Tag des weißen Stockes
Von kobinet-Korrespondent Keyvan Dahesch
Frankfurt am Main (kobinet) Zum Tag des "Weißen Stockes", der traditionell am 15. Oktober begangen wird, gab es zahlreiche Angebote für blinde und sehbehinderte Menschen in Frankfurt am Main.
Frankfurt setzt Zeichen bei der Hilfe für sehbehinderte und blinde Menschen. Eine von der Stadt finanzierte Rehabilitationslehrerin gibt Sehbehinderten Alltagshilfe und berät städtische Institutionen. Neueste Errungenschaft in der Stadt ist das "Dialogmuseum", ein Ort, an dem sich sehende Menschen für eine Zeitlang in die Welt der Blinden entführen lassen.
Vorsichtig tastet sich ein älterer Mann mit einem langen, weißen Stock in der Tiefebene einer U-Bahn-Station in Frankfurt in Richtung Rolltreppe abwärts zum Bahnsteig. Hinter ihm läuft die Rehabilitationslehrerin Rotraut Teusch. Durch das Gehen mit dem Langstock versucht der blinde Rentner sein Ziel, den U-Bahn-Wagen, alleine zu erreichen. Plötzlich packt ihn - ehe Rotraut Teusch eingreifen kann - eine Frau energisch am Arm, führt ihn auf die Rolltreppe zum Ausgang. "Nett, dass Sie dem Herrn geholfen haben, fragen Sie aber bitte in solchen Fällen, wie Sie helfen können", sagt Rotraut Teusch zu der Dame, die mit ihrer gut gemeinten Hilfe den nicht sehenden Mann auf den falschen Weg gebracht hat.
Seit 1986 hilft Rotraut Teusch im Auftrag der Stadt Frankfurt blinden und sehbehinderten Menschen, ihr Leben zu meistern. Mit diesem bundesweit einmaligen Angebot ist die Stadt dem Wunsch der Selbsthilfeorganisationen gefolgt, unbürokratische Hilfe zur Mobilität und Erlangung lebenspraktischer Fertigkeiten zu geben. Umgekehrt unterstützt Rotraut Teusch auch die Stadt dabei, öffentliche Einrichtungen sehgeschädigtengerecht zu gestalten. Gemeinsam mit den Ämtern und Institutionen sorgt sie zum Beispiel dafür, dass Leitstreifen an Bahnsteigen und vibrierende oder hörbare Ampelanlagen an Kreuzungen angebracht werden oder dass Gefahrenquellen für sehgeschädigte Menschen beseitigt werden. Den nicht sehenden Menschen wiederum bringt die Rehabilitationslehrerin bei, wie sie ihre Kleider kennzeichnen, Haushaltsgeräte markieren und bedienen, Knöpfe annähen oder beim Essen Fleisch schneiden.
Gelegenheit für die Sehbehinderten und ihre Organisationen, ihre Leistungen, Wünsche und Probleme herauszustellen, bietet der "Tag des Weißen Stockes", der weltweit am 15. Oktober begangen wird. Im Jahr 1964 hatte der damalige Präsident Lyndon B. Johnson diesen Tag in den USA zum "Tag des weißen Stockes" ausgerufen, um so für vermehrte Aufmerksamkeit und Rücksicht für die Blinden im Straßenverkehr zu werben. Die Idee fand Nachahmung in der ganzen Welt und bietet nun jedes Jahr die Chance, die Blinden- und Sehbehindertenhilfe in den Fokus des Interesses zu rücken.
Frankfurt hat nicht nur mit der Finanzierung der Rehabilitationslehrerin durch die Stadtverwaltung in dieser Hinsicht ein Zeichen gesetzt. Auch einige andere Projekte wurden hier initiiert, die sehgeschädigten Menschen fortan ungeahnte Informations- und Berufsmöglichkeiten eröffnet haben. Mit der über Telefonleitung elektronisch in den Computer der Abonnentinnen und Abonnenten übertragenen Frankfurter Rundschau entstand im Oktober 1989 die weltweit erste elektronische Tageszeitung für Blinde. Das Verfahren, mit dem heute der komplette Inhalt der meisten überregionalen Tageszeitungen, Wochen- und Sportmagazine zeitgleich den sehenden wie auch nicht sehenden Bezieherinnen und Beziehern übermittelt werden, entwickelte die 1837 gegründete Stiftung Blindenanstalt (SBA) in Frankfurt. "Ohne irgendwelche
PC-Kenntnisse können auch ältere Leserinnen und Leser ihre Zeitung in ein Gerät von der Größe eines Kassettenrecorders holen und mit Tastenbedienung anhören", erläutert SBA-Direktor Franz-Josef Esch.
Bei einem zweiten von der SBA mit Unterstützung des Bundessozialministeriums gestarteten Projekt probten nicht sehende Menschen erfolgreich das Recherchieren in Datenbanken. Dies verhalf zu neuen Berufsfeldern, denn seither werden in der SBA blinde oder stark sehbehinderte Hochschulabsolventen zu wissenschaftlichen Dokumentaren, Kommunikationsfachkräften oder Journalisten ausgebildet. "Viele von ihnen haben Arbeitsplätze bei Rundfunkanstalten, Bibliotheken oder Zeitungsarchiven gefunden", berichtet Esch.
Schon 1980 haben mehrere blinde, sehbehinderte und sehende Menschen in der Main-Metropole mit der Gründung des Tandemclubs Weiße Speiche e.V. erstmals in der Bundesrepublik nach skandinavischem Vorbild das Fahrradfahren für nicht sehende Menschen ermöglicht. Gemeinsam erradeln sie während der warmen Jahreszeit einmal in jedem Monat am Sonntag die Landschaft um Frankfurt. Inzwischen haben viele Städte ähnliche Einrichtungen geschaffen. Die Verdienste des Clubs hat die Stadt Frankfurt in diesem Jahr mit ihrem erstmals verliehenen Sportpreis ausgezeichnet.
Im Dezember 2005 hat in Frankfurt eine weitere wichtige Institution ihre Tore geöffnet: das Dialogmuseum in der Hanauer Landstraße. In dieser Einrichtung werden sehende Menschen für einige Zeit in die Welt blinder Menschen entführt. Damit ist eine in der Main-Metropole geborene Idee nach Jahren zurückgekehrt und nun hier dauerhaft etabliert worden. In sechs Erlebnisräumen können die Besucher den Alltag der Menschen ohne Augenlicht nachvollziehen. Beim Dialog im Dunkeln gibt es nichts zu sehen, aber allerlei zu hören, fühlen, riechen und zu schmecken. Nicht zuletzt bietet das Museum über dreißig blinden Frauen und Männern Arbeit zu Tarifgehältern. Rehabilitationslehrerin Rotraut Teusch hat mit ihnen den Weg bis zur Arbeitsstelle und zurück trainiert. omp
Quelle: Rehacare
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