Ich habe mir jetzt das Buch besorgt, gelesen und eine Rezession verfasst.
Hier meine Email an den Verlag.
Grüße David
____________________________________
Sehr geehrter Herr Kannenberg,
Ich habe mir das Buch gekauft und gelesen und war schockiert!
Kurzbeschreibung:
Da ich ich Kurzbeschreibung auf dem Buch und Ihrer Webseite (
http://www.semikolon-verlag.de/Aktue.../nickel_b.html ) unerträglich finde habe ich eine eigene verfasst.
Dieter, ein 17-jähriger Junge mit Down-Syndrom lebt zusammen mit seinen Schwestern bei seinen Adoptiveltern und arbeitet in einer geschützten Werkstatt. Sein Onkel stirbt bei einer Grillfeier scheinbar an einem Herzanfall und wird zügig für tot erklärt.
Scheintot und nahezu bewegungsunfähig liegt er Tage im geschlossenen Sarg im Bestattungsinstitut. Nur Dieter beobachtet die minimalen Zeichen, dass der Onkel noch am Leben ist. Jedoch niemand glaubt ihm seine Beobachtungen.
Rezession:
Insgesamt wirkt die Geschichte sehr konstruiert, der sehr umgangssprachliche Stil wird allgemein als störend empfunden. ( siehe auch
http://www.semikolon-verlag.de/Aktue.../nickel_b.html )
Es ist erschreckend wie unsensibel in diesem Buch mit dem Thema Down-Syndrom umgegangen wird. Die Merkmale des Down-Syndroms werden konsequent abwertend vermittelt. Auffällig ist in diesem Zusammenhang der inflationäre Umgang mit den Worten "mongoloid", "Behinderung", "geistig behindert", "Behinderte(n)" und "stigmatisiert". Der Autor gibt sich große Mühe zwischen "Behinderten" und "Nichtbehinderten" konsequent zu trennen. Der Verfasser lässt keine Integration der Hauptdarsteller in die Familie oder die Gesellschaft bemerken. Was natürlich auf den hoffentlich nicht unbedarften Leser reflektiert wird.
Dass Gespräche zwischen Elternteilen von Kindern mit Down-Syndrom in der im Buch abgedruckten Form stattfinden sollen, ist beim besten Willen nicht nachvollziehbar, gerade weil es sich in der Handlung bei den Eltern um Adoptiveltern handelt. Diese haben ganz bewusst für einen Jungen mit Down-Syndrom entscheiden und würden sich in der Realität komplett anders äußern.
Völlig überflüssig werden die Eltern im Laufe der Handlung mehrfach als "stigmatisiert" bezeichnet, was der denkende Leser durch den Sachverhalt der Adoption als ausgesprochen unpassend empfindet.
(Stigmatisierung = Soziologie und Psychologie für ein Auffälligkeitsmerkmal als Ausdruck der Abwertung Einzelner oder von Gruppen, die Ursache und Folge sozialer Randständigkeit sein können)
Dass das Werk wirklich im März 2008 erschienen ist, mag der Leser gar nicht glauben!
Als Heilpädagoge sollte dem Verfasser und dem Lektorat bekannt sein, dass Begriffe wie ≥Mongoloid„ bzw. ≥Mongolismus„ ein veralteter Begriff für Träger des Down-Syndroms ist, der aufgrund des diskriminierenden bis beleidigenden Beiklangs nicht benutzt werden sollte.
Herr Nickel schafft es genau ein(!) einziges Mal NICHT den Begriff "mongoloid" zu verwenden. (siehe Seite 10 Abschnitt. 2)
Ist jedoch im weiteren Handlungsverlauf vom Down-Syndrom die Rede, fällt ausschließlich der Begriff "mongoloid".
Die Chance Aufklärung zu üben, dass man diese Begriffe nicht mehr verwendet werden sollten, wurde bewusst vertan.
Seite 10 Abschnitt 2:
Sitationsbeschreibung:
"Dieter war, wie Denise, 17 Jahre alt und mongoloid. Jenes medizinisch als "Down-Syndrom" bezeichnete konnte man ihm natürlich ansehen. "
In diesem Abschnitt findet man das erste und einige Mal im ganzen Buch den Begriff "Down-Syndrom. Abgesehen davon hat Denise, eine Tochter der Adoptiveltern kein Down-Syndrom - auch wenn es in diesem Abschnitt steht.
Seite 46 Abschnitt 3 / 4:
Sitationsbeschreibung
"... Wie jeden Abend folgte das mongoloide Kind nun seiner Stiefmutter in sein Zimmer. ..."
Seite 50:
Sitationsbeschreibung:
"... Der mongoloide Dieter verbitterte mehr und mehr. ...."
Seite 61:
Sitationsbeschreibung:
"Melanie war ein kleines, süßes Mädchen und ebenso wie Dieter mongoloid. Im Grunde hatte Sie ein sehr hübsches Gesicht, das natürlich durch ihren Gen-Defekt geprägt war, auch wenn sie mongoloid bedingt, geschlitzt wirkten."
Seite 96:
Sitationsbeschreibung:
Vision des scheintoten Onkels:
Melanie, Down-Syndrom, Dieters Freundin legt sich neben den Scheintoten in den Sarg.
Zitat:
"... Und dieses Wohlgefühl konnte er sich überhaupt nicht erklären, als er merkte, dass dieses Mädchen mongoloid war. Fremd, mongoloid, behindert, und trotzdem ein Gefühl der Geborgenheit... ."
Allein dieser kurze Abschnitt ist eine offensichtliche Beleidigung, eine Herabstufung von Menschen mit Down-Syndrom! Sind diese Menschen keine Menschen? Kann man sich bei diesen Menschen nicht auch geborgen fühlen?
Klappentext:
"... Dieter ist mongoloid, noch schlimmer, er wird auch noch renitent, als ihm keiner glaubt. .."
Zu finden auf der Webseite es Verlages:
http://www.semikolon-verlag.de/Aktue.../nickel_b.html .
Dieser Satz ist vollkommen überflüssig, da der Autor im Buch nicht auf einen Zusammenhang zwischen Renitenz und dem Down-Syndrom eingeht.
Abgesehen von der abwertenden Bezeichnung "mongoloid" gibt es weitere Textstellen, die die Behinderung hervorheben und die ich als ausgesprochen zweifelhaft, beleidigend, herabwürdigend und überflüssig erachte:
Seite 39 Abschnitt 3:
Dieter nimmt Abschied von seinem Onkel.
Sitationsbeschreibung:
Zitat:
"
Nur die Verarbeitung dessen, die dauerte bei ihm als Behinderten nun mal etwas länger"
4 Sätze später:
Seite 39 Abschnitt 4:
Sitationsbeschreibung:
Zitat:
"... Er musste nun seine Emotionen als geistig Behinderter für sich ordnen und verarbeiten. Er wusste natürlich nicht, dass dieser Prozess zumeist auf einer anderen Ebene abläuft, als bei Nichtbehinderten."
Seite 45 Abschnitt 5:
Hier fand zuvor ein Gepräch zwischen Adoptivvaters mit den Jungen über den Tod statt.
Sitationsbeschreibung:
Zitat:
"... Busch wurde es erneut deutlich, dass die Wertungen und Schlüsse eines geistig behinderten Menschen nun mal nicht mit denen Nichtbehinderter vergleichbar sind. ..."
Seite 46 Abschnitt 4:
Sitationsbeschreibung
Hier versucht die Mutter mit dem Jungen über den Tod:
Zitat:
"Sie überlegte, wie sie dem behinderten Kind eine anschauliche Antwort geben konnte: ..."
Seite 49 Abschnitt 5:
Sitationsbeschreibung
Dieter sagte, dass der Onkel nicht tot ist. Seine Adoptivmutter weißt ihn daraufhin zurecht und verlässt das Zimmer.
Zitat:
".... Dieter war fassungslos. Seine von Behinderung geprägten Gedanken konnten mit der Situation nichts anfangen. "
Seite 54 Abschnitt 3 Mitte:
Die Adoptivelter sprechen über Dieters Verhalten:
Zitat Mutter:
"... Dinge, die für uns im relativ vorgegebenen Zeitrahmen ablaufen, verarbeitet er auf Grund seiner Behinderung nun mal etwas länger. ..."
Seite 59 Abschnitt 1:
Sitationsbeschreibung
Hier wird die Tätigkeit in den geschützten Werkstätten (Recycling) beschrieben, in denen Dieter arbeitet.
Zitat:
"In seiner Abteilung hatten alle die Aufgabe, schlichtweg etwas kaputt zu machen"
Ein klares Beispiel dafür, wie der Autor die Aufgaben Behinderter in diesen Werkstätten wertet.
Seite 63 Abschnitt 4:
Sitationsbeschreibung
Zitat:
"Sie wußte zwar, dass sein Onkel gestorben war, jedoch die gesamte Sachlage zu werten und entsprechend zu reagieren, das konnte sie nicht. Das ließ ihre geistige Behinderung nicht zu."
Seite 64 Abschnitt 3:
Sitationsbeschreibung
Eine Beschreibung von Max, einem Behinderten in der Werkstatt:
"... Max war durch seine Äußerlichkeit gebranntmarkt und stigmatisiert und das wusste er auch. ..."
Seite 70 Abschnitt 5:
Wieder ein Ausschnitt aus einem Gespräch zwischen Dieters Eltern(!):
"Das ist ein Wunschdenken eines behinderten Kindes, das seinen Onkel abgöttisch geliebt hat. ..."
Seite 81 Abschnitt 2:
Sitationsbeschreibung
Hier geht es um die Zuneigung zwischen zwischen Dieter und seiner Adoptivmutter. Folgend die Beschreibung der Gedanken.
Zitat:
"... Im Grunde fremdes Fleich und Blut waren in einem behinderten Körper waren im Laufe der Zeit zu einer Persönlichkeit avanciert, die einem wichtig ist. Liebe ist unabhängig von Herkunft und Rasse sowie dem geistigen Stand. ... "
Seite 84 Abschnitt 4:
Sitationsbeschreibung
Hier geht es um Lioba, der Leiterin Dieters Arbeitsgruppe.
"... Lioba lächelte und schloss Dieter erneut in die Arme... Für sie selbst war es erstaunlich, welche Gefühle man für einen behinderten Menschen aufbringen kann. ..."
Seite 86 Abschnitt 3:
Sitationsbeschreibung
Es geht um die beginnende Beziehung zwischen Melanie und Dieter (beide mit Down-Syndrom).
"... Ihre Augen hatten dabei eine erotische Ausstrahlung, wie man sie bei einer Behinderten niemals vermutet hatte. ..."
Seite 94 Abschitt 7:
Dieter träumt: Ein Gespräch zwischen Melanie und Dieter.
Dieter:
Zitat:
" 'Wir sind behindert, Melanie! An alledem, was wir sagen, wird man zweifeln. Von einem Stigma kann man sich nicht befreien, es wird uns ein Leben lang begleiten!' "
Wer sich jetzt wundern sollte, dass Menschen mit Down-Syndrom derartige Gespräche führen wird auf der nächsten Seite aufgeklärt:
Seite 95 Abschnitt 2:
Sitationsbeschreibung
Zitat:
"Es war vom Sprachschatz eher einem Nichtbehinderten, zudem gebildeten Menschen zuzuordnen. ... Warum hatten sie plötzlich die Möglichkeit, derartige Gespräche mit einem so umfangreichem Vokabular zu führen...?"
Seite 103 Abschnitt 3:
Sitationsbeschreibung
Erklärung des Autors bezüglich der versäumten Aufklärung Dieters und Melanies durch die Eltern.
Zitat:
"... Wer macht sich schon Gedanken darüber dass behinderte Menschen ähnliche, oder besser: Gleiche Gefühe und Bedürfnisse haben wie Nichtbehinderte! ..."
Seite 103 Abschnitt 4:
Sitationsbeschreibung
Zitat:
"... Mama würde immer sehr lieb beraten: aber alle Vorgänge würden aus einem stigmatisierten Gesichtspunkt betrachtet und gewertet werden. Die Gesellschaft scheint sich schwer zu tun, Behinderten Akzeptanz und Normalisierung zu bieten ..."
Seite 104 Abschnitt 4:
Sitationsbeschreibung
Hier stellen Dieter und Melanie fest, dass sie den selben Traum geträumt haben.
Zitat:
"Zwar waren die jungen Menschen geistig behindert, aber auch ihnen wurde die Eigenart bewusst, gemeinsam das Gleiche geträumt zu haben"
Seite 105 Abschnitt 2:
Ein sehr unglücklich formuliertes Gespräch zwischen den Müttern (!) von Dieter und Melanie über die sich anbahnende Beziehung:
Melanies Mutter:
Zitat:
"Möglicher Weise sogar jene Normalität zu unterbinden wollten, weil es sich für behinderte Menschen nicht schickt, wie Nichtbehinderte zu leben. ..."
Seite 120 Abschnitt 1 ff:
Dieter und Melanie sprechen darüber dass niemand Dieter Glauben schenkt:
Zitat:
Dieter:
"Ich bin behindert und dumm. Darum glaubt mir keiner!!" In gewisser Weise hatte Dieter da nicht Unrecht"
Seite 144 Abschnitt 5:
Der Onkel wurde am Ende des Buches gerettet und der Vater entschuldigt sich bei seinem Sohn mit folgenden Worten:
Zitat:
"... Wir haben Dir nicht geglaubt weil Du behindert bist! So ist es, seien wir doch mal ehrlich: Einem behinderten Menschen glaubt man nicht !!!"
(alle Zitate wurden genau in der Art und Weise mit allen Fehlern wiedergegeben, wie sie im Buch zu finden sind.)