Mosche Oyerbaum* hat es sich auf einer Liege gemütlich gemacht und lauscht den Streichquartetten von Mozart, einem seiner Lieblingskomponisten. Die einschmiegsamen Melodien sollen dem schlaksigen Israeli über die nächsten 90 Minuten helfen. Denn Strahlen werden den Tumor in seinem Kiefer verbrennen. Aus verschiedenen Winkeln beschießt eine Kanone den Kopf mit Gammastrahlen, 138 Mal. Mosche muss sich ganz ruhig verhalten, damit sie ins Ziel und nicht daneben treffen. Von der Therapie selbst spürt er nichts, kein Schmerz, kein Ziehen, kein Kribbeln, nur das Summen des Teilchenbeschleunigers in Tonhöhe des Cellos beweist, dass es den Krebszellen in diesem Moment an den Kragen geht.
Unblutige Schnitte
Einen Raum weiter, abgetrennt durch anderthalb Meter Spezialbeton, steht Alexander Muacevic vor einem Pult mit mehreren Flachbildschirmen, einem Computer-Terminal und einem chicen CD-Player. "Die meisten Patienten bringen ihre Lieblings-CDs mit", erklärt der Leiter des Europäischen Cyberknife Zentrums München-Großhadern. Musik wie zuhause - das passt zum restlichen Erscheinungsbild des Zentrums. Runde Formen statt harter Kanten, warmes Mahagoni statt giftigem Linoleum, luftige Decken und viel Glas. Für den Arzt besonders wichtig: Keine Kittel. "Die Leute fühlen sich nämlich schon krank genug."
Alexander Muacevic ist Neurochirurg, also einer jener medizinischen Handwerker, die bevorzugt in Gehirnen stochern. Anders als seine Kollegen arbeitet er aber mit einem Skalpell, das nicht nur unsichtbar ist, sondern auch schmerzfrei und unblutig schneidet. Ganz ohne OP oder Anästhesie. Den eigentlichen Eingriff führt ein Roboter durch, der Arzt steht nur daneben und sieht der Maschine auf die Finger. "Wenn man zehn Jahre lang blanken Stahl geschwungen hat", meint Muacevic, "dann ist das schon gewöhnungsbedürftig."
Tumor im Brennpunkt
Das Cyberknife ist der jüngste Spross der Radiochirurgie, die schon seit mehr als 30 Jahren eingesetzt wird. Keine klassischen OP-Instrumente, sondern ionisierende Strahlen werden gegen die Tumoren gerichtet. Im Prinzip funktioniert das ähnlich wie bei einer normalen Bestrahlung, nur dass die Strahlung sehr viel konzentrierter ist: Das Geschwulst soll durch den Beschuss präzise zerstört, das gesunde Gewebe aber geschont werden. Mit nur einem starken Strahl gelänge dies nicht, weil er eine Schneise durch das gesamte Organ ziehen würde.
Cyberknife-Ärzte schicken deshalb mehrere Schüsse hintereinander aus bis zu 1.200 Richtungen durch das Ziel (also den Tumor). Für sich genommen ist jeder einzelne Schuss harmlos. Im Kreuzpunkt der mehr als 100 aufeinanderfolgenden Strahlen entfaltet sich jedoch eine vernichtende Wirkung - bis auf 0,5 Millimeter exakt und für Tumorzellen tödlich. Je größer der Tumor ist, desto breiter muss auch jeder einzelne Strahl sein. Weil aber kein Mensch so genau zielen kann, übernimmt diese Arbeit ein Computer. Ein gelenkiger Roboterarm führt den Beschuss aus - ursprünglich war er für die Produktion von Sportwagen gedacht war. Auch der Teilchenbeschleuniger für die Strahlenkanone hatte bei der amerikanischen Marine eigentlich andere Aufgaben.
Malen mit der Maus
Hochpräzisionsinstrumente sind das, aber eben nur Instrumente. Die eigentliche Arbeit geschieht deshalb auch schon Tage vor der Therapie. Mit den Röntgen- oder Kernspinaufnahmen in der Hand versammeln sich Neurochirurgen und Physiker des Zentrums im Besprechungsraum. Die Ärzte legen fest, wie groß die Dosis sein soll, die den Tumor trifft, und welche Strukturen zu empfindlich sind, um auch nur von einem Strahl erwischt zu werden. Spätestens hier wird klar, warum die Neurochirurgen für den Job nötig sind: Nur sie kennen sich in den betroffenen Organen aus, wissen, wo Gefäße und Nerven entlang laufen und können beurteilen, wie viel Strahlung das jeweilige Gewebe verträgt. Die Naturwissenschaftler setzen diese Informationen dann in konkrete Pläne um. Viel Rechenarbeit, denn die entstehenden Strahlendosen müssen für das gesamte Operationsgebiet kalkuliert werden.
Am Computer malt Sibylle Stärk die Ergebnisse mit der Maus auf die digitalen Kernspin-Bilder. Rot umkreist die Physikerin den Tumor, blau die Augen und einige andere Strukturen, die auf jeden Fall verschont werden sollen. "Der Computer berechnet für uns aus diesen Vorgaben die besten Strahlengänge", erklärt sie. Am Ende muss die Dosis im Tumor stimmen, und zwar nicht nur im Zentrum, sondern an jeder Stelle - auch am Tumorrand.
