Sisis Seelenverwandte hat Sorgen
Sisis Seelenverwandte hat Sorgen
Die schwer behinderte Olivia arbeitet seit mehr als drei Jahren. Krank sein kann sie sich nicht leisten. Denn dann bekommt sie kein Geld für ihre Assistentinnen.
Olivia freut sich sehr über den Besuch. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand macht sie aus ihrem elektrischen Rollstuhl einen Stehstuhl und streckt die Hand zur Begrüßung aus. Dann deutet sie lächelnd auf ihre Assistentin. Sie will – das nennt man Manieren –, dass wir einander vorstellen.
Seit einigen Jahren erkundigen sich die SN regelmäßig bei Olivia Thorpe, wie es das Leben so mit ihr meint. Am Anfang, so viel steht fest, hätte es dramatisch besser laufen können: Olivia wurde schwer behindert geboren. Aber wie sie sich in ihren unterdessen 23 Lebensjahren entwickelt hat, grenzt an ein Wunder. Olivia besuchte die Regelschule, machte in einigen Gegenständen den Abschluss, entdeckte ihren Sinn für Datenverarbeitung und arbeitet seit dreieinhalb Jahren Teilzeit bei der Österreichischen Computergesellschaft in der Wiener Innenstadt. Seit zwei Jahren lebt sie in einer eigenen Wohnung. Die befindet sich zwar im Erdgeschoß des Elternhauses, aber streng getrennt von Mama und Papa.
Sechs junge Frauen
leben von Olivia
Nebenbei ist Olivia selbst zur Arbeitgeberin geworden. Was in ihren Kinder- und Jugendtagen die Eltern bis zur Erschöpfung leisteten, leisten nun sechs Assistentinnen in einer Art „Radldienst“. Claudia, Theresa, Sabine, Carmen, Anja und Tamara leben und arbeiten mit Olivia. Und: Sie alle leben von Olivia.
Die Finanzierung läuft, wie so vieles in Österreich, zweigleisig (siehe Daten & Fakten). Für die Assistenz während der Arbeitszeiten kommt der Bund auf; für die Assistenz im Privatleben die Stadt Wien via Fonds Soziales Wien (FSW).
Nicht, dass die junge Frau trotz dieser Unterstützung keine Sorgen hätte. Da ist einmal die Ungewissheit, ob der großzügige Modellversuch des FSW, dem sie die Finanzierung von vier ihrer sechs Assistentinnen und damit ihr relativ selbstbestimmtes Leben verdankt, zur Dauereinrichtung wird. Und da ist etwas, was sie für extrem ungerecht hält: Krank werden oder auf Urlaub fahren ist für sie so gut wie unmöglich. Denn: Laufen bei allen anderen Beschäftigten sämtliche Ansprüche selbstverständlich auch in Krankheits- oder Urlaubszeiten weiter, werden sie bei Menschen wie Olivia, die auf persönliche Assistenz am Arbeitsplatz (PAA) angewiesen sind, gestoppt. Konkret: Der Bund – er finanziert die Assistenz während der 35 Wochenstunden, die Olivia im Büro und auf dem Weg ins Büro und zurück ist – stellt die Unterstützung ein, sobald die junge Frau krank ist oder Urlaub hat. Dabei bräuchte sie dann ihre Assistentinnen (mindestens) genauso.
Die Folge, zumindest bei Krankheit: Um während der Bürozeiten ihre Assistentinnen – die nebenbei erwähnt auf das Geld, das sie bei Olivia verdienen, angewiesen sind – nicht zu verlieren, geht die 23-Jährige auch krank arbeiten.
Im Urlaub ist es fast noch schlimmer. Dann fehlt nicht nur ein Teil des Geldes zur ganz normalen Bezahlung der Assistentinnen, Olivia hat auch die x-fachen Ausgaben, weil sie die Reise-, Hotel- und Verpflegungskosten für ihre Begleiterinnen bezahlen muss. Trotzdem hat sie – den Eltern und der Oma sei dank – in jüngster Zeit einige Reisen gemacht.
Wohin die nächste Reise gehen soll? Olivias rechter Zeigefinger huscht über ihre mit Buchstaben und Symbolen übersäte Kommunikationstafel. Sie kann nicht sprechen, sie muss tippen, um sich verständlich zu machen. „Ich würde gern nach Korfu“, schreibt sie. „Wegen der Sisi. Es gibt da eine Seelenverwandtschaft.“ Deshalb ist Olivia Stammgast in der Kapuzinergruft. „Zum Plaudern mit Sisi.“ Eine Seelenverwandtschaft, schreibt sie, fühle sie auch zu Frida Kahlo. Deren Selbstbildnisse mit malträtiertem Körper sprechen Olivia, die auch schon Wirbelsäulenoperationen hinter sich hat, stark an. Stundenlang kann sich die junge Frau mit Puzzlespielen beschäftigen, derzeit hat sie ein 5000er in Arbeit. Puzzeln funktioniert in Olivias Fall so: Eine Assistentin breitet die Teile vor ihr aus – und Olivia tippt auf die jeweils passenden. Was ihr in jüngster Zeit weniger gepasst hat: Dass sie keine Karten für den Life-Ball gekriegt hat. „Ich wäre gerne hingegangen.“ Die Enttäuschung ist verflogen. Schließlich entschädigt demnächst die Regenbogenparade. „Da“, tippt Olivia und lacht, „bin ich sicher dabei.“
quelle: salzburger nachrichten
__________________
Der Weg von Mensch zu Mensch,
ist oft weiter und schwieriger,
als der Weg von der Erde zum Mond.
angie
|