Modellversuch in der Pflege setzt auf Verständnis durch Schulung

Mobile Krankenpflege Magdeburg zieht positive Bilanz von Angehörigen-Training im Alltag

Der Schlaganfall ihres Vaters ändert das Leben von Sigrid S. über Nacht. Zwar rettet die Kunst der Ärzte das Leben des 79-Jährigen, aber als der ehemalige Schlosser die Klinik verlässt, ist er ein Pflegefall. Für Sigrid S. ist es keine Frage, die Versorgung ihres Vaters in eigene Hände zu nehmen. Zu diesem Zeitpunkt ist nicht abzusehen, ob sich die halbtags berufstätige Frau und Mutter zweier Kinder auf eine möglicherweise jahrzehntelange Pflege des bettlägerigen Patienten einrichten muss.

"Dieses Schicksal trifft in Deutschland zehntausende Familien", sagt Frank Hoffmann. Der 42-Jährige ist Geschäftsführer der Mobilen Krankenpflege Magdeburg GmbH. Das Unternehmen gehört zu den führenden Pflege-Anbietern im Umland der sachsen-anhaltinischen Landeshauptstadt. Seit über elf Jahren betreuen Hoffmann und rund 55 Mitarbeiter alte und kranke Menschen in der Region. In dieser Zeit habe die Zahl der Fälle, in denen sich Angehörige dazu bereit erklären, einen Schwerstkranken in der Familie zu betreuen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu pflegen, stetig zugenommen.
"Oft schrecken die Angehörigen vor dem Gedanken zurück, einen geliebten Menschen in das Räderwerk eines anonymen Pflegebetriebes zu geben", sagt Hoffmann: Dabei werde die Belastung, die eine pflegende Familie erwartet, oft unterschätzt. Fachleute rechnen, dass jeder Dritte privat Pflegende in Deutschland selber ernsthaft krank wird und sich wegen psychischer oder physischer Beschwerden in ärztliche Behandlung begeben muss.

Nach Ansicht Hoffmanns bieten gezielte Weiterbildungs-Angebote und eine Aufteilung der Pflegeaufgaben zwischen Angehörigen und professionellen Helfern einen Ausweg aus der Misere. Entsprechende Erfahrungen gibt es unter anderem in Magdeburg. "Wir setzen alles daran, pflegenden Angehörigen jede denkbare Unterstützung zu geben", sagt Hoffmann. In einem Modellversuch vermitteln die Mitarbeiter der Mobile Krankenpflege Magdeburg Grundlagenwissen, das es den Angehörigen ermöglicht, die geänderte Lebenssituation des Patienten zu verstehen und einfache Pflegeaufgaben besser und leichter zu bewerkstelligen. Nun wünscht sich Frank Hoffmann, dass das Modell Schule macht, denn der Kostendruck verbietet es den meisten Krankenhäusern, Laien-Pflegekräfte über das notwendige Maß hinaus anzulernen.
Nach den Erfahrungen Hoffmanns würde das Angebot einer gezielten Qualifizierung von pflegenden Angehörigen durch private Anbieter die Situation der Pflegefamilien spürbar verbessern. Im Fall von Sigrid S. könnte der bettlägerige Patient zunächst von ausgebildeten Fachkräften betreut werden. Vom ersten Tag ihrer Arbeit an, binden die Spezialisten auch Sigrid S. in den Pflegealltag ein. So lernt die junge Frau Schritt für Schritt, auf den ersten Blick einfache Tätigkeiten, wie das Waschen und Umlagern des Patienten, auf professionelle Weise zu erledigen. Zu gegebener Zeit wird Sigrid S. auch mit anspruchsvolleren Tätigkeiten vertraut gemacht, die in ihrem individuellen Betreuungsumfeld auftauchen.
"Wichtig ist es, dem Angehörigen auch das theoretische Wissen zu vermitteln, das die Pflege begleitet", sagt Frank Hoffmann. Kritisch werde die Situation nur in solchen Fällen, in denen ein, mit einer ungewohnten Situation überforderter, Angehöriger, ungewohnte Tätigkeiten übernehmen soll, die zudem das bisherige Familienverständnis auf den Kopf stellen.
"Es ist eine ungeheure Belastung, einem Menschen, den man sein ganzes Leben als Vorbild geachtet hat, plötzlich den Hintern abputzen zu müssen", sagt Hoffmann. Auch die Tatsache, dass sich der pflegende Angehörige den möglichen Folgen einer fehlerhaften Betreuung durchaus bewusst ist, trägt nicht dazu bei, die Situation zu erleichtern. Nach den Erfahrungen der Mobilen Krankenpflege Magdeburg ist es sinnvoll, die Anleitung der Laien an den Erfordernissen des jeweiligen Patienten auszurichten und die Begleitung des Angehörigen so lange fortzusetzen, bis sich dieser in der Lage sieht, die gestellten Aufgabe nachweisbar routiniert zu übernehmen.
Frank Hoffmann räumt ein, dass die umfassende Qualifizierung von Laienpflegern Geld und Zeit kostet. Diese aber sei gut angelegt, vergleicht man die eingesetzten Mittel mit den Kosten, die bislang durch psychische und körperliche Krankheiten und deren Folgeschäden in den pflegenden Familien entstehen. Rückenwind bekommt dieser Modellversuch in der Pflege zudem von den europäischen Nachbarn. Andere Länder haben gute Erfahrungen mit dem Konzept gemacht. In Großbritannien beispielsweise, ist sich Frank Hoffmann sicher, würde ohne das Engagement der privaten Pflegehilfen das Gesundheitssystem zusammenbrechen. (Cornelius Bischoff)
Quelle: Medicalnews