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Standard Schmerz, lass endlich nach!

Höllenqualen
Schmerz, lass endlich nach!
VON HELMUT OGRAJENSCHEK
10.09.2006 | 00:15:03

Pochend, ziehend, marternd, lähmend: Für Schmerzen hat jeder seinen eigenen Begriff. Am Schmerzkongress in Nottwil LU erfährt man nächstes Wochenende, was gegen Schmerzen getan werden kann. Die Teilnahme ist kostenlos.


Allein in der Schweiz leiden mehr als eine Million Menschen unter chronischen Schmerzen. Schmerzen? Am meisten spürt man sie am Kopf, im Rücken, in unseren Nerven – und sie entstehen durch Einflüsse von aussen, wie Hitze, Kälte oder Druck, oder durch krankhafte Prozesse im Körperinneren. Verletzt man sich zum Beispiel beim Wandern durch einen Misstritt am Knöchel, entstehen dort chemische Reizstoffe.

Dadurch werden kleine Sinneszellen gereizt, die sich an den Enden der Nerven befinden. Von diesen «Schadensfühlern» wird die Schmerzinformation in Form elektrischer Ströme bis ins Rückenmark geleitet, wo die Schmerzsignale in chemische Botenstoffe umgewandelt werden: Diese übertragen die Schmerzimpulse ins zentrale Nervensystem und von dort ins Gehirn. Hier befindet sich die zweite Umschaltstelle der Reizübertragung. Denn erst, wenn die Schmerzimpulse im Gehirn ankommen, können wir die schmerzhafte Körperstelle auch wahrnehmen und in angemessener Form auf den Schmerz reagieren.

«Die Ursache eines Schmerzes muss raschmöglichst bekämpft werden, um zu verhindern, dass er chronisch wird», erklärt Dr. Wolfgang Schleinzer (58), Chef der Schmerzklinik Nottwil – einem Kompetenzzentrum im Schweizer Paraplegikerzentrum.

Dort führt «Gesundheit Sprechstunde» in Medienpartnerschaft mit SonntagsBlick den ersten Schmerzkongress durch. In Nottwil wird das gesamte Spektrum der modernen Schmerzbehandlung in Diagnostik und Therapie angeboten. Pro Jahr werden da rund 24 000 Schmerzbehandlungen durchgeführt. Schleinzer: «Wir wenden alles an, was es heute gegen Schmerzen gibt.» Dazu gehören Akupunktur, Homöopathie, Phytotherapie, Hypnose, medikamentöse Therapien, elektrische Nervenstimulationen, Schmerz- pumpen, Rückenmarkstimulationen und Nervenblockaden.

Am Schmerzkongress vom 16./17. September können sich Interessierte kostenlos in Referaten und Workshops sowie bei Rundgängen durch die Klinik orientieren. Die besten Schmerzexperten der Schweiz geben Auskunft über neue Behandlungskonzepte und Schmerzprophylaxe. Vierzig Mitarbeiter, Ärzte, Psychologen, Pflegekräfte, Physiotherapeutinnen und Praxisassistentinnen stehen bereit, um Besuchern alle Fragen kompetent zu beantworten.


Wichtige Fragen zum Thema "Schmerzen"

Wie entstehen Schmerzen?

Durch Einflüsse von aussen – wie Hitze, Kälte oder Druck – oder durch krankhafte Prozesse im Körperinneren. Verletzt man sich zum Beispiel bei der Gartenarbeit oder beim Wandern durch einen Misstritt am Knöchel, entstehen dort chemische Reizstoffe. Dadurch werden kleine Sinneszellen gereizt, die sich an den Enden der Nerven befinden. Von diesen «Schadensfühlern» aus wird die Schmerz-Information in Form von elektrischen Strömen bis ins Rückenmark geleitet. Hier werden die Schmerzsignale in chemische Botenstoffe umgewandelt. Diese übertragen die Schmerzimpulse ins zentrale Nervensystem und von dort ins Gehirn. Hier befindet sich die zweite Umschaltstelle der Reizübertragung. Denn erst, wenn die Schmerzimpulse hier im Gehirn ankommen, können wir die schmerzhafte Körperstelle auch wahrnehmen und in angemessener Form auf den Schmerz reagieren.

Was tut man sinnvollerweise wann gegen welchen Schmerz?

Die medikamentöse Behandlung ist der Grundpfeiler jeder Schmerztherapie. Man sollte damit so früh wie möglich beginnen. Die Einzeldosis muss so festgelegt werden, dass das Schmerzmittel seinen Zweck erfüllt, das heisst, es darf nicht unterdosiert werden, sonst nützt es nichts, aber wegen unerwünschter Begleiteffekte sollte es auch nicht überdosiert werden.

Wie lange soll man ein Medikament nehmen?

Die Medikamenteneinnahme soll nach einem festen Zeitplan erfolgen, der sich an der Wirkdauer des Medikaments orientiert und nicht nach dem Bedarf. Nur so werden konstante Plasmaspiegel erzielt und die Schmerzen bleiben gerade bei diesem Vorgehen anhaltend gelindert. Wenn die oralen Darreichungsformen keine zufrieden stellende Schmerzlinderung bewirkt oder die Nebenwirkungen unbeherrschbar werden, sollte der Therapeut frühzeitig auf andere Behandlungsarten umsteigen.

Wann soll man ans Operieren denken?

Wenn z.B. die Schmerzen wegen eines Bandscheibenvorfalls unerträglich werden und alle anderen Therapiemöglichkeiten (Massage, Chiropraktik, Akupunktur, Neuraltherapie etc.) ausgeschöpft sind. Oder wenn das Gehen wegen einer Hüftgelenk- oder Kniearthrose zur Qual wird und daher ein künstliches Gelenk eingesetzt werden muss.

Wann reicht der Hausarzt, wann muss ich zum Spezialisten?

Die sogenannte «Pyramide der Schmerzversorgung» zeigt es: Bei akuten Schmerzen, etwa einem Hexenschuss, einer Verbrennung oder einer Verstauchung, sollte man den Hausarzt aufsuchen. Dauern die Schmerzen länger als ein, zwei Wochen, sollte man diese unbedingt von einem Schmerzspezialisten abklären lassen.

Wann sollte sich ein Schmerzpatient in eine weiterführende Behandlung begeben?

Dr. André Ljutow, Oberarzt in der Schmerzklinik Nottwil: «Nach einer angemessenen Behandlung der akuten Schmerzursache sollte sich innerhalb weniger Tage eine deutliche Besserung zeigen. Verschwinden die Schmerzen nach ein, zwei Wochen nicht, sollte ein Schmerzspezialist zugezogen werden, denn dann kann sich hinter den Schmerzen bereits ein chronisches Leiden verbergen, das sofort mit allen dem Arzt zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft werden muss.»

Was versteht man unter akuten Schmerzen?

Akute Schmerzen setzen immer dann ein, wenn
Körpergewebe beschädigt wird. Sie dauern nur eine gewisse Zeit an und sollen den Körper vor Schäden und Überlastung schützen. Sie haben also eine wichtige Signal- und Schutzfunktion. Akute Schmerzen treten z.B. bei Schnittwunden, Prellungen, Knochenbrüchen, Entzündungen, Verbrennungen oder Zahnschmerzen auf.

Wie werden akute Schmerzen behandelt?

Dafür gibt es eine Reihe von Massnahmen. Medikamente, die den Schmerz hemmen. Die chinesische Akupunktur kann Schmerzen mit Hilfe von winzigen Nadeln «abschalten». Der Chiropraktiker kann durch gezielte Handgriffen und ruckartige Bewegungen schmerzhafte Blockaden oder Verspannungen in Wirbeln und Gelenken (Hexenschuss) lösen. Der Masseur kann durch sanftes Kneten die Durchblutung fördern und so die Schmerzen wegmassieren. Auch eine örtliche Betäubungsspritze (z.B. beim Zahnarzt oder beim Neuraltherapeuten) kann den Schmerz verschwinden lassen. Eispackungen können ebenfalls schmerzlindernd wirken. Durch gezieltes Rückentraining lernt man, den Körper nicht unnötig zu belasten und Schmerzen zu vermeiden.

Was versteht man unter chronischen Schmerzen?

Unsere Nerven und unser Gehirn haben die fatale Eigenschaft, sich viel zu schnell an den Schmerz zu gewöhnen. Die Folge: Die Schmerzen werden immer wieder aus unserem «Schmerzgedächtnis» abgerufen, werden also chronisch und müssen mit immer stärkeren Medikamenten bekämpft werden. «Der Schmerz hat den ursprünglichen Auslöser überdauert und ist zu einer Krankheit geworden», erklärt der Nottwiler Oberarzt Dr. André Ljutow.

Welche Ursache können chronische Schmerzen haben?

Zum Beispiel chronische Muskelverspannungen. Oder Nervenschmerzen. Bei der Trigeminusneuralgie etwa, tritt der Schmerz einseitig im Gesicht auf. Ursache sind in der Regel Nervenirritationen durch Blutgefässe am Hirnstamm. Nach einer Amputation können örtliche Schmerzen an durchtrennten Nerven in Form von Stumpfschmerzen und zentral (im Gehirn und Rückenmark) ausgelöste Schmerzen in Form von Phantomschmerzen auftreten. Bei der Gürtelrose kommt es anfangs zu heftigen Schmerzattacken. Auslöser sind Viren, die nach einer Windpocken-Erkrankung im Körper überlebt haben. Unter bestimmten Umständen können sie wieder aktiv werden und Nerven befallen. Bei einigen Menschen werden die Nerven so geschädigt, dass die Schmerzen nie mehr verschwinden.

Hilft ein Schmerztagebuch dem Arzt?

Dieses ist sehr hilfreich. Damit Sie Ihrem Arzt genauer schildern können, wie es Ihnen in welchen Situationen geht, sollten Sie einige Wochen lang ein Schmerztagebuch führen. Dort tragen Sie exakt ein, wann die Schmerzen auftreten und wie intensiv sie sind. Notieren Sie auch, in welcher Situation die Schmerzen besonders stark sind und wie Sie sich dabei fühlen. Ein Schmerztagebuch ist sowohl in der Einstellungsphase eines Medikaments als auch zur laufenden Therapiekontrolle für den Arzt sehr hilfreich.

(Quelle: SonntagsBlick)
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