Überengagierte, feindselig-abhängige, trennungsresistente Familien
Hier stehen die Kinder oft im Kampf mit ihrer Abhängigkeitsproblematik, weil jeder Schritt in Richtung größerer Unabhängigkeit bei den Eltern eine intensive emotionale Reaktion auslöst, andererseits aber die Abhängigkeitsbedürfnisse der Kinder oftmals von der Familie aktiv belohnt werden. Individuationsversuche lösen Angst vor dem Verlust der Kontrolle bei den Eltern aus, was zu einer gesteigerten Einmischung dieser in die Belange des Kindes führt. Solche familiären Konflikte spitzen sich im Laufe der Zeit spiralförmig zu.
Unterengagierte Eltern mit geringer Fürsorge und Überprotektion
Dieses familiäre Muster ist häufiger verbreitet und durch zahlreiche Studien mit verschiedenen Kontrollgruppen abgesichert. Bei den meisten davon fand sich übereinstimmend das Muster, dass Borderline-Patienten beide Elternteile als weniger fürsorglich, aber stärker schützend erlebten, als die jeweilige Kontrollgruppe. Die Kombination von geringer Fürsorge und emotionaler Unterstützung sowie Überprotektion bestätigt den von Parker et al. schon 1979 geprägten Begriff der ,,lieblosen Kontrolle". Insgesamt entsteht aus den jüngst veröffentlichen Ergebnissen der Eindruck, dass die pathologische Dynamik der Familien in einer Kombination von elterlichem Überengagement (vor allem Kontrolle) und Vernachlässigung, Unterengagement oder sogar Misshandlung und Missbrauch besteht.
Kindheitserfahrungen von Missbrauch und/ oder Misshandlung
- Sowohl körperliche Mißhandlung, als auch sexueller Missbrauch kommen häufig in der Kindheitsgeschichte von Borderline-Patienten vor.
- Körperliche Mißhandlung wird im von Borderline-Patienten signifikant häufig berichtet
- - Sexueller Missbrauch wird durchgängig signifikant öfter von BPS-Patienten berichtet als in anderen Krankheitsgruppen
- Ein Viertel aller BPS-Patienten berichtet Kindheitserfahrungen von Eltern-Kind-Inzest
- Weitere 25-30 % berichten von sexuellem Missbrauch durch andere Verwandte, Nachbarn oder Gleichaltrige
- Borderline-Patienten erreichen im Vergleich zu Kontrollgruppen mit anderen Persönlichkeitsstörungen ungewöhnlich hohe Werte bei Dissoziationserfahrungen
Zusammenfassend kann man sagen, dass kein spezielles Trauma alleine und schon gar kein Einzelereignis für die Entwicklung der ganzen Bandbreite der Borderlinestörung verantwortlich gemacht werden kann. Vielmehr müssen eine chronische und wiederholte Exposition traumatischer Erfahrungen und das gestörte Umfeld, in dem es zu diesen Erfahrungen kommt, als Nährboden für die Entstehung einer Borderline Störung angesehen werden. Das Fehlen adäquater Unterstützung in Form von stabilen Strukturen, beruhigender Anwesenheit und aktiver Erziehung oder eines entsprechenden Ersatzes in der Familie ist als äthiologischer Faktor für die Entwicklung einer Borderline-Persönlichkeit von größerer Bedeutung als das erlebte Trauma.
Der zweite notwendige Faktor ist ein anfälliges Temperament. Im Wesentlichen geht es um die neurobiologischen Mechanismen, die der Impulskontrolle und Affektregulation zugrunde liegen, die beide bei Borderline -Patienten häufig beeinträchtigt sind. Eine Dysfunktion in der Regulation von Emotionen und Impulsen kann sich von einer genetischen Anfälligkeit herleiten. Gleichzeitig verdichten sich die Hinweise darauf, dass Störungen in der Temperamentregulation sich auf die Auswirkungen früher, sowohl akuter als auch wiederholter oder chronischer Traumatisierung zurückführen lassen.
Familiäre Neigung zu bestimmten psychiatrischen Störungen
10 Studien haben sich mit einer Breite von psychiatrischen Störungen bei Verwandten ersten Grades von Borderline-Patienten beschäftigt. Die Studienergebnisse zusammen genommen zeigen folgende Schlüsse auf: Erstens: Es gibt durchgängig wenig Verbindungen zwischen BPS und Schizophrenie oder schizotypischer Persönlichkeitsstörung. Zweitens: Affektive Störungen, teilweise unipolare affektive Störungen treten bei Verwandten ersten Grades von Borderline-Patienten durchgängig sehr häufig auf. Aber die unipolare Depression wurde auch bei Verwandten in den Kontrollgruppen häufig gefunden. Drittens: Die Resultate der Studien legen eine starke familiäre Verbindung zwischen Substanzmissbrauch sowie antisozialer Persönlichkeitsstörung und BPS nahe. Viertens: Und vielleicht am wichtigsten, alle Studien fanden, dass BPS von einer Generation an die nächste weitergegeben wird: BPS tritt signifikant häufiger bei Verwandten ersten Grades von BPS-Patienten auf, als bei den Kontrollgruppen. Zwillingsstudien an ein- und zweieiigen Zwillingen lassen zunehmend den Schluss zu, dass die BPS ( Borderline Persönlichkeitsstörung) selbst zwar nicht vererbbar ist, jedoch die bei einer BPS vorliegende impulsive Aggression und affektive Instabilität. Impulsive Aggression ist auch in der Allgemeinbevölkerung erblich. In der Verwandtschaft von BPS-Patienten sind impulsiv-aggressive Persönlichkeiten und affektive Instabilität gehäuft gefunden worden. Diese Eigenschaften werden aber unabhängig von einander vererbt. Somit ist es wahrscheinlich, dass eine Anfälligkeit für eine BPS einer Verbindung verschiedener zum Teil genetisch determinierter Anteile des Temperaments entspringt
Fehlregulationen der Neurotransmittersysteme und neurologische Dysfunktionen
Die Ergebnisse der Studien zu neurologischen oder biochemischen Fehlfunktionen bei Borderline-Patienten sind uneindeutig.
Die Hälfte der Studien finden im Vergleich mit Kontrollgruppen mit psychiatrischen oder PS-Diagnosen Unterschiede (1-mal sogar signifikant): Entwicklungsdefizite, Intelligenzminderung, abnormale EEG-Werte, abnormale CT-Werte. Die andere Hälfte meint, dass sich die BPS-Patienten in ihren Werten nicht von normalen oder klinischen Kontrollgruppen unterscheiden.
Am besten abgesichert sind die Ergebnisse der Studien, welche die neurobiologischen Mechanismen der beiden zentralen Störungsbereiche der BPS untersucht haben, nämlich die impulsive Aggression und fehlende Wutkontrolle sowie die affektive Instabilität.
Mehrere Studien wiesen einen Zusammenhang zwischen impulsiver Aggression und einer herabgesetzten serotonergen Reaktion nach, der sich bei BPS-Patienten, aber auch bei anderen PS-Patienten finden lässt. Dies betrifft sowohl Autoaggression (Selbstschädigendes Verhalten, Suizidversuch) als auch Fremdaggression (Wutausbrüche, Gewalt). Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren (CT, PET, fMNR) belegen, dass eine serotonerge Hypoaktivität in einzelnen Hirnregionen mit der Auslösung und Kontrolle von aggressivem Verhalten assoziiert sind.
Es gibt Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen der dopaminergen Aktivität und Aggression. Die Untersuchungen dazu sind allerdings widersprüchlich.
[FONT='Trebuchet MS', Tahoma, Verdana, Arial, Helvetica, Sans-serif, sans-serif]©Tina Selbst[/font]