Wie wird Carbamazepin bei der Erstbehandlung aufdosiert?
Carbamazepin ist eins der Medikament, für die das Prinzip "low and slow", also niedrig und langsam zu dosieren, weiterhin gilt. Eine zu rasche Aufdosierung führt zu Nebenwirkungen. Daher wird folgendes Schema empfohlen:
Erwachsene erhalten zu Beginn 2x 200 mg Carbamazepin retard pro Tag, eine Erhöhung um 200 mg findet jeden 2. bis 3. Tag statt.Kinder beginnen mit 5 mg pro kg am Tag, mit einer Erhöhung um ca. 5 mg/kg alle 3-5 Tage.
Es gibt retardiertes Carbamazepin, was bedeutet, dass es im Magen-Darm-Trakt nicht sofort aufgelöst und ins Blut aufgenommen wird, sondern langsam abgegeben wird.
Retardpräparate sollten wegen der Möglichkeit einer zweimaligen täglichen Gabe und der geringer ausgeprägten Anschwemmung im Blut nach der Einnahme mit nachfolgenden Spitzen-spiegeln bevorzugt werden.
Welche Tagesdosen sind sinnvoll?
Wie bei den meisten Medikamenten gegen Epilepsie, wird auch bei Carbamazepin zunächst auf mittlere Dosisbereiche aufdosiert. Insgesamt können Tagesdosen zwischen 400 und 1600 mg bei Erwachsenen gegeben werden. Bei Kindern 10-20 mg/kg Körpergewicht.
Im Einzelfall muss diese generelle Richtlinie nach Wirkung und Nebenwirkung abgewandelt werden. Prinzipiell werden alle Anti-Epilepsie-Medikamente bis zur Anfallsfreiheit aufdosiert oder bis zu einer Dosis, bei der Nebenwirkungen auftreten. Wenn dies passiert, wird die Dosis auf das zuletzt vertragene Niveau reduziert. Wenn dann noch weitere Anfälle auftreten, ist eine vollständige Wirksamkeit des Medikaments nicht gegeben, so dass ein anderes Medikament stattdessen oder zusätzlich gegeben werden kann oder muss.
Gibt es Wechselwirkungen oder Unverträglichkeiten mit anderen Medikamenten (hauptsächlich anderen Medikamenten gegen Epilepsie)?
Carbamazepin ist ein hepatischer Enzyminduktor. Dies bedeutet, dass durch Carbamazepin der Abbau verschiedener anderer Medikamente in der Leber beschleunigt wird. Dort werden Körpereiweiße, die am Abbau verschiedender Substanzen (unter anderem Medikamente) beteiligt sind, angeregt und dadurch die Verweildauer der Substanzen im Körper gesenkt. Daher wird die Serumkonzentrationen anderer Anti-Epilepsie-Medikamente wie Lamotrigin, Phenobarbital, Phenytoin, Tiagabin und Valproat gesenkt. Auch andere wichtige Medikamente wie z. B. orale Antikoagulantien (Gerinnungshemmer wie Marcumar), Steroid-Hormone, Isoniazid, Verapamil, Diltiazem, Haloperidol und Theophyllin können verstärkt abgebaut und deren Konzentration im Blut herabgesetzt werden. Dies führt u.U. dazu, dass bei den beiden genannten Medikamenten kein wirksamer Mediakmentenspiegel mehr besteht.
Durch Erythromycin und Cimetidin wird der Carbamazepinserumspiegel seinerseits erhöht. Besonderes wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass Carbamazepin die Wirkung der Antibabypille aufheben kann und eine sichere Verhütung nicht mehr gewährleistet ist, so dass nur noch gewisse Antibabypillen wirksam sind und andere Verhütungsmethoden stattdessen oder zusätzlich ergriffen werden müssen. Siehe hierzu das Ratgeberkapitel Epilepsie und Sexualität.
Ist es sinnvoll, die Blutspiegel zu kontrollieren?
Das kann tatsächlich manchmal sinnvoll sein. In der Aufdosierungsphase kann überprüft werden, welche Blutspiegel mit einer bestimmten Dosis erreicht werden. Treten Nebenwirkungen ein, kann man abschätzen, bis zu welcher Dosis bzw. bis zu welchem Spiegel das Medikament ohne Probleme vertragen wurde. Dies ist auch dann wichtig, wenn es darum geht, ein Medikament als unwirksam zu betrachten und ggf. auf ein anderes umzustellen. Weiterhin machen Spiegelkontrollen dann Sinn, wenn der Arzt überprüfen will, ob der Patient das Medikament auch regelmäßig nimmt, denn es gibt einige Patienten, die hier "schludern" und bei denen ein Medikament durchaus wirksam wäre, wenn es regelmäßig genommen würde. Hier darf dann nicht das Medikament angeschuldigt werden, nicht wirksam zu sein.
Auch zur Überprüfung der Wechselwirkung mit anderen Medikamenten ist eine Spiegelbestimmung sinnvoll.
Die üblichen Spiegel, die mit Carbamazepin erreicht werden, liegen zwischen 4 und 12 mg/l.
Gibt es in der Schwangerschaft etwas zu beachten?
Schwangerschaften bei Epilepsie-Patientinnen sind generell Risikoschwangerschaften, da das Kind durch Anfälle und auch durch gewisse Medikamente gefährdet sein kann.
Carbamazepin ist ein Medikament, das in der Schwangerschaft nicht generell empfohlen wird, aber auch nicht generell verboten ist.
In der Tendenz führt es etwas häufiger zu Missbildungen des Kindes als es bei Müttern ohne Medikament zu erwarten ist. Es sollte versucht werden, die Dosis so gering wie möglich zu halten, ohne dass Anfälle auftreten. Zudem sollten unbedingt Retardpräparate genommen werden, die durch verzögerte Freisetzung des Wirkstoffs zu gleichmäßigeren Spiegeln im Blut führen. Auch die Verteilung auf 3 statt 2 Einnahmen am Tag ist sinnvoll, wenn kein Retardpräparat eingenommen wird. Umstritten ist, ob einen Nutzen hat. Da Folsäure theoretisch Fehlbildungen des Kindes verhindern kann, empfehlen wir unseren Patientinnen eine zusätzliche Einnahme von Folsäure (2,5-5 mg/Tag) schon bei Kinderwunsch.
Vermieden werden sollte in jedem Fall - wenn dies möglich ist - die Einnahme von mehreren Medikamenten gegen Epilepsie gleichzeitig; insbesondere Kombinationen mit Valproinsäure sind hier zu nennen.
Muss man sonst noch etwas beachten?
Carbamazepin kann das Reaktionsvermögen herabsetzen. Daher muss beim Führen eines Fahrzeuges (soweit dies im Hinblick auf die Anfälle überhaupt erlaubt ist!) oder der Bedienung von Maschinen bedacht werden, dass es zu Gefahrensituationen kommen kann und entsprechend vorsichtig gehandelt werden bzw. die Tätigkeit kann bei entsprechender Nebenwirkung nicht ausgeübt werden.
Hinweis:
Die Medizin als Wissenschaft und somit auch die Epileptologie sind durch dauernden Zugewinn an Forschungsergebnissen einem ständigen Wandel unterworfen. Die genannten Daten gelten daher nur zum Zeitpunkt der Herausgabe dieser Patienteninformation. In unregelmäßigen Abständen oder dann, wenn sich Wesentliches ändert, wird diese Patienteninformation überarbeitet und als neue Version zur Verfügung gestellt. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir daher nur die jeweils aktuelle Version empfehlen können. Jegliche Haftung für die hier veröffentlichten Informationen wird abgelehnt.
Die hier dargelegten Informationen wurden nach bestem Wissen recherchiert. Trotzdem kann es zu Fehlern kommen, die sich z.B. aus Schreib- oder Übertragungsfehlern ergeben. Daher wird jeder Benutzer aufgefordert, sich im Zweifel andere Literatur zusätzlich zu besorgen und Angaben zu überprüfen.
Fachinformationen für Ärzte finden sich unter anderem unter:
Antikonvulsiva Carbamazepin
Zusätzliche Informationen bietet Patienten die Packungsbeilage des Medikaments. Zudem können Sie Ihren behandelnden Arzt oder den Apotheker fragen.
Herausgeber: Prof. Dr. A. Hufnagel
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