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  #1  
Alt 22.01.2007, 12:52
vienetta vienetta ist offline
Gast
 
Registriert seit: 04.08.2006
Beiträge: 3.585
Standard Hexenjagd

Diskriminierung wie im Mittelalter: Hexenjagd wegen der Behinderung unserer Tochter

Regina Walter
erschienen in KIDS Aktuell, April 2006
Wir, das sind ein Ehepaar, 46 und 43 Jahre mit 7 Kindern im Altern zwischen 25 und 9 Jahren.
Das jüngste Kind kam mit Down-Syndrom zur Welt und ab dem Zeitpunkt, an dem wir es öffentlich machten, da war Chantal ca. 6 Monate alt, ging die Hexenjagd los. Ich musste mich als Hexe beschimpfen lassen, denn nur Hexen kriegen SOLCHE Kinder. Es geschähe uns ganz recht, denn was bräuchten wir soviel Kinder in die Welt zu setzen. Wir wollen doch nur vom Kindergeld leben usw. Mein Mann hat immer gearbeitet und ich bis zur Geburt des 4. Kindes. Es kamen auch noch andere Schimpfwörter wie Schlampe usw.
Als unser Kind laufen konnte und es sich herausstellte, dass Chantal zu den "Weglaufkindern" gehört, wurde es ganz schlimm. Die Leute schauten zu und ließen das Kind laufen. Kein Mensch gab uns Antwort, in welche Richtung sie gelaufen war. Wir haben Stunden voller Angst damit verbracht, das Mädchen zu suchen und hoffentlich wohlbehalten zu finden. Wenn man bedenkt, dass unser Ort nur knapp 90 Einwohner hat, ist das für mich erschreckend.
Ausgesondert

Ich wurde zu keiner Tupperparty mehr eingeladen, jahrelang feierten wir Frauen die Geburtstage miteinander, da wurde ich ohne Begründung ausgeladen. Bei Dorffesten setzte sich niemand an unseren Tisch, bedient wurden wir nur äußerst ungern. Und Chantal sollte gar nicht in Erscheinung treten.
„Down-Syndrom ist ansteckend“

Eine Teilnahme an den Fahrgemeinschaften zum Kindergarten war nicht mehr erwünscht. Für mich hieß das, jahrelang alleine zum Kindergarten zu fahren. Ebenso musste ich meine Kinder alleine abholen, wenn die Schule 1x pro Woche früher endete und kein Bus fuhr. Mir wurde ins Gesicht gesagt, dass das Kind ansteckend sein könnte, ist zwar totaler Schwachsinn, aber sie wussten, wie man mich zu der Zeit verletzen konnte.
“Dieser Krüppel darf leben...“

Sogar in der eigenen Verwandtschaft wurden wir geächtet, meine Mutter sagte mir ins Gesicht als mein Vater starb, dieser Krüppel darf leben, ihr Mann musste sie verlassen. Dabei war der Tod für meinen Vater eine Erlösung. Die Schwiegermutter will nicht, dass unser Kind mit den normalen Kindern zur Kommunion geht, denn die Leute könnten schauen. Auf der Hochzeit meiner Nichte wurde ich von deren Schwiegermutter mit den Worten aufgehalten, dieses Kind gehört nicht in die Öffentlichkeit, die gehören eingesperrt.

Als wir für unser Kind einen Hund kauften, den ich mit Hilfe eines Bekannten für Chantal ausbildete, traute sich keiner mehr uns direkt anzugreifen, denn Romