Selbstständig leben trotz Behinderung
Betreutes Wohnen: Ein Verein ermöglicht 53 Männern und Frauen ein fast normales Leben – Morgen Fachtagung
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Den größten Teil seines Lebens hat Jürgen Schorsch, 43 Jahre alt, in Heimen verbracht. Was er über seine Kindheit und Jugend in Erbach erzählt, klingt wie eine Sozialtragödie nach bekanntem Muster. Der betrunkene Vater schlug die Mutter krankenhausreif und langte auch bei den Kindern tüchtig zu. Wie soll man in so einem Milieu ein in sich gefestigter, selbstständiger Mensch werden?
Jürgen Schorsch ist es nicht gelungen. Zusätzlich haftet ihm der gesellschaftliche Makel einer geistigen Behinderung an. Trotzdem führt er ein fast normales Leben – dank des Vereins Betreutes Wohnen Darmstadt. Er arbeitet in der Metall-Werkstatt der Diakonie in Ober-Ramstadt und lebt mit anderen in einer betreuten WG zusammen.
„Ich würde gerne allein leben“, sagt der Dreiundvierzigjährige, der in der Diakonie seine Freundin gefunden hat. „Aber nicht so ganz.“ Thomas Mesdag weiß, was Schorsch meint und will ihm bei der Wohnungssuche helfen. Seit 2004 ist der pädagogische Mitarbeiter des Vereins Betreutes Wohnen Darmstadt sein Betreuer. Mesdag gehört zu einem Team aus zehn Sozialpädagogen und weiteren Honorarkräften, die 53 geistig und körperlich Behinderten in Darmstadt und dem Landkreis helfen, ihren Alltag zu bewältigen. Die Kosten übernimmt in der Regel der Landeswohlfahrtsverband als überörtlicher Sozialhilfeträger.
Zwei- bis dreimal in der Woche kommt Mesdag bei Jürgen Schorsch vorbei, begleitet ihn auf die Bank, regelt seine Finanzen, bezahlt die Miete, hilft beim Ausfüllen von Anträgen, erklärt, wie die Waschmaschine funktioniert. Wenn es Konflikte mit Arbeitskollegen oder Mitbewohnern gibt – Schorsch: „Man wird geärgert und ärgert sich zurück“ – schaltet sich Mesdag als Vermittler ein. Sollte sein Schützling eine preisgünstige Wohnung nahe einer Verkehrsanbindung zur Nieder-Ramstädter Diakonie finden, wird er bei der Unterzeichnung des Mietvertrages dabei sein und den Umzug organisieren. Schorsch hat mit ihm einen jederzeit kündbaren Betreuungsvertrag abgeschlossen. Außer ihm hat Mesdag noch acht weitere Klienten.
Die Arbeit des Vereins Betreutes Wohnen erschöpft sich aber nicht im personellen Alltags-Coaching, vielmehr werden den Vertragspartnern auch verschiedene Freizeitangebote gemacht. Die Behinderten treffen sich zum Kaffeetrinken, gehen zusammen essen oder auch mal ins Kino. Sie besuchen Discos, entdecken ihre verschütteten Talente beim Malen. Einige waren sogar mit ihren besten Werken bei der Darmstädter Bilder-Ausstellung „Behind Art“ vertreten.
Jeder Mensch kann sich verändern, auch geistig Behinderte entwickeln sich unter günstigen Rahmenbedingungen weiter. Das kann so weit gehen, dass Außenstehenden die Behinderung auf den ersten Blick gar nicht mehr auffällt. Allerdings verschlechtern sich diese Bedingungen zunehmend, was Mesdag und seine Kollegen mit Sorge erfüllt.
Auf dem ersten Arbeitsmarkt gibt es kaum noch Stellen für Menschen ohne Hauptschulabschluss oder Absolventen von Schulen für Praktisch Bildbare. Und längst nicht alle Werkstätten für Rehabilitation bekommen genügend Aufträge, um Behinderte zu beschäftigen. Arbeit aber gibt ihnen eine Tagesstruktur und einen Halt im Leben. Ein Drittel der vom Verein betreuten Klienten hat noch Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt gefunden, ein weiteres Drittel ist – wie Jürgen Schorsch – in einer Werkstatt für Rehabilitation untergekommen, und das letzte Drittel setzt sich aus Rentnern, Arbeitslosen und Hausfrauen zusammen. Geistige Behinderung ist keine statische Größe, sondern eine soziale Kategorie. Das will der Verein Betreutes Wohnen Darmstadt in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Sozialpädagogik der Hochschule Darmstadt am Donnerstag (28.) bei dem Fachtag „Phänomen geistige Behinderung“ deutlich machen. Die Veranstaltung beginnt morgen um 9.15 Uhr im ehemaligen Kreistagssitzungssaal, Rheinstraße 65 bis 67.
In zahlreichen Vorträgen soll deutlich gemacht werden, dass geistige Behinderung als prozesshaftes dynamisches Geschehen, nicht als naturgegebenes biologisches Phänomen zu verstehen ist und stets die Besonderheiten des Einzelnen berücksichtigt werden sollten. Wie es Thomas Mesdag bei Jürgen Schorsch tut.
Der Verein Betreutes Wohnen, Poststraße 9 in Darmstadt, ist telefonisch unter der Nummer 06151/3 972 777 erreichbar.
Petra Neumann-Prystaj
27.9.2006
Das habe ich bei
Echo-Online gefunden.