Kein Krebs-Allheilmittel
Daraus ergibt sich auch eine Grenze der Methode: Je größer der Durchmesser der Strahlen, desto stärker ist auch die Strahlenbelastung für das umliegende Gewebe. Vor allem im äußerst empfindlichen zentralen Nervensystem sind große Tumoren ein Problem. Schon bei mehr als zwei Zentimetern Durchmesser werden die Cyberknife-Ärzte kritisch. "Man kann da enormen Schaden anrichten", warnt Berndt Wowra, der zweite Leiter des Zentrums. Falsch angewendet könne die Methode dauerhafte Lähmungen, Organausfälle und sogar den Tod zur Folge haben.
Die Therapie ist nur für wenige Patienten geeignet. Von etwa 8.000 Menschen, die jährlich in Deutschland an einem Tumor des Zentralen Nervensystems erkranken, sind es vielleicht 15 Prozent. Auch dadurch lässt sich die hohe Erfolgsquote von bis zu 95 Prozent erklären. In Frage kommen Personen mit kleinen, gut abgrenzbaren
Gehirn- und Rückenmarkstumoren. Ausschlusskriterien sind Krebsarten, die wild ins Gewebe wachsen, zahlreiche Metastasen oder akute medizinische Notfälle. "Das Cyberknife ist ein gutes Werkzeug, mit dem wir unseren chirurgischen Wirkungsbereich erweitern können", sagt Wowra nüchtern. "Aber ein Heilmittel gegen Krebs ist es nicht."
Roboter denkt mit
In den nächsten Jahren, so glaubt Cyberknife-Chef Muacevic, werde die Technik an Bedeutung gewinnen. Dabei wollen die Chirurgen einen bislang vernachlässigten Aspekt des Systems gezielter nutzen: Die dynamische Positionskorrektur. Der Roboterarm kann sich auf kleine Bewegungen des Körpers einstellen und sie korrigieren. Während der Behandlung macht das Gerät regelmäßig Röntgenbilder und vergleicht sie automatisch mit der ursprünglichen Aufnahme. Als Orientierungsmarken dienen die sehr charakteristischen Knochenstrukturen des Schädels. Auf Abweichung von bis zu zehn Millimetern reagiert der Roboter sofort, bei allem was darüber hinausgeht, schaltet er sich automatisch ab.
Seit kurzem kann die Maschine regelmäßige Bewegungen, wie sie zum Beispiel durch Atmen oder verschiebende Bauchorgane entstehen, in einem Logarithmus erfassen und vorhersehen. "Das ist der spannende Teil", findet Muacevic. Denn es öffnet den Weg zu Eingriffen im Brust- und Bauchraum, wo eine Operation meist zwingend war. Hier sei die Behandlung größerer Tumoren durchaus denkbar, denn Muskeln und Bindegewebe reagieren auf Strahlen viel weniger empfindlich.
Billiger als eine OP
Bisher sind weltweit 76 Cyberknife-Geräte in Betrieb, 62 weitere sind geplant. In Deutschland existiert das einzige Zentrum seit gut einem Jahr. Es ist eng mit der neurochirurgischen Klinik und dem Institut für klinische Radiologie des Universitätsklinikum Großhadern verknüpft, die AOK Bayern unterstützt das Projekt. Mit 7.000 bis 9.500 Euro ist die Therapie immer noch deutlich billiger als eine aufwändige Operation mit mehrtägigem Krankenhausaufenthalt, Intensivstation und Reha. Dagegen stehen sechs Millionen Euro Investitionskosten für das Zentrum, dazu kommen die hohen monatlichen Wartungskosten für das Hightech-System. Behandelt werden rund 400 Patienten jährlich.
"Habe es nicht geglaubt"
Wirklich herumgesprochen hat sich die Methode ohnehin noch nicht. Dabei kann sie vor allem bei langsam wachsenden Tumoren in schwer zugänglichen Bereichen des Gehirns - wo sich viele Neurochirurgen nicht mehr hinwagen - die letzte Chance für den Patienten sein. Die erste Skepsis der Betroffenen kann Muacevic gut verstehen: "Erst erzählt man dem Menschen, er habe einen Hirntumor und man müsse den Schädel aufmachen. Eine fürchterliche Diagnose. Und dann hört er von irgendwo her, dass es eine andere Möglichkeit gibt, den Tumor los zu werden, ganz ohne Operation."
"Ich habe es nicht geglaubt", bestätigt Mosche kopfschüttelnd. Für ihn war die Behandlung das Ende einer langen Odyssee. Nachdem ein Arzt in der Dominikanischen Republik die Diagnose gestellt hatte, flog er zuerst nach Israel, dann nach New York. Doch operieren wollte den Mann mit dem eisengrauen Bart und der achteckigen Brille niemand - der Eingriff sei zu schwierig. Im Cyberknife-Zentrum überzeugten ihn die Ärzte, dass es sich nicht um exotischen Humbug, sondern um eine wissenschaftlich fundierte Methode handelte.
Tumore nur virtuell
Alexander Muacevic kann an dem System wenig Exotisches finden. Für ihn ist es das natürliche Resultat der technischen Entwicklung. "Wenn man vor 20 Jahre an das Hirn heran wollte, hat man noch fast die ganze Schädeldecke abgenommen", erklärt der Chirurg. "Dann wurde das Operationsgebiet immer kleiner, schließlich benutzte man Endoskope, und wir machen eben überhaupt nicht mehr auf." Dieser letzte Schritt verändert auch die Perspektive der Kranken. Für Mosche hat der Tumor einen Teil seiner Bedrohlichkeit eingebüßt. Weil kein Chirurg ihn je zu Gesicht bekam, ist er so virtuell wie das Messer, das ihn entfernt hat. Ein heller Klecks auf einem CT-Bild. Und auch der wird in einigen Monaten verschwunden sein.
*Name von der Redaktion geändert
Quelle: Netdoctor