In den meisten Beipackzetteln erscheinen Warnhinweise wie "Nicht geeignet für Kinder unter X Jahren!". Häufig entstehen diese Warnungen nicht dadurch, dass bei jüngeren Kindern unerwünschte Wirkungen aufgetreten sind, sondern weil es keine Daten dazu gibt. In Europa ist es zur Zeit noch nicht erlaubt, klinische Studien an Kindern durchzuführen, egal ob die Eltern damit einverstanden sind oder nicht. Das führt aber auch dazu, dass Kinderärzte fast 50% aller Medikamente, die sie bei Kindern einsetzen müssen, in einer rechtlichen Grauzone verwenden. Das heisst, der Arzt trägt die volle Verantwortung für den Einsatz des Medikamentes und seine Folgen. Das gilt auch für "alltägliche" Arzneistoffe, die für Erwachsene in rauhen Mengen verordnet werden.
Hierzu ein Beispiel:
ich bekam vor kurzem ein Rezept mit folgender Verordnung eines Arztes der Kinderkardiologie der Kölner Uniklinik:
"Captopril Kapseln 2,8mg 60 Stück".
Der Patient ist ein ca. 6 Monate alter Junge. Captopril ist ein (bei Erwachsenen gängiges) Mittel zur Blutdrucksenkung, das jedoch für Kinder nicht zugelassen ist und folglich nicht in Kinderdosierungen erhältlich ist. Das Resultat: der Arzt muss auf sehr schwierigem Weg die Dosis bestimmen und der Apotheker stellt mit diesem Wirkstoff Kapseln her. Eine Messerspitze Pulver kann sich jeder vorstellen, aber 2,8mg (=0,0028g) pro Kapsel kann man kaum noch sehen. Zudem gibt es viele Arzneistoffe nicht als reine Substanz, also wird eine Tablette in Erwachsenendosis zu feinem Pulver zerrieben und mit einem Füllstoff gemischt, damit die Eltern dem Kind überhaupt eine handhabbare Menge geben können (in diesem Fall über eine Magensonde). Äusserst genaues Arbeiten ist hierbei erforderlich, damit auch in jeder Kapsel die richtigen Menge Arzneistoff ankommt. Die Verantwortung und Aufgabe des Apothekers liegt aber nicht nur in der Herstellung dieser Rezeptur, er muss auch prüfen, welche Gefahren vielleicht für das Kind durch die verwendeten Arzneistoffe, aber auch durch die benötigten Hilfsstoffe entstehen können. Darüber bespricht er sich mit dem verschreibenden Arzt und erarbeitet mit diesem Lösungen. Dann endlich kann auch ein Kleinstkind endlich mit einem lebenswichtigen Medikament versorgt werden.
Für mich und viele Berufskollegen ist dies "das Salz in der Berufssuppe", eine Herausforderung für unser Können ud Wissen.
Aber leider gibt es immer noch schwarze Schafe in unserem Beruf, die die Eltern eines solche Kindes mit fadenscheinigen Ausflüchten abfertigen. Den Eltern des o. g. Kindes ist es leider so ergangen.
Zwei Gründe mögen zu solchen Reaktionen führen:
1. der wirtschaftliche: der magere Abrechnungsbetrag, den die Krankenkasse bezahlt, steht in keinem Verhältnis zum Aufwand.
2. der intelektuelle: der Apotheker und/oder sein Personal haben nicht das nötige Wissen und Können für diese Aufgabe.
Mein Kommentar: warum sind diese Leute Apotheker geworden? Alles rein kaufmännisch zu hinterfragen (wieviel bringt es mir?), ist mit meiner Auffassung von Berufsethik nicht vereinbar. Zum 2. Grund: wessen Grips nur zum "Pillenverkaufen" reicht, kann keine qualifizierte Beratung bieten. Wer in unserem Beruf nicht vernünftig berät, sollte lieber bei Aldi die Regale auffüllen!
Sollten Sie einmal mit Ihrem Kind vor einem ähnlichen Problem stehen, wünsche ich Ihnen eine qualifizierte pharmazeutische Beratung und Hilfe. Wer Ihnen das nicht bietet, hat auch (nach meiner Ansicht) das Geld für die Aspirin nicht verdient, die Sie sonst immer dort gekauft haben!
Alles Gute, micha