12.07.2006
Hannover/Berlin (kobinet) "Hörgeschädigte Senioren können fast alles - außer gut hören", heißt es am Ende einer Resolution zum Deutschen Seniorentag 2006 mit der die Forderung nach mehr Beachtung für die Probleme hörgeschädigter Senioren vom Deutschen Schwerhörigenbund erhoben wird.
"In den meisten Bereichen des täglichen Lebens wird kaum auf die Bedürfnisse hörgeschädigter Senioren eingegangen. Dabei muss bei vorsichtiger Zugrundelegung der Zahlen in Deutschland mit einer Zahl von 7,5 bis 8 Millionen hörgeschädigter Senioren gerechnet werden. Auf Grund der wachsenden Lärmbelastung in Beruf und Freizeit hat diese Zahl eine stark zunehmende Tendenz. Hörgeschädigte Senioren sind somit keine kleine vernachlässigbare Randgruppe, es handelt sich im Gegenteil um eine der größten Behindertengruppen überhaupt", heißt es in der Resolution. Trotz der hohen Betroffenenzahl seien meist weder Seniorenbeiräten noch anderen Institutionen, die sich mit dem Thema "Senioren" befassen, die Probleme dieser "besonderen" Seniorengruppe bekannt. Wissenschaftliche Untersuchungen, Broschüren und Bücher über Senioren beschäftigten sich äußerst selten mit Bedürfnissen von hörgeschädigten Senioren. Sogar in Schriften zu altersgerechten Wohnwelten, zum barrierefreien Bauen oder ähnlichen Themen fänden die Belange hörgeschädigter Senioren keinerlei Erwähnung, wird in der Resolution vom Deutschen Schwerhörigenbund kritisiert.
Der Begriff "Kommunikationsbarrieren" sei daher nicht nur in weiten Bevölkerungskreisen, sondern auch bei den meisten Experten völlig unbekannt. "Wenn ein Rollstuhlfahrer eine Veranstaltung besuchen will, die im 2. Geschoss eines Gebäudes ohne Fahrstuhl angeboten wird, steht er vor einer ihm unüberwindlichen Barriere. Hörgeschädigte Menschen haben meist keine Probleme, solche Veranstaltungsräume zu erreichen. Aber dort beginnt die für Hörgeschädigte unüberwindliche Barriere, die Kommunikationsbariere. Denn in der Regel ist keinerlei technische Hilfe vorhanden, die dem Hörgeschädigten ermöglicht, das gesprochene Wort zu verstehen". Diese Probleme mit Kommunikationsbarrieren bestünden jedoch nicht nur bei Veranstaltungen, sondern überall dort, wo gesprochene Worte verstanden oder Geräusche gehört werden müssten. Dies führe dazu, dass sich hörgeschädigte Senioren aus Vereinen, Parteien und anderen Gelegenheiten zum Zusammentreffen mit anderen Menschen zurückziehen.
"Weder Weiterbildungsmaßnahmen noch politische Veranstaltungen (zum Beispiel bei Wahlen oder Sitzungen in Rathäusern, Landtagen und sogar des Bundestages) sind frei von Kommunikationsbarrieren. Dass damit das Grundrecht auf freie Information eingeschränkt wird, ist eine - sicherlich unbeabsichtigte - Nebenerscheinung. Hinzu kommt die Tatsache, dass hörgeschädigte Senioren oft nur unzureichend mit Hörgeräten versorgt sind. Die hohen Eigenanteile von teilweise schon mehr als 4.000 Euro für 2 Hörgeräte können sich viele Senioren nicht leisten und müssen sich mit unzureichenden, aber zuzahlungsfreien Geräten zufrieden geben, die oft in der Schublade landen. Eine derartige Unterversorgung führt zu verminderter Kommunikationsfähigkeit mit der Folge sozialer Isolation, Vereinsamung und psychosozialen Problemen, die ihren Ausdruck in psychischen und physischen Erkrankungen finden können", kritisiert der Deutsche Schwerhörigenbund.
Probleme mit Lautsprecherdurchsagen in Bahnhöfen, Flughäfen, in öffentlichen Verkehrsmitteln, bei Behörden etc. gehörten zum Alltag hörgeschädigter Menschen. Es gäbe hier keinerlei Problembewusstsein in der Gesellschaft, obwohl sogar gut hörende Menschen bei solchen Durchsagen oft Schwierigkeiten haben. Ebenso sei die hörgeschädigtengerechte Ausstattung bei öffentlichen Veranstaltungen oder Bildungsangeboten, an Arbeitsplätzen oder in Kirchen, in Pflegeheimen oder Friedhofskapellen der absolute Ausnahmefall. "Nicht anders ist es beim Fernsehen. Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern wird immerhin ein Anteil von ca. 20 Prozent der Sendungen untertitelt, jedoch Fehlanzeige bei den allermeisten Privatsendern. Anscheinend glauben die TV-Sender, dass sie auf diese Weise hörgeschädigte Senioren quasi vom Programm fernhalten können. Sowohl beim Fernsehen, in Filmen als auch beim Rundfunk, sogar bei Verkehrsdurchsagen, gibt es oft unnötige Musikuntermalung oder Hintergrundgeräusche, die ein Verstehen unmöglich machen", wird kritisiert. Etliche Produkte des täglichen Lebens seien zudem nicht hörgeschädigtengerecht. Geräte wie zum Beispiel Eierkocher, Waschmaschine, Wäschetrockner, Wasserbereiter, Mikrowelle, Kurzzeitwecker gäben am Ende eines Vorganges Tonsignale ab, die von hörgeschä-digten Senioren nicht wahrgenommen werden könnten. Bei Autos ertöne beim Aussteigen ein hohes Geräusch, wenn man vergessen hat, das Fahrzeuglicht abzuschalten. Auch wegen der Tonhöhe könne dieses Signal leicht überhört werden. "Warum gibt es in diesen Bereichen keine zusätzlichen Lichtsignale", fragt der Deutsche Schwerhörigenbund.
Arztpraxen und Krankenhäuser seien in der Regel nicht frei von Kommunikationsbarrieren. Ebenso wenig sei das Personal informiert, wie es mit den hörgeschädigten älteren Patienten richtig umzugehen habe. "Besondere Probleme bestehen für pflegebedürftige hörgeschädigte Senioren. Bei der Pflege hörgeschädigter Patienten wird der zusätzliche, aus der Hörbehinderung resultierende Zeitaufwand vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen nicht angemessen berücksichtigt. Außerdem wird Schwerhörigkeit nicht selten mit Demenz verwechselt - mit fatalen Folgen für die betroffenen hörgeschädigten Patienten", heißt es in der Resolution.
Der Schwerhörigenbund betont aber, dass es für hörgeschädigte Senioren aber durchaus auch viele positive Aspekte der Behinderung gibt, die das Leben bereichern. "Beispielsweise sehen und erleben sie die Welt wesentlich intensiver und bewusster als Guthörende. Oder sie lesen mehr oder beschäftigen sich mehr mit Hobbys. Es gibt viele Ausgleichsmöglichkeiten für das geminderte Gehör". Der Deutsche Schwerhörigenbund fordert die Politik und andere Institutionen der Gesellschaft auf, ihre ignorante Haltung gegenüber hörgeschädigten Senioren zu ändern. "Es kann nicht länger angehen, dass ein großer Anteil von Senioren in seinen berechtigten Belangen schlicht übersehen und ihnen eine angemessene Teilhabe in der Gesellschaft verweigert wird. Zusammenfassend möchten wir am Ende feststellen:
Hörgeschädigte Senioren können fast alles - außer gut hören", so die Schlussfolgerung in der Resolution.
Quelle: Rehacare