Welche Tagesdosen sind sinnvoll?
Wie bei den meisten Antikonvulsiva, wird auch bei Valproinsäure zunächst auf mittlere Dosisbereiche aufdosiert. Insgesamt können Tagesdosen zwischen 900 und 2000 mg bei Erwachsenen gegeben werden. Bei Kindern 20-30 mg/kg Körpergewicht.
Im Einzelfall muss diese generelle Empfehlung nach Wirkung und Nebenwirkung abgewandelt werden. Prinzipiell werden alle Antikonvulsiva bis zur Anfallsfreiheit aufdosiert oder bis zu einer Dosis, bei der Nebenwirkungen auftreten. Wenn letzteres passiert, wird die Dosis auf das zuletzt vertragene Niveau verringert. Wenn dann noch weitere Anfälle auftreten, ist eine vollständige Wirksamkeit des Medikaments nicht gegeben, so dass ein anderes Anti-Epilepsie-Mittel stattdessen oder zusätzlich gegeben werden kann oder muss.
Gibt es Wechselwirkungen oder Unverträglichkeiten mit anderen Medikamenten (hauptsächlich anderen Anti-Epilepsie-Medikamenten)?
Valproinsäure ist ein hepatischer Enzyminhibitor. Dies bedeutet, dass durch Valproinsäure der Abbau anderer Medikamente in der Leber verzögert werden kann. Hiervon betroffen sind u.a. Phenobarbital und Lamotrigin als andere Anti-Epilepsie-Medikamente. Andererseits kann die Konzentration von Valproinsäure im Blut durch Carbamazepin, Phenytoin und Phenobarbital gesenkt werden. Besonderes wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass Valproinsäure die Wirkung von Marcumar erheblich verstärken kann. Daher ist bei Einnahme von Marcumar unbedingt eine engmaschige Kontrolle der Gerinnungswerte notwendig; die Dosis von Marcumar muss teilweise erheblich gesenkt werdn. Die Wirkung der Antibabypille wird durch Valproinsäure nicht beeinflusst.
In Kombination mit Valproinsäure muss Lamotrigin wesentlich langsamer und auf 50% niedrigere Höchstdosen aufdosiert werden, damit es zu keinen allergischen Reaktionen oder Überdosierungen kommt.
Ist es sinnvoll, die Blutspiegel zu kontrollieren?
Die kann tatsächlich manchmal sinnvoll sein. In der Aufdosierungsphase kann überprüft werden, welche Blutspiegel mit einer bestimmten Dosis erreicht werden. Treten Nebenwirkungen ein, kann man abschätzen, bis zu welcher Dosis bzw. bis zu welchem Spiegel das Medikament ohne Probleme vertragen wurde. Dies ist auch dann wichtig, wenn es darum geht, ein Medikament als bei einem Patienten unwirksam zu betrachten und ggf. auf ein anderes umzustellen. Weiterhin machen Spiegelkontrollen dann Sinn, wenn der Arzt überprüfen will, ob der Patient das Medikament auch regelmäßig nimmt, denn es gibt einige Patienten, die hier unachtsam sind und bei denen ein Medikament durchaus wirksam wäre, wenn es regelmäßig genommen würde. Hier darf dann nicht das Medikament angeschuldigt werden, nicht wirksam zu sein.
Auch zur Überprüfung der Wechselwirkung mit anderen Medikamenten ist eine Spiegelbestimmung sinnvoll.
Die üblichen Spiegel, die mit Valproinsäure erreicht werden, liegen zwischen 50 und 120 mg/l.
Gibt es in der Schwangerschaft etwas zu beachten?
Schwangerschaften bei Epilepsie-Patientinnen sind generell Risikoschwangerschaften, da das Kind durch gewisse Medikamente gefährdet sein kann.
Valproinsäure ist ein Medikament, das in der Schwangerschaft problematisch ist. Es ist erwiesen, dass Valproinsäure zu einer erhöhten Fehlbildungsrate bei Neugeborenen führen kann, insbesondere dann, wenn sie mit anderen Medikamenten kombiniert wird.
Besonders hervorzuheben ist hier das Risiko, eine Fehlbildung im Bereich des Rückens zu erleiden, bei der der Rückenmarkskanal nicht vollständig geschlossen ist (offenes Neuralrohr, Spina bifida). Dies kann in unterschiedlichen Ausprägungen der Fall sein, von einer kaum merklichen Veränderung, die man nicht sieht, bis hin zu schwersten Verläufen. Hierbei ist anzumerken, dass das Vorliegen dieser Fehlbildung mit einer Ultraschalluntersuchung festgestellt werden kann, so dass auch bei einer eingetretenen Schwangerschaft ohne ausreichende Vorsorge festgestellt werden kann, ob das Kind eine Fehlbildung haben wird oder nicht, so dass ggf. darauf reagiert werden kann. Das Risiko auch für andere Fehlbildungen kann erhöht sein.
Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Fehlbildung eintritt, ist unter anderem von der Dosis der Valproinsäure und begleitenden Medikamenten abhängig, kann aber auf mehr als das 4-fache gesteigert sein.
Daher sollte in jedem Fall vor einer Schwangerschaft eine ausführliche Beratung erfolgen und festgelegt werden, wie weiter vorgegangen werden soll.
Prinzipiell kann Valproinsäure, wenn man ausreichend lange vor einer Schwangerschaft Zeit hat, gegen ein anderes Medikament ausgetauscht werden, das weniger problematisch ist. Wenn dies nicht möglich ist, sei es, weil man eine wirksame Therapie nicht ändern will, oder weil die Zeit nicht mehr ausreicht, kann man auf jeden Fall auch noch Maßnahmen ergreifen, die die Gefahr reduzieren. Hierzu gehört, die Dosis auf die geringste mögliche Menge einzustellen, die noch zu Anfallsfreiheit führt. In einigen Studien gelten Dosen von weniger als 1000 mg/ Tag als nicht so gefährlich. Zudem kann die Einnahme der Tabletten auf mehrere Zeitpunkte pro Tag verteilt werden, so dass gleichmäßigere Blutspiegel entstehen. Dies hilft, weil man annimmt, dass Spiegelspitzen gefährlicher sind als ein gleichbleibender Spiegel.
Zudem sollten unbedingt Retardpräparate genommen werden, die durch verzögerte Freisetzung des Wirkstoffs zu gleichmäßigeren Spiegeln im Blut führen. Die Einnahme von Folsäure (2,5-5 mg/Tag) bietet wahrscheinlich einen zusätzlichen Schutz und wird daher bei Frauen, die Valproinsäure nehmen, aktuell empfohlen.
Vermieden werden sollte in jedem Fall - wenn dies möglich ist - die Einnahme von mehreren Medikamenten gegen Epilepsie gleichzeitig, da sie zu einer deutlichen Steigerung des Risikos führt.
Muss man sonst noch etwas beachten?
Valproinsäure kann das Reaktionsvermögen herabsetzen. Daher muss beim Führen eines Fahrzeuges (soweit dies erlaubt ist!) oder der Bedienung von Maschinen bedacht werden, dass es zu Gefahrensituationen kommen kann und entsprechend vorsichtig gehandelt werden bzw. die Tätigkeit kann bei entsprechender Nebenwirkung nicht ausgeübt werden.
Hinweis:
Die Medizin als Wissenschaft und somit auch die Epileptologie sind durch dauernden Zugewinn an Forschungsergebnissen einem ständigen Wandel unterworfen. Die genannten Daten gelten daher nur zum Zeitpunkt der Herausgabe dieser Patienteninformation. In unregelmäßigen Abständen oder dann, wenn sich Wesentliches ändert, wird diese Patienteninformation überarbeitet und als neue Version zur Verfügung gestellt. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir daher nur die jeweils aktuelle Version empfehlen können. Jegliche Haftung für die hier veröffentlichten Informationen wird abgelehnt.
Die hier dargelegten Informationen wurden nach bestem Wissen recherchiert. Trotzdem kann es zu Fehlern kommen, die sich z.B. aus Schreib- oder Übertragungsfehlern ergeben. Daher wird jeder Benutzer aufgefordert, sich im Zweifel andere Literatur zusätzlich zu besorgen und Angaben zu überprüfen.
Fachinformationen für Ärzte finden sich unter anderem unter:
Antikonvulsiva Valproinsäure
Zusätzliche Informationen bietet die Packungsbeilage des Medikaments. Zudem können Sie Ihren behandelnden Arzt oder den Apotheker fragen.
Herausgeber: Prof. Dr. A. Hufnagel
quelle epi-netz