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Alt 28.04.2006, 08:30
Nancy
 
Beiträge: n/a
Standard Wie im richtigen Leben

27.04.2006
Hannover (kobinet) Die Darstellung der Situation behinderter Eltern im Film "In Sachen Kaminski" hat mit dem richtigen Leben mehr zu tun, als man denkt. Im Film wurde Eltern mit Lernschwierigkeiten das Sorgerecht entzogen, so dass diese sich bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte durchklagen mussten, um ihr Recht zu bekommen. (siehe kobinet-nachrichten vom 20.04.2006) kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit Kerstin Blochberger vom Bundesverband behinderter und chronisch kranker Eltern (bbe) über den Film und die konkrete Situation behinderter Eltern.

kobinet-nachrichten: Sie sind eine der treibenden Kräfte des Bundesverbandes behinderter und chronisch kranker Eltern. Welche Funktion haben Sie in dem Verband genau inne und vor allem was macht der Verband?

Kerstin Blochberger: Nun, wir haben zum Glück einige treibende Kräfte im Verein. Leider bin ich aber noch immer die einzige, die ab und an hauptamtlich als Sozialpädagogin und Peer-Counselorin im Verein arbeitet. Wir sammeln die Erfahrungen von behinderten und chronisch kranken Eltern, die diese bei ihrer Bewältigung des Erzíehungsalltags machen und geben diese an andere Eltern aber auch an Hebammen, Ärzte und Mitarbeiter aus sozialen Einrichtungen weiter, die behinderte Eltern beraten. Wir vermitteln behinderte Eltern an andere behinderte Eltern, geben Ratgeber und Dokumentationen unserer jährlichen Elterntagungen heraus und beraten auch Journalisten, wenn sie zu diesem Thema etwas veröffentlichen wollen.

kobinet-nachrichten: Der letzte Woche in der Hauptsendezeit der ARD ausgestrahlte Film "In Sachen Kaminski" hat nicht nur viele Menschen erreicht, sondern auch viele Diskussionen über das Sorgerecht behinderter Eltern bzw. zur nötigen Assistenz für behinderte Eltern angeregt. Wie sehen Sie diesen Film?

Kerstin Blochberger: Da ich wusste, dass er auf wahren Begebenheiten basiert, habe ich ihn mir sehr genau angesehen. Einerseits habe ich mich gefreut, dass der Film die Seite der Eltern so gut und detailiert darstellt. Andererseits habe ich mich aber auch geärgert, weil er die Gräben zwischen Eltern und MitarbeiterInnen im Hilfesystem vertiefen kann - wer glaubt schon, dass so etwas heute noch passiert. Wird der Film dann vielleicht als völlig ausgedacht einfach nicht mehr ernst genommen? Viele nichtbehinderte Sozialpädagogen haben mich angesprochen und bezweifelt, dass die Darstellung realistisch war. Ich würde Ausschnitte gern in Seminaren einsetzen, um zum Beispiel SozialpädagogInnen mit den Vorurteilen zu konfrontieren.

kobinet-nachrichten: Der Film ist ja das eine, welche Erfahrungen machen Sie in der Praxis mit Ihrer Beratungsarbeit mit behinderten Eltern in diesem Bereich?

Kerstin Blochberger: Obwohl ich von vielen Eltern aus der Beratung wusste, dass einige der gezeigten Details im Film so auch heute noch ablaufen, konnte ich manche Szenen selbst nicht glauben. Aber selbst im Urteil des Europäischen Gerichtshofes sind einige der Szenen dokumentiert. Ich kenne Familien, die aus ähnlichen Gründen und ähnlich schlechter Sozialer Arbeit der Beteiligten ihre Kinder seit Monaten oder sogar Jahren gar nicht oder nur in Begegnungsräumen sehen dürfen. Da stellen Verfahrenspfleger Gutachten zusammen, ohne die Eltern überhaupt anzuhören. Behinderte Eltern werden in Gerichtsakten in Kategorien wie "geistig behindert" eingestuft, obwohl sie einen Hauptschulabschluss haben. Blinde Eltern, die Hilfe erbitten, werden weggeschickt, weil sie sagen, dass sie keine Erziehungsprobleme haben, sondern "nur" Hilfe beim Spaziergang oder Arztbesuch benötigen. Aber ich freue mich auch über die zunehmende Anzahl von MitarbeiterInnen aus Einrichtungen und Beratungsstellen, die bei uns anfragen, ob wir Tipps geben können, damit die Kinder bei ihren behinderten Eltern leben können.

kobinet-nachrichten: Welche Maßnahmen müssten Ihrer Meinung nach ergriffen werden, um die Situation behinderter Eltern zu verbessern?

Kerstin Blochberger: MitarbeiterInnen in medizinischen und sozialen Berufen müssten in der Aus- und Fortbildung mit dem Thema Elternschaft von Menschen mit Behinderung konfrontiert werden, um sich eine vorurteilsfreiere Haltung aneignen zu können. In den Sozialgesetzen müsste eine Klarstellung erfolgen, dass auch behinderte Eltern Hilfen erhalten. Im Leistungskatalog der Jugendhilfe und Eingliederungshilfe müsste eine Elternassistenz verankert werden, die klarstellt, dass es auch Hilfebedarfe jenseits der Erziehungsproblematiken gibt, die aber genauso dem Kindeswohl dienen. Behinderte Eltern dürfen nicht hin und her geschickt werden, bis ihr Kind aus dem beantragten behindertengerechten Kinderbett schon wieder rausgewachsen sind, wenn sie es denn endlich bewilligt bekommen.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.


Quelle: rehacare
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