Die Geschichte von Jean-Dominique Bauby ist um die Welt gegangen: Nach einem Schlaganfall war der Ex-"Elle"-Chefredakteur fast vollständig gelähmt. Nur durch Augenblinzeln diktierte er in einem 14-monatigen Kraftakt seine Autobiografie. Drei Tage nach der Veröffentlichung starb er. Jetzt hat US-Regisseur Julian Schnabel "Schmetterling und Taucherglocke" verfilmt. Er erzählt die tragische Geschichte vom Lebemann, der in seinem Körper gefangen ist, aus der Sicht des Patienten - mit verschwommenen Bildern, Verzerrungen und Lichteffekten.
Verschwommene Silhouetten wechseln mit zuckenden Lichtblitzen, zwischen denen Fetzen von grünen Medizinerkitteln sichtbar werden. Im Hintergrund ist ein leises Stimmengewirr zu vernehmen.
Plötzlich tritt ein Arzt in den Vordergrund und erklärt dem aus dem Koma erwachten Patienten mit freundlicher Sachlichkeit, dass er am Locked-in-Syndrom leide. Das schockierte Schlaganfallopfer versucht zu antworten, doch seine Mitmenschen können ihn nicht hören.
Fast vollständig gelähmt
Die Geschichte von Jean-Dominique (Jean-Do) Bauby ging nicht zuletzt wegen seiner mit Augenblinzeln diktierten Autobiografie "Schmetterling und Taucherglocke" um die Welt.
Bauby, erfolgreicher, sein Leben intensiv genießender "Elle"-Chefredakteur, findet sich nach einem Schlaganfall plötzlich als Krüppel wieder, der zwar seine Umgebung wahrnehmen kann und seine Denkfähigkeit nicht eingebüßt hat, jedoch beinahe vollständig gelähmt ist.
Ästhetisch gewagt
Viel hätte schiefgehen können bei der Verfilmung des 1997 erschienenen Bestsellers, doch der US-Regisseur und Maler Julian Schnabel hat daraus ein ergreifendes, bisweilen etwas kitschiges, aber ästhetisch gewagtes Kino-Melodram geschaffen.
Quälend lange setzt Schnabel in seinem dritten Film (nach "Basquiat" und "Before Night Falls") auf den subjektiven Kamerablick voller Beschränkt- und Verschwommenheit, mit Verzerrungen und Lichteffekten.
Aus der Sicht des Patienten
"Diese Story konnte nur aus seiner Perspektive erzählt werden", sagt der Filmemacher. "Der subjektive Kamerablickwinkel war schon ein Bestandteil im Drehbuch von Ronald Harwood."
In einigen Szenen, in denen die Umgebung aus der Sicht des Schlaganfallpatienten teilweise nur unscharf zu erkennen ist, setzte der Regisseur der Kamera deshalb seine Brille auf. "Mein Ziel war, für diesen Film Bilder zu schaffen, die noch nie zuvor auf der Leinwand zu sehen waren."
Für die Szene, in der das rechte Auge von Jean-Do zugenäht wird, fixierte er mit Klebstoff ein paar Wimpern auf einem Latextuch und zog dieses über die Kameralinse. "Eines unserer Teammitglieder wusste, welche Stiche gemacht werden müssen, um das Auge zuzunähen", sagt Schnabel. "Den Zuschauern geht diese Szene ganz gewaltig unter die Haut."
Verzweifelter erster Satz
Als eine Logopädin später mit ihm ein Blinzel-Alphabet erarbeitet, in dem die Buchstaben nach ihrer Häufigkeit in der französischen Sprache geordnet sind, lautet sein erster buchstabierter Satz: "Ich möchte sterben."
Der erste Wechsel der Kameraperspektive bringt für den Zuschauer den nächsten Schock: Der 43-jährige erfolgsverwöhnte Modejournalist sieht nun aus wie ein Zombie, ein hilfloses Bündel Fleisch.
Großer Kontrast
Der Kontrast zum früheren Leben, das der schlanke, intelligente und lebensfrohe Dandy geführt hat, könnte größer nicht sein. Genauso grotesk und von tiefer Wirkung ist das Missverhältnis von erbarmungswürdigem Körper und weiterhin scharfem Verstand, gepaart mit klarer Beobachtungs- und Formulierungsgabe.
Mathieu Almaric, der im kommenden James-Bond-Abenteuer den Bösewicht mimt, wurde für seine grandiose Darstellung, für die er kaum schauspielerische Mittel zur Verfügung hatte, mehrfach ausgezeichnet.
"Hat sich immer als Gewinner gesehen"
"Nur meine Fantasie und Erinnerungen sind nicht gelähmt", konstatiert Bauby. "Dadurch kann ich meiner Taucherglocke entkommen." Erinnerungen, Rückblenden sowie die Kommunikation mit seinen Betreuern und Besuchern geben Aufschluss über sein bisheriges Leben und auch über die Schuldgefühle, dass er seine Frau (Emmanuelle Seigner) und Kinder verlassen hat.
"Jean-Do hat sich selbst immer als Gewinner gesehen", so Schnabel, "doch erst diese Krankheit hat es ihm ermöglicht, sein wahres Wesen zu finden."
Kraftakt
Bauby stellt sich schließlich einer letzten, großen Herausforderung: Er möchte trotz seines Handicaps einen bereits abgeschlossenen Buchvertrag erfüllen.
In einer 14-monatigen Tour de Force diktiert er Buchstabe für Buchstabe 28 Kapitel einer Reflexion seines einstigen Lebens ("Als ich gesund war, war ich gar nicht lebendig. Ich war nicht da.") und seines nunmehrigen Leidens, in dem sein "wahres Ich wiedergeboren" wird.
"Schmetterling und Taucherglocke", das Buch, erschien am 6. März 1997 in Frankreich und wurde zum Bestseller. Bauby starb am 9. März an Herzversagen.
Einmal kitschig, einmal selbstironisch
Schnabels Verfilmung geht unter die Haut. Der Film hat komische und befreiende Momente, gelegentlich auch etwas dick aufgetragene Höhenflüge der Fantasie, bei denen der eingeschlossene Tiefseetaucher als Schmetterling seinem Körpersarg entfliehen kann.
Trotz des harten Schicksals lässt Schnabel aber niemals Mitleid mit Bauby aufkommen, sondern zeigt, wie er selbstironisch versucht, diese Lektion über das Leben zu bewältigen - aus eigener Kraft, nicht zuletzt aber auch durch ein großes Maß an menschlicher Solidarität und tiefer Zuneigung seiner Umgebung.
Schmetterling und Taucherglocke
Bauby-Biografie (Wikipedia)