Land ohne Heime?
In Norwegen sollen alle Menschen mit geistiger Behinderung in der eigenen Wohnung leben
(
Öffentlich)
von Rudi Sack
aus Lebenshilfe-Zeitung 1/2006 vom 07.03.06
"Ambulantisierung" – ein Zauberwort? Immer intensiver diskutieren wir heute in Deutschland den Umbau der Hilfen für Menschen mit Behinderungen und ganz besonders den Ausbau der ambulanten Unterstützung beim Wohnen. Sind Heime – wie ihre Kritiker behaupten – gar Auslaufmodelle, auf die wir über kurz oder lang ganz verzichten können und sollten?
Ja, sagen die Norweger. Und verabschiedeten bereits im Jahr 1991 ein Gesetz, das die Auflösung aller Heime für Menschen mit geistiger Behinderung verfügte. Die Verantwortung für eine Begleitung der behinderten Menschen, die grundsätzlich in „normalen„ Wohnungen organisiert werden soll, wurde zu diesem Zeitpunkt auf die einzelnen Kommunen in Norwegen übertragen. Daher wird die damals eingeleitete Reform auch als "Verantwortungsreform" bezeichnet.
Wie sieht das in der Praxis aus?
Doch setzen die Kommunen die radikale Reform auch tatsächlich in die Praxis um, und welche Auswirkungen hat das für Menschen mit Behinderungen und auf die norwegische Gesellschaft? Um dies zu erfahren, unternahm der Landesverband der Lebenshilfe Baden-Württemberg eine Exkursion nach Westnorwegen, an der neben Mitgliedern des Landesvorstands und Mitarbeitern der Landesgeschäftsstelle auch einige Praktiker aus Einrichtungen und Diensten in Baden-Württemberg und Bayern teilnahmen.
Gewinner sind Menschen mit sehr hohem Hilfebedarf
Besucht wurden neben einer aufgelösten Zentralinstitution bei Bergen verschiedene Kommunen im Bezirk Sogn og Fjordane, in dem bei einer Fläche so groß wie Rheinland-Pfalz insgesamt nur 108000 Menschen leben, davon rund 600 Menschen mit geistiger Behinderung.
Unser erster Gesprächspartner, Dr. Ivar Maehle, früher Leiter der inzwischen aufgelösten Vesterlandsheime bei Bergen (mit in "Spitzenzeiten" 350 Bewohnern), sorgte in seinem Bericht für die erste Überraschung der deutschen Besucher: Nach seiner Einschätzung seien die Gewinner der von ihm selbst als "revolutionär" bezeichneten Reform vor allem Menschen mit sehr hohem Hilfebedarf, die heute eine fachlich wesentlich qualifiziertere Begleitung erfahren würden und viel besser in die Gesellschaft integriert seien als vor der Auflösung der Heime.
Hierzu muss man wissen, dass die Ambulantisierung in Norwegen nie mit der Einsparung von Kosten motiviert war, sondern aus einer "Menschenrechtsperspektive" heraus: Kein Mensch sollte mehr gezwungen sein, in einer Institution und fern seiner Heimat und seines privaten Umfelds zu leben.
Kosten sind im Ganzen betrachtet nicht gestiegen
In der Folge hat heute ausnahmslos jeder behinderte Mensch einen Anspruch auf ambulante Assistenz in der eigenen Wohnung. Auch dann, wenn er rund um die Uhr Assistenz braucht, manchmal sogar durch zwei Begleitpersonen gleichzeitig. Allerdings betonten unsere Gesprächspartner, dass die Kosten im Ganzen betrachtet durch die Ambulantisierung auch nicht stärker gestiegen seien, als dieses bei einem Beibehalt der Heimbetreuung der Fall gewesen wäre.
Die zweite Überraschung erlebten wir bei einem Treffen mit Vertretern der NFU. Der Elternverband (sozusagen die "norwegische Lebenshilfe") war bei der Forderung nach einer Auflösung aller Heime Ende der 80er Jahre die treibende Kraft gewesen, wenn auch eine Minderheit der Eltern damals eine andere Meinung vertrat und deshalb aus Protest einen eigenen Elternverband gründete.
Heute sind sich beide Verbände wohl wieder näher gekommen, und eine Fusion ist in greifbare Nähe gerückt. Bei genauerem Hinsehen ist die „revolutionäre„ Haltung des Elternverbands aus zwei Gründen sehr einsichtig. Einmal führte angesichts der dünnen Besiedelung Norwegens das frühere System dazu, dass viele geistig behinderte Menschen sehr weit von ihren Eltern und ihrer Heimatregion entfernt lebten. Zum anderen stand die NFU im Gegensatz zur Lebenshilfe nie in dem Interessenkonflikt, selbst auch Trägerin von Heimen zu sein.
Kleinstheime als erster Schritt
Die Gretchenfrage, ob denn in Norwegen nun wirklich alle Heime aufgelöst seien, kann man mit einem klaren "Jein" beantworten. In einigen Bezirken wurden als Ersatz für die früheren Großeinrichtungen Kleinstheime für vier bis sieben behinderte Menschen geschaffen. Unsere Gesprächspartner von der den Institutionen nach wie vor sehr kritisch gegenüberstehenden NFU bestanden aber darauf, dass dies nur ein erster Schritt sein könne, denn "auch in kleinen Einrichtungen wird institutionell und nicht individuell gedacht".
In dem von uns besuchten Bezirk Sogn og Fjordane wohnen zwar wirklich alle geistig behinderten Menschen (es sei denn, sie leben noch bei den Eltern) in einer eigenen Wohnung mit ambulanter Begleitung. Allerdings sind diese Wohnungen oft in direkter Nachbarschaft zueinander angeordnet. In Førde haben wir zum Beispiel eine Straße besucht, in der acht Wohnungen für geistig behinderte Menschen sich in vier nebeneinander liegenden Häusern befinden.
Während die NFU dieses kritisiert, betonten unsere Gesprächspartner von den Kommunen, dass dies nicht in erster Linie aus finanziellen Gründen geschehe, sondern um eine Vereinsamung der Bewohner zu verhindern, die zwar jederzeit ihre Wohnungstür hinter sich schließen, aber sich eben auch problemlos gegenseitig besuchen könnten.
Begeisterung und gemischte Gefühle
Unsere Eindrücke in Norwegen waren an vielen Stellen von Begeisterung, manchmal auch von gemischten Gefühlen geprägt. Die Individualisierung der Hilfe – gerade auch zugunsten von Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf – ist sicherlich gelungen. Neben der Erkenntnis, dass der Anspruch auf ein "normales Leben" unabhängig vom (finanziellen) Aufwand und unabhängig vom Hilfebedarf für alle Menschen mit Behinderungen aufrecht erhalten wird, hat mich persönlich vor allem eines beeindruckt: Die eigenen Wohnungen, in denen wir als Gäste empfangen wurden, haben den behinderten Menschen Würde gegeben. Es war wirklich ihr Zuhause!
Soziale Kontakte nach Dienstplan
Ein Zuhause, in dem am Wochenende zum Beispiel die Mutter zu Besuch kommt und dort übernachtet. In welchem Wohnheim ist so etwas schon möglich? Oder gar gern gesehen? Andererseits haben wir den Aspekt der Inklusion, also den Kontakt mit den Nachbarn und die Einbeziehung in das allgemeine Freizeitleben der Gemeinde, vermisst.
Auch die Einzelwohnung kann zur Institution werden, wenn die sozialen Kontakte des behinderten Menschen sich weiterhin auf den Besuch von bezahlten Betreuungskräften nach Dienstplan beschränken (wenn auch individuell und unter Umständen rund um die Uhr).
Lernen und manches gleich noch besser machen
In Norwegen werden diese kritischen Punkte, vor allem die mangelnde Teilhabe in den Bereichen Freizeit und übrigens auch Arbeit, durchaus gesehen. Ein kritischer Bericht aus dem Jahr 2002 mit dem Titel "Die verschwundene Revolution" setzt sich kritisch mit der Reform auseinander. Allerdings plädiert niemand in Norwegen für eine Rückkehr zu den alten Institutionen, es geht immer um eine Weiterentwicklung auf dem bisherigen Weg.
Nachdem auch in Deutschland, wie eine Untersuchung der Uni Tübingen im Jahr 2003 ergeben hat, immer mehr geistig behinderte Menschen (und übrigens auch ihre Angehörigen) Alternativen zum Leben im Heim fordern, würde ich mir wünschen, dass wir in einigen Dingen von den Norwegern lernen. Und manches gleich noch besser machen.
* Rudi Sack ist Geschäftsführer des Landesverbands der Lebenshilfe Baden-Württemberg. Eine längere fachliche Dokumentation der Norwegen-Exkursion mit dem Titel "Leben in den eigenen vier Wänden" ist im Internet als Download unter www.lebenshilfe-bw.de zu finden.
(Quelle: Lebenshilfe)