeordnet und eingeordnet und in nur fünf Prozent der Fälle spezifisch mit Medikamenten behandelt wurde. Mehr als 40 Prozent litten unter einer Doppelinkontinenz, das heißt Stuhl- und Harninkontinenz.
Die medikamentöse Versorgung bei entsprechender
Multimorbidität erwies sich häufig als nicht adäquat: Erkrankung und Medikament passten nicht zusammen, oder es gab Defizite bei der Dosierung und der Medikamentendauer.
"Die vorliegenden Daten weisen auf medizinisch unzureichende Versorgungsstrukturen hin. Es ist notwendig, über Strategien zur Steigerung der medizinischen Qualität in der Behandlung dementer inkontinenter Altenheimbewohner nachzudenken und Konsequenzen zu ziehen", resümiert Annette Welz-Barth. Reformen seien vor dem Hintergrund der alternden Gesellschaft dringend erforderlich. Schon heute hätten, so Welz-Barth, bis zu 70 Prozent der deutschen Altenheimbewohner eine Demenz.