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Alt 05.10.2006, 15:24
Nancy
 
Beiträge: n/a
Standard Riskante Jobträume

Kfz-Mechaniker, Tierpfleger, Maler, Friseur oder doch lieber der "Weiße-Kragen-Job" hinterm Schreibtisch? Ob junge Leute Asthma haben oder nicht - bei der Berufswahl scheint das keine Rolle zu spielen. Nur bei einem Bruchteil beeinflusst eine asthmatische oder allergische Erkrankung die Entscheidung, welchen Traumjob sie wählen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie deutscher Wissenschaftler, veröffentlicht im Fachmagazin "European Respiratory Journal" (ERJ, Vol. 27, No 4, 2006). Nur acht Prozent der Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren erklärten in einer Umfrage, die Krankheit habe ihren Berufswunsch beeinflusst. Der Rest interessierte sich nicht dafür, welche Gesundheitsrisiken im Wunschberuf auf sie warten. "Sehr überraschend, das Ergebnis", kommentiert die Studienleiterin Dr. Katja Radon von der Ludwig-Maximilians-Universität in München im Netdoktor-Gespräch.

Kleine Jobpalette

Ausbildungsplätze und Jobs für Jugendliche sind knapp heute, und "in dem Alter spielt wohl eher eine Rolle, was Freunde machen und welcher Beruf überhaupt erreichbar ist", interpretiert die Forscherin das Studienergebnis. Auch der Schulabschluss scheint nicht ganz unwichtig. "Kinder mit Asthma oder Neurodermitis erreichen oft keinen Abschluss, der ihren intellektuellen Fähigkeiten entspricht", sagt Radon. Das gelte vor allem für Kinder mit sehr schwerem Asthma, die häufig in der Schule fehlten. Damit sind die beruflichen Möglichkeiten nicht nur durch das Expositionsrisiko im Job, sondern auch durch den niedrigen Bildungsabschluss eingeschränkt.


Kranke Lunge, kranke Haut

Es gibt Berufe, die für Jugendliche mit Asthma, Neurodermitis, Heuschupfen (atopische Erkrankungen) tabu sind. Sie wären schlecht beraten, Bäcker, Friseur, Landwirt, Tierarzt, Fotolaborant oder Gärtner zu werden. Der permanente Kontakt mit allergieauslösenden Stoffen wie Stäuben, Tierhaaren oder Chemikalien würde die Krankheit rapide verschlechtern.

Und es gibt andere Berufe, bei denen das Gesundheitsrisiko kalkulierbar ist. Das heißt, der Allergenkontakt lässt sich vermeiden oder ist tolerierbar. Wichtig sei hier eine berufliche Testphase, in der die Berufsanfänger die Arbeitsbedingungen ausprobieren könnten, empfiehlt die Deutsche Atemwegsliga. Problemlos sind dagegen alle Arten von "Schreibtischjobs", also Berufe in der Verwaltung, im kaufmännischen Bereich oder in der Datenverarbeitung. Nur, dass das nicht jedermanns Sache ist.


Heer von Jobabbrechern

Rund 30.000 Jugendliche jährlich vertun sich in der Jobwahl, so berichtet der Deutsche Allergie- und Asthmabund (DAAB), sie brächen ihre Ausbildung ab, weil sie allergisch auf bestimmte Stoffe reagierten. Mehr als 5.000 Fälle von Bäckerasthma und ebenso viele Fälle allergischer Hauterkrankungen im Friseurhandwerk werden jedes Jahr bei den Berufsgenossenschaften gemeldet. Fast 90 Prozent davon müssten ihren Beruf schon während der Ausbildung an den Nagel hängen.

Ein Trend, der sich auch in den Umfrageergebnissen wiederspiegelt. Die Untersuchung war Teil einer großen internationalen Studie zu Asthma und Allergien (ISAAC II). Angaben zu ihrer beruflichen Vorlieben machten insgesamt 2165 Jugendliche; den Fragebogen hatten Pädiater, Pneumologen und Arbeitsmediziner entwickelt. Die Forscher fokussierten sich auf 504 Jugendliche, die eine Berufsfachschule besuchten und sich damit schon ernsthafte Gedanken über den Berufswunsch gemacht hatten. "Wir wollten sicherstellen", so Radon, "dass sie den Allergenen, die sie später umgeben, noch nicht ausgesetzt waren." Damit sei ausgeschlossen, dass sie schon eine Berufsallergie entwickelt und die auftretenden Symptome ihre Berufswahl beeinflusst hätten.

Sie wurden in drei Gruppen eingeteilt: Die einen hatten niemals Asthma oder Allergien, die zweite Gruppe war über ein Jahr und mehr symptomfrei und die Jugendlichen der dritten Gruppe hatten erst kürzlich unter Symptomen gelitten. Obwohl acht Prozent der Teenager bekanntermaßen Asthmatiker waren, sechs Prozent im letzten Jahr asthmatische Beschwerden hatten und 26 bzw. 20 Prozent unter Heuschnupfen bzw. Hautausschlag litten, gaben nur acht Prozent an, ihre Symptome hätten den Karrierewunsch beeinflusst. Die Jugendliche ergreifen also Berufe, die nicht zu ihnen passen, weil ihre Gesundheit auf dem Spiel steht. Und damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie später den Beruf aufgeben müssen.


Teenager im Info-Nirwana

Ist das nur ein deutsches Problem? "Nein", meint Radon, "wahrscheinlich sind die Ergebnisse auch auf andere Länder übertragbar." Darauf deuteten Gespräche mit anderen Fachleuten und internationale Studien hin. Ein solches Ergebnis hätten vor allem die Lungenärzte nicht erwartet, erzählt Radon. "Sie glaubten, sie hätten die Jugendlichen sehr gut aufgeklärt."

Beratung für Allergiker über die Risiken im Job ist keine Pflicht in Deutschland, auch in der Schule findet sich offenbar kaum statt. Eine Umfrage des DAAB unter 3000 Schülern kam zu dem Ergebnis, dass nur sieben Jungendliche schon einmal etwas von diesem Thema gehört hatten. Der Rest war vollkommen ahnungslos.


Allergenarme Jobs

Politiker und Verbände fordern außerdem, Berufe wie Friseur oder Bäcker müssten allergenärmer werden - was utopisch klingt. Oder Schutzmaßnahmen, wie sie etwa seit 1993 für Friseure gelten. Laut Arbeitsschutzrichtlinien müssen sie Handschuhe tragen - was weder den Kunden noch den Friseuren selbst gefällt und damit nicht wirklich praktikabel ist.

Radon setzt auf die Information der Jugendlichen. Für die Schulen entwickelten die Forscher ein Pilotprojekt.
Stäube, Tierhaare, Chemikalien - junge Asthmatiker und Allergiker dürfen nicht von jedem Beruf träumen. Tun sie aber trotzdem, wie eine Studie ergab



Am Computer gilt es, den Berufswunsch eines Asthmatikers genau unter die Lupe zu nehmen. Kann er trotz seiner Allergiesymptome Mechatroniker werden? "Ein Beruf, der gerade sehr gefragt ist", weiß die Expertin. Er kann, vorausgesetzt, er kennt die richtigen Schutzmaßnahmen.

Wer ist nun zuständig für die Information der jungen Leute: Ärzte? Lehrer? Innungen? Oder die Berufsberater der Arbeitsagentur? Informationen über die Allergierisiken in bestimmten Berufen gibt es genug, nur lesen muss man sie, und das wiederum ist keine Pflicht.

Quelle: Netdoctor
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