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  #1  
Alt 30.12.2006, 08:15
vienetta vienetta ist offline
Gast
 
Registriert seit: 04.08.2006
Beiträge: 3.585
Standard Ataxie

Definition

Der Begriff "Ataxie" beschreibt verschiedene Störungen der Bewegungskoordination und Gleichgewichtsregulation. Diese Koordinationsstörungen finden sich bei Bewegungen der Augen, der am Sprech- und Stimmakt beteiligten Muskeln, der Muskeln des Kopfes, des Halses, Rumpfes und der Extremitäten. Ataktische Störungen treten auf, wenn das Kleinhirnsystem, seine Afferenzen und/oder Efferenzen betroffen sind.
Klinik

Mit Begriffen wie zerebelläre Ataxie (Affektion des Archi-, Paläo-, Neocerebellumgs bzw. seiner direkten Afferenzen und Efferenzen), sensible (spinale) Ataxie (Affektion peripherer Nerven, spinaler propriorezeptiver Bahnen, übergeordneter thalamischer oder kortikaler Strukturen) oder frontale Ataxie (Affektion kortikopontiner Bahnen) wird die klinische Symptomatik schwerpunktmäßig charakterisiert.
Einteilung

Man teilt die Ataxien ein in
nicht erblich

  • toxisch bedingt
  • metabolisch bedingt
    • Funikuläre Myelose
    • sonstige
  • endokrin
  • paraneoplastisch
  • infektiös
  • durch Raumforderung
  • durch Demyelinisierung
erblich

  • Hereditäre motorische und sensorische Neuropathie Typ I (HMNS I)
  • Dyssynergia cerebell. myoclonica
  • Friedreich Ataxie
  • A-beta-Lipoproteinämie
  • Morbus Refsum
  • Zerebellare autosomal-dominante (ADCA) und idiopathische (IDCA) Ataxie
  • Encephalomyopathien mit Ataxie (siehe dort)
Zerebelläre Ataxie
  • vereinfacht gelegen als Zeichen einer archizerebellärer Störung eine globale, d.h. Rumpf-, Stand- und Gangataxie in alle Richtungen bei geöffneten Augen mit meist ungerichteter Fallneigung, eine sakkierende Blickfolge und ein durch Fixation nicht unterdrückbarer vestibulo-okulärer Reflex (VOR) bei fehlender (oder angedeuteter) Ataxie der Extremitäten. Akute Läsionen verursachen Lage- und horziontalen Blickrichtungsnystagmus nach ipsilateral.
  • Paläozerebelläre Störungen zeichnen sich aus durch eine (Stand- und) Gangataxie nach vorne und hinten bei noch möglicher visueller Standstabilisierung, unauffälliges Sitzen, eine Dyssynergia der Beine bei fehlender (oder angedeuteter) Ataxie der oberen Extremitäten.
  • Eine Affektion des Neocerebellumgs ist gekennzeichnet durch (bei einseitiger Läsion ipsilateral) dys- und hypermetrische Extremitäten- und Augenbewegungen, einen durch Fixation nicht unterdrückbaren VOR (bei einseitiger Läsion nach ipsilateral), sakkadierte Blickfolge, Dysarthrophonie, Dysdiadochokinese, pathologisches Rebound-Phänomen, (ipsilaterale) muskuläre Hypotonie und durch einen Intentionstremor (proximal kinetischer Tremor) an oberen und unteren Extremitäten.
Sensible (spinale) Ataxie
  • die sensible (spinale) Ataxie beruht auf einer Störung der propriozeptiven spinalen Bahnen und/oder übergeordneter supraspinaler Zentren und ist daher – im Gegensatz zur archizerebellären Ataxie – durch das visuelle System kompensierbar (Zunahme der Ataxie bei Augenschluß im Romberg-Test).
Bei Erkrankungen, die mit ataktischen Störungen einhergehen, wird oft eine Kombination der geschilderten Zeichen beobachtet. Ataktische Störungen können isoliert oder als Teilsymptomen-Komplex zusammen mit anderen neurologischen Zeichen auftreten. Sie treten im Rahmen zahlreicher internistischer und neurologischer, z.T. sehr seltenen Erkrankungen auf.
Für die Differentialdiagnose empfiehlt sich zunächst die Unterscheidung in erworbene Ataxie versus erblicher Ataxie. Findet sich kein Hinweis auf eine erworbene Ataxie und ist andererseits eine erbliche Komponente eruierbar, erfolgt aus klinisch-praktischen Gründen die weitere Differenzierung nach dem Alter des Krankheitsbeginnes: erbliche ataktische Störungen (Heredoataxien) lassen sich in der Regel in 2 Gruppen unterscheiden: mit Beginn vor und nach dem 20. LJ. Die weitere Differenzierung erfolgt nach dem Vererbungsmodus.
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  #2  
Alt 30.12.2006, 08:16
vienetta vienetta ist offline
Gast
 
Registriert seit: 04.08.2006
Beiträge: 3.585
Standard

Friedreich Ataxie

Als Gendefekt liegt am Chromosom 9 ein GAA-Triplet wiederholt vor. Autosomal rezessiv. Prävalenz 1:25000 bis 1:50000. Es finden sich eine
  • Degeneration der
  • Tractus spinocerebellares
  • Hinterstränge inkl. Ganglia dorsalia
  • Tractus corticospinales
  • milde Degeneration im späteren Verlauf von
  • Kleinhirns
  • Hirnstammes.
Klinik
  • sensomotorische Polyneuropathie (distal betonte, atrophische Paresen)
  • Ausfall der Muskeleigenreflexe
  • Gang- Stand- und Extremitätenataxie
  • Dysarthrie
  • Tiefensensibilitätsstörungen
  • Spastik als "Pyramidenbahnzeichen" ist möglich
  • Optikusatrophie
  • Innenohrschwerhörigkeit
  • im weiteren Verlauf
  • Augenbewegungsstörungen
  • Blaseninkontinenz
  • außerhalb des ZNS
  • Kyphoskoliose
  • Hohlfuß
  • Kardiomyopathie
  • Diabetes mellitus.
Ein frühes Manifestationsalter weist in der Regel auf eine rasche Progredienz hin. Lebenserwartung durchschnittlich 38 Jahre.
DD
  • Abetalipoproteinämie
  • HMNS
  • M. Refsum
Therapie
  • keine spezifische Therapie bekannt
  • Versuch: 5-Hydroxytryptophan 6 x 100mg/d bis 5 x 200mg/d (in A/D z.Z. keine Zulassung)
  • Versuch mit Amantadin (PK-Merz®) 3 x 100-200mg/d
  • ggf. Antispastika, Antiphlogistika, Analgetika
  • keinen Effekt haben Anticholinergika, Lecithin, GABA-Mimetika

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  #3  
Alt 30.12.2006, 08:17
vienetta vienetta ist offline
Gast
 
Registriert seit: 04.08.2006
Beiträge: 3.585
Standard

Zerebelläre Ataxie

Einteilung
  • autosomal-dominante (ADCA) cereb. Ataxie
  • idiopathische (IDCA) cereb. Ataxie
Klinik

Autosomal-dominanter Erbgang (ADCA) und sporadisch-idiopathisch (IDCA). Manifestation zwischen dem 30. und 60. LJ. Die Erkrankung kann initial als langsam progrediente zerebelläre Ataxie (Gangataxie, Dysarthrophonie, Extremitäten-Tremor), als Parkinson-Syndrom oder als eine Kombination beider Symptomenkomplexe auftreten. Im Verlauf können zusätzlich Zeichen einer Pyramidenbahn-Affektionen, Demenz, choreatische Hyperkinesen, Blickparesen, retinale Degeneration, Neuropathie (gestörtes Vibrations- und Positionsempfinden) und vegetative Störungen im Vordergrund, so spricht man von einem Shy-Drager-Syndrom (ADCA oder IDCA mit autonomer Dysregulation). Unterformen der ADCA und IDCA entsprechen neuropathologisch der Diagnose olivopontozerebelläre Atrophie (OPCA). Die Progredienz ist in den ersten Jahren und bei spätem Manifestationsalter deutlich, im Verlauf geringer. Nach durchschnittlich 10 Jahren ist der Patient schwer behindert.
Genort der spinozerebellären Ataxie Typ 1 liegt auf Chromosom 6; Mutation ist eine instabile Trinukleotid-Sequenz; direkter Gentest möglich.
Therapie
  • mit Opticus-Atrophie, Ophthalmoplegie, Demenz, Basalganglien-Zeichen, Amyotrophie
    • keine Therapie möglich
    • initial versuch mit L-Dopa und Dopamin-Agonisten
  • mit retinaler Degeneration
    • keine Therapie möglich
    • initial Versuch mit L-Dopa und Dopamin-Agonisten
  • Therapie des essentiellen Tremors
  • Therapie der autonomer Dysregulation
  • mit Beginn nach dem 50 LJ ohne weitere neurologische Zeichen:
    • Versuch mit 5-Hydroxytryptophan (Zulassung ruht derzeit)
    • oder Versuch mit Propranolol (A: Inderal® 10/40/80mg ftbl. z.B. 40mg 1-0-1). Propranolol ist ein kombinierter beta1+beta2-Blocker.
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