schlachtfeld mutterleib
Von Jürgen Langenbach (Spectrum) 24.03.2006
Friedlich geht es nicht zu im Uterus, wenn Embryos sich schützen und mästen.
Schwangere strahlen oft großen Frieden aus, aber der Eindruck täuscht, in ihrem Kör per wird gekämpft. Die Frontlinie ist die Plazenta, das ist die äußere "Haut", mit der ein Embryo, der sich in die Gebärmutter einnistet, mit dem Gewebe der Mutter verwächst. Und das ist die Schranke, durch die alles Nötige hindurch muss, an der alles Schädliche zurückgewiesen werden muss. Zum Dritten begegnet dort das mütterliche Immunsystem etwas Körperfremdem, der Embryo hat auch Proteine von väterlicher Seite: Eindringlinge in den mütterlichen Körper, gegen die für gewöhnlich alle Abwehrkräfte aufgeboten werden.
Wie kann ein Embryo verhindern, attackiert, gar abgestoßen zu werden? Es gibt im Körper "immunprivilegierte" Regionen, in denen die Abwehr schwach ausgeprägt ist. Das Gehirn gehört dazu, es ist durch die Blut-Hirn-Schranke weithin vor Eindringlingen (Antigenen) geschützt und braucht im Inneren wenig Abwehr. Auch der Uterus gehört dazu, allerdings kann dort viel eindringen, das Immunsystem muss schon auch auf der Hut sein. Deshalb legen Embryos eine Tarnkappe um, und die entlehnen sie ganz anderen Erfindern: Krebszellen.
Lucia Mincheva-Nilsson (Umea Universität, Schweden) hat in Plazenta-Gewebe Boten-RNA für ein Protein gefunden, mit dem Tumore die Immunabwehr dämpfen (MIC) - und im Blutplasma werdender Mütter hat sie MIC-Gehalte gefunden, die 100 Mal so hoch wie bei Nicht-Schwangeren sind. "Tumore sind viel älter als Säugetiere", erklärt die Forscherin, "es könnte sein, dass Plazentas den Tumor-Mechanismus übernommen haben" (Journal of Immunology, 15. 3.).
Aber Embryonen tarnen und täuschen nicht nur, sie sind auch hungrig, deshalb sitzen sie nicht einfach in der Gebärmutter herum, sondern strecken von der Plazenta aus Blutgefäße in mütterliches Gewebe. Sie wollen möglichst viel holen. Die Mutter hat andere Interessen, sie will nicht zu viel geben, Ressourcen für kommende Kinder sparen. Dann geht es hart auf hart: 1993 postulierte David Haig, Evolutionsbiologe in Harvard, dass viele Schwangerschafts-Komplikationen von diesem Interessenkonflikt kommen, vor allem die Präeklampsie, bei der der Blutdruck in der Endphase der Schwangerschaft gefährlich hoch steigt. Haig vermutete, dass Embryos mit irgendeiner selbstproduzierten Substanz den Blutdruck der Mütter heben, um an mehr Nahrung zu kommen. Inzwischen ist die Substanz identifiziert, sie heißt sFlt1 und sorgt dafür, dass kleine Verletzungen in Blutgefäßen nicht repariert, sondern mit erhöhtem Blutdruck kompensiert werden (Current Topics in Developmental Biology, 71, S. 297).
Vermutlich wehren sich Mütter dagegen, indem sie Gen-Aktivitäten der Embryos beeinflussen. Das geht: Es gibt nicht nur die Front Mutter/Embryo, Embryos selbst sind Schlachtfelder, auf denen Gene der Mütter und der Väter gegeneinander antreten, jedes will sich durchsetzen, das andere stillstellen ("imprinting"). Die ersten dieser Gene wurde zu Beginn der Neunzigerjahre entdeckt, inzwischen kennt man viele, aber die ersten beiden sind das Musterbeispiel: die Gene für den Wachstumsfaktor Igf2 und seinen Rezeptor Igf2r: Väter haben Interesse an großem Nachwuchs, Mütter wollen sich nicht an einem Embryo entkräften. So versucht das väterliche Igf2-Gen, das mütterliche stillzustellen - im Gegenzug will das Igf2r-Gen der Mütter die Oberhand. Kommen beide ans Ziel, ist alles ausbalanciert, es gibt mehr Igf2-Protein, aber weniger Rezeptoren dafür.
Und richtig kompliziert wird es, wenn im Uterus nicht nur einer nistet, sondern zwei oder mehr um Platz und Ressourcen kämpfen.
ist es nicht faszinierend?
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Der Weg von Mensch zu Mensch,
ist oft weiter und schwieriger,
als der Weg von der Erde zum Mond.
angie
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