Familienalltag unter erschwerten Bedingungen
Wenn behinderte Menschen Eltern werden oder bei Eintritt der Behinderung schon Kinder haben, müssen sie den Familienalltag meist unter schwierigeren Voraussetzungen bewältigen, als dies bei nichtbehinderten Eltern die Regel ist.
Für Frauen mit Geburtsbehinderungen gibt es kaum Ansprechpartner, die eine Elternschaft unterstützen. So werden behinderte und chronisch kranke Frauen mit ihren Fragen zu Schwangerschaft und Geburt des Kindes von Fachkräften oft allein gelassen und fühlen sich nicht selten missverstanden. Zum Beispiel sind gehörlose Frauen aufgrund der Kommunikationsprobleme (Kinderarzt, Elternabende) häufig völlig auf sich gestellt. Für gelähmte Frauen kann schon die Zeugung eines Kindes mit Fragen nach alternativen Methoden beginnen. Das Wickeln und Transportieren des Kindes kann Schwierigkeiten bereiten, wenn die Hände oder Arme nicht so gut beweglich sind. Im Erziehungsalltag scheitern sie häufig an baulichen Barrieren - so ist ein Besuch einer Eltern-Kind-Spielgruppe oftmals mit intensiver Suche nach einem rollstuhlzugänglichen Anbieter verbunden. Spielplätze sind ebenfalls selten berollbar.
Das schaffe ich alles allein! - Umgang mit eigenen Grenzen
Haben sich behinderte Menschen entgegen "wohlmeinender" Ratschläge dann doch für eigene Kinder entschieden, fällt es einigen später schwer, Hilfe bei der Familienarbeit in Anspruch zu nehmen. Überforderungssituationen kennen alle Eltern - auch nichtbehinderte. Was bei nichtbehinderten Eltern zum Alltag gehört (Babysitter, Großeltern, Nachbarn... oder auch professionelle Hilfe durch Erziehungsberatungsstellen), ist für behinderte Eltern manchmal ein schwieriger Schritt. Die Erfahrungen durch jahrelange Abhängigkeit von Hilfepersonen bei der eigenen Körperpflege haben ebenso Spuren hinterlassen wie die ausschließliche Erziehung zur Selbständigkeit in Einrichtungen der Behindertenhilfe. Die oftmals schlechte finanzielle Situation kommt noch dazu. Negative Reaktionen von Mitmenschen oder Mitarbeiter/innen in Jugendämtern und Beratungsstellen auf Fragen nach Hilfsangeboten sind nicht selten und können die Situation wesentlich verschlechtern. Manchmal setzt sich dann bei behinderten Eltern die Meinung fest: "Ich muss alles allein schaffen, ich werde es den anderen beweisen, dass ich das kann."
Die erschwerten Bedingungen für behinderte Eltern führen nicht selten zu einer Verschärfung der Situation. Der Erfolgsdruck, eine besonders gute Mutter/ ein besonders guter Vater sein zu wollen, kann im Erziehungsalltag dazu führen, eigene Grenzen permanent zu überschreiten. Dass dies nicht der geeignete Weg ist, merken die Eltern spätestens dann, wenn sich der Gesundheitszustand verschlechtert.
Behinderte Eltern brauchen Unterstützung
Ob und wieviel Unterstützung behinderte Eltern bei der Familienarbeit benötigen, hängt von vielen Faktoren ab. Je besser die Wohnung und die Hilfsmittel auf die persönliche Situation abgestimmt sind, desto weniger Assistenz (personelle Hilfe) ist im Familienalltag nötig. Das schließt den Assistenzbedarf allerdings nicht ganz aus. So benötigt manche werdende behinderte Mutter eine Haushaltshilfe in der Schwangerschaft, weil sie z.B. mit dicker werdendem Bauch nicht mehr aus dem Rollstuhl heraus die Wohnung putzen kann, was zuvor kein Problem dargestellt hatte. Nach der Geburt ist oft ebenfalls Haushaltshilfe nötig, manchmal auch Hilfe beim Wickeln und Baden des Kindes.
Wenn die Eltern häufig Krankengymnastik oder auch Krankenhausaufenthalte haben, kann eine Kinderbetreuung in dieser Zeit wichtig werden, die die Kinder auch allein versorgen kann. Manche brauchen eine Assistenz für die Begleitung der Kinder zum Spazierengehen, auf dem Spielplatz oder zu Freizeitangeboten (Schwimmen, Musikunterricht, Sportverein etc.). Assistenz zur Begleitung des Kindes in die Kindertageseinrichtung oder Schule kann nur eine Notlösung sein, da die direkte Kontaktpflege der Eltern mit Erzieher/innen bzw. Lehrer/innen und zu anderen Eltern eine wichtige Funktion für alle Beteiligten darstellt.
Im Anhang des Ratgebers "Assistenz bei der Familienarbeit für behinderte und chronisch kranke Eltern", der Anfang 2002 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend veröffentlicht wurde (kostenlose Bestellung per Email:
broschuerenstelle@bmfsfj.bund.de), gibt es eine Checkliste der eventuell benötigten Assistenzleistungen. Dort finden sich auch Hinweise für die Beantragung der finanziellen Unterstützung für die Assistenz. Jugendamt, Krankenkasse oder Sozialamt sind hier erste Ansprechpartner.