oder: Welten, die sich verstehen oder auch nicht
Dietmar Dissertori
erschienen in: Perspektive 2/2005
Moderne Arbeit für und mit Menschen mit geistiger Behinderung ist wie jede Arbeit für und mit sozial Schwächeren dadurch charakterisiert, dass sie zu einem Anliegen der Gesellschaft geworden ist. Das große, anonym wirkende Ganze hat von den engeren Verwandtenkreisen die Hauptzuständigkeit für Betreuung und Begleitung übernommen. Öffentliche wie private Institutionen stehen bereit, Menschen mit geistiger Behinderung Freizeitaktivitäten und Beschäftigung anzubieten, Arbeitsstellen zu vermitteln, Wohnmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen und Weiterbildungskurse zu organisieren.
Die Geschichte der Arbeit für und mit Menschen mit geistiger Behinderung kann also als eine Geschichte der zunehmenden Öffentlichmachung und Professionalisierung betrachtet werden. Dabei sind, grob gesagt, zwei Typen von Profis unterscheidbar. Die Einen bewegen sich auf der operativsten aller Ebenen und assistieren den ihnen zugewiesenen Personen, die Anderen bedienen Computer und sind in öffentlichen oder privaten Einrichtungen und Diensten bzw. öffentlichen Ämtern als Sachbearbeiter koordinierend aktiv oder befassen sich als höherrangige Verantwortungsträger mit der Entwicklung von Modellen und Strategien.
Zweierlei Assistenzwelten für Menschen mit geistiger Behinderung
Für Menschen mit geistiger Behinderung hat dies zur Folge, dass sie sich in zweierlei Assistenzwelten bewegen. Hier die Familie, dort die Professionellen. Mag sein, dass diese beiden Welten von manchen als eine einzige, kohärente Welt erlebt werden. Doch es gibt auch Menschen, die diese Welten als gegensätzliche wahrnehmen. Die Mutter und die Sozialbetreuerin sind möglicherweise nicht nur unterschiedliche Persönlichkeiten, sondern haben darüber hinaus vielleicht divergierende Vorstellungen von angemessener Assistenz. Ebenso sind Eltern nicht immer mit Entscheidungen einverstanden, die von Sachbearbeitern und Funktionären getroffen werden.
Eltern als Betroffene – Professionelle als Reisebegleiter
Dies alles hat damit zu tun, dass Angehörige und Professionelle unterschiedliche Startlinien haben. Eltern behinderter Kinder sind zu jedem Zeitpunkt „Betroffene“ und tragen einen mit persönlichen Erfahrungen prall gefüllten Rucksack. Sie haben selbst ein behindertes Kind zur Welt gebracht, es selbst erzogen und selbst begrüßt, wenn es vom Kindergarten und später von der Schule nach Hause kam. Und sie sind es, die als Bezugspersonen immer die selben sind, auch wenn das „Kind“ die Arbeitsstelle, den Beschäftigungsplatz oder den Freizeitklub wechselt. Eltern behinderter Menschen sind in den meisten Fällen der konstante Pol in deren Leben.
Jeder Mensch braucht ein Zuhause, und dieses Bedürfnis stillt bei geistig behinderten Menschen in der Regel die Herkunftsfamilie. Dies bedeutet, dass der Professionelle Antworten auf einen anderen Bedürfnistyp zu finden hat. Die Eltern sind da, wenn das „Kind“ nach Hause kommt, der Professionelle hingegen, wenn das „Kind“ das Haus verlässt. Die Aufgabe des Professionellen ist die eines „Reisebegleiters“. In dieser Eigenschaft kann er zwar zu einer wichtigen und relativ zentralen Bezugsperson werden, begleitet den behinderten Menschen meist aber nur zeitweise bzw. in bestimmten Abschnitten oder Lebensbereichen. Der Stellenberater etwa fungiert als Bezugsperson im Bereich Arbeit, der Klubleiter als Bezugsperson im Bereich Freizeit, und der Lebensberater stellt sich an bestimmten Tagen für eine bestimmte Anzahl von Stunden als Gesprächspartner zur Verfügung. Dank den Professionellen aber können geistig behinderte Menschen auf Reisen gehen. Und wenn wir auf der einen Seite die Eltern als die Besten bezeichnen wollen, wenn es um Schutz und Geborgenheit geht, dann favorisieren wir die Professionellen, wenn es angesagt ist, behinderten Menschen Möglichkeiten aufzuzeigen, sich im öffentlichen Leben zu bewegen und einzubringen.
Kind oder Erwachsener?
Betroffene Angehörige und Professionelle sind also auf unterschiedliche Bedürfnisse spezialisiert. Dass dabei im einen Fall vorwiegend das „Kind“, im anderen vorwiegend der „Erwachsene“ in der Person wahrgenommen wird, scheint dabei sowohl Voraussetzung als auch Ergebnis zu sein. Eltern tendieren nahezu immer dazu, ihre „Kinder“ als Kinder zu erleben, und dies betrifft beileibe nicht nur „Kinder“ mit Behinderung. Interaktionen zwischen Eltern und Kindern sind im Regelfall von Schutz- und Behütungsinstinkten begleitet, egal, wie alt die „Kinder“ sein mögen. „Mein Kathele“, so sagte die Greisin, „ist gestern Oma geworden!“ Die typische Eltern-Kind-Dynamik ist, weil, einem Naturgesetz gleich, zu stark verankert, zwar abschwächbar, aber von keiner der beteiligten Seiten endgültig aufhebbar. Der Professionelle jedoch kann, da dieser Art von Bindung ledig und in diesem Sinn vorurteilsfrei, den „Erwachsenen“ in seinem Gegenüber wahrnehmen und diesem auf einer ganz anderen Ebene begegnen als Angehörige. Dies bedeutet nicht, dass Eltern falsch liegen, aber es bedeutet, dass sie gerade deshalb, weil sie die Eltern sind, bestimmte Persönlichkeitsanteile, Fähigkeiten, Potenziale und Grenzen ihrer „Kinder“ schwerer zu Gesicht bekommen als außen Stehende. Freilich können auch Letztere einer Einseitigkeit erliegen. Nimmt der Leiter eines Freizeitklubs oder ein Lebensberater von Menschen mit geistiger Behinderung ausschließlich die Erwachsenenanteile seiner Klienten wahr, so sind Überforderungen vorprogrammiert. Während Eltern nicht gern loslassen, riskieren Profis, zu sehr zu exponieren.
Angehörigen stehen auf der Nähe-Seite, die Profis auf der Distanz-Seite
Die tendenziellen Unterschiede zwischen Angehörigen geistig behinderter Menschen und Bediensteten, die als Assistenten oder als Funktionäre in der Behindertenarbeit tätig sind, können Überlegungen zu beschreiben versuchen, die um die Begriffe „Nähe“ und „Distanz“ kreisen. Die Angehörigen stehen auf der Nähe-Seite, die Profis auf der Distanz-Seite. Eltern haben eine engste Bekanntschaft mit einem behinderten Menschen seit dessen Geburt, Profis Interesse an einer sozialen Kategorie, die als „Menschen mit Behinderung“ bezeichnet wird. Eltern gehen von ihren eigenen Erfahrungen aus, während Profis ihre Kompetenzen unter anderem auch dadurch erwerben, Erfahrungen von Betroffenen indirekt kennen zu lernen und zu interpretieren. Angehörige verbinden mit Behinderung stets Erlebnisse in der eigenen Familie, während sich Profis, angefangen bei ihrer Ausbildung, dem Thema Behinderung zunächst mit dem wissenschaftlichen Auge nähern. Angehörige erzählen Geschichten aus ihrem Leben, Profis sprechen über die gegenwärtigen Betreuerschlüssel und entwerfen Bilder eines zukünftigen, gegenüber dem heutigen verbesserten Sozialwesens. Für Eltern ist Behinderung in ihrem gesamten Dasein präsent, Profis beschäftigen sich beruflich damit und verbringen ihre Freizeit mit etwas ganz Anderem. Die Abgrenzungsproblematik entsteht für Profis erst, wenn sie in ihrer Arbeit elterliche Züge annehmen.
Eltern und professionell Tätige als Konkurrenten?
Es kommt vor, dass Eltern und professionelle Bedienstete miteinander konkurrieren. Jede Partei nimmt für sich in Anspruch, der wahre Experte zu sein. Solchenfalls irren beide. Positiv ausgedrückt, haben beide Recht, aber nur zum Teil. Beide sind Sachverständige, aber keiner ist der ultimative Experte für die Bedürfnisse, die Wünsche und die Potenziale eines anderen Menschen. Wenn die Rede von Expertentum bei Zweit- und Drittpersonen Sinn macht, dann höchstens, wenn das Kriterium der kommunikativen Offenheit erfüllt ist. Dieses Expertentum klebt nicht an vermeintlich unabänderlichen, gegen die Zeit immunen Tatsachen. Bescheidenheit ist angebracht. Die Schutz- und Behütungsbedürfnisse von Menschen mit Behinderung können sich mit zunehmendem Alter ebenso verschieben wie Interessensschwerpunkte, Fähigkeiten und Stärken.
Kommunikation zwischen drei Partnern
Wenn Angehörige und Profis mit dem Bewusstsein interagieren, dass sie beide trotz ihrer Erfahrungsschätze bzw. trotz ihres Wissens jederzeit „nur“ im Besitz von Teilwahrheiten sind und das Ganze ihres „Kindes“ bzw. ihres Klienten niemals fassbar ist, kann Kommunikation zwischen drei Partnern entstehen, die von Neugier geleitet ist und keine besonderen Aussagen über Charaktere und keine speziellen Projekte zu Dogmen erhebt. Eine solche Situation verlangt von den Beteiligten freilich Einiges ab. Vom Profi, der im Kategoriendenken startet, wird gefordert, dass er sich in individuelle Situationen einfühlt. Die Mutter ist angehalten, ihren Behütungsinstinkt zurück zu stellen und ihr „Kind“ frei zu geben. Und der Dritte und Wichtigste im Bunde, um den sich alles dreht, hat die schwierige Aufgabe, in sich selbst hinein zu horchen, seine Ängste und seinen Nervenkitzel gegeneinander abzuwägen, die Angebote zu prüfen und Alternativen zu vergleichen. In diesem Sinn ist sogar, so wie jede andere Person, auch der geistig behinderte Mensch stets „nur“ ein partieller, mehr oder weniger risikofreudiger Experte seiner selbst. Einer freilich, der – und wiederum: so wie jede andere Person – auf jeder neuen Reise wachsen oder scheitern kann.