Ex-Masseur von Telekom packt aus
Von Françoise Letroite
Paris (kobinet) Jef D'Hont berichtet über 40 Jahre Doping im Radsport. Sein Enthüllungsbuch "Memoires van een Wieler-Verzorger" (Erinnerungen eines Radfahrer-Pflegers) erscheint heute in Belgien. Der ehemalige flämische Masseur im Team Telekom beschuldigt die Tour-de-France-Sieger Bjarne Riis und Jan Ullrich sowie die Teamärzte von der Universitätsklinik Freiburg des systematischen Blutdopings mit Epo (
kobinet 5.7.04). Erythropoetin wird bei Dialysepatienten für die Vermehrung der roten Blutkörperchen angewandt. Sportler wollen mit einer so möglichen Sauerstoffanreicherung im Blut mehr Leistung stimulieren, obwohl sie Gesundheit und Leben gefährden.
Der Höhepunkt des planmäßigen Dopings sei bei der Tour de France 1996 erreicht worden, so D'Hont. Der dänische Telekom-Kapitän Riis und Debütant Jan Ullrich gingen als Doppelsieger über die Ziellinie auf den Champs-Elysées in Paris. Riis habe zuvor jeden zweiten Tag 4000 Einheiten Epo erhalten und dazu zwei Einheiten Wachstumshormone. Auch Ullrich sei während der Tour mit Epo und Wachstumshormonen behandelt worden, behauptet sein ehemaliger Masseur. Riis, heute Chef des dänischen CSC-Team, sei damals mit einem Hämatokritwert von 64 auf den Sattel gestiegen. (Dieser Wert muss unter 50 liegen. Ansonsten gibt es eine Schutzsperre von zwei Wochen.) "Sein Blut war schleimiger Sirup. So dick, dass er jeden Augenblick an einem Herzstillstand sterben konnte", schreibt der Masseur in seinem Buch.
1996 verließ D'Hont das Team Telekom. 1998 war er in den Festina-Skandal bei der Tour verwickelt. Er war damals der letzte Angeklagte, der beharrlich Doping leugnete. Zwei Ex-Profis sagten unter Eid aus, dass D'Hont bei "Française des Jeux" für Doping verantwortlich war. Er wurde zu neun Monaten auf Bewährung verurteilt. Seine Beweise für das Doping bei Telekom habe seine Frau damals aus Angst vor einer Hausdurchsuchung vernichtet.
Als junger Rennfahrer hat sich der Belgier mit Amphetaminen gedopt. Seit 1977 mixte er seinen "Zaubertrank" aus Koffein und zwei Herzmitteln, der bei den Radprofis legendär wurde. Nun vermarktet der Mann, der in diesem Jahr ohne Doping in Österreich Weltmeister der Senioren werden will, ein Buch, das schon vor seinem Erscheinen zahlreiche Dementis ehemaliger Kollegen, von Medizinern und Rennfahrern hervorrief. Der Buchautor ist eine schillernde Figur, was aber seine Behauptungen nicht unbedingt unwahrscheinlich macht.
Seine Vorwürfe sind sehr detailliert und konkret. Das räumte auch Christian Frommert ein, verantwortlich für die Sport-Kommunikation von T-Mobile. Sein Team stehe weiterhin für eine klare, saubere Anti-Doping-Linie. Das Nachrichtenmagazin Spiegel (30.4.07), das bereits Auszüge aus dem Buch abdruckte, zitierte Frommert mit den Worten: "Wir sind aber auch bekannt dafür, harte Entscheidungen zu fällen, wenn es nötig ist."
Nach den schweren Anschuldigungen hat das T-Mobile-Team eine lückenlose Aufklärung angekündigt. "Das sind massive Beschuldigungen. Wir schauen uns die Beweislage genau an. Es geht nicht darum, aus dieser Sache rauszukommen. Es muss Aufklärung betrieben werden. Und wir sind in der Lage, in jede Richtung zu reagieren", sagte Sportdirektor Rolf Aldag gestern beim Frühjahrsklassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich. Hier durften der wie Ullrich in die Affäre um den spanischen Doping-Arzt verwickelte Italiener Ivan Basso und weitere drei Fahrer nicht starten.
Veranstalter dieses seit 1892 ausgetragenen Rennens ist das Unternehmen, das auch die Frankreich-Rundfahrt als weltgrößtes Radsportereignis vermarktet. Die Fans der "großen Schleife" erwarten endlich einschneidende Schritte der Veranstalter und des internationalen Radsportverbands UCI, damit sich die Radprofis vom Generalverdacht des Sportbetrugs durch Einnahme unerlaubter Mittel befreien können. In einer Zeit, da Radfahren populärer wird und der Breitensport immer mehr Anhänger gewinnt, auch unter behinderten Menschen (
kobinet 19.4.07), sollten die Profi-Rennen sauber sein. Ansonsten laufen Sponsoren wie Zuschauer weg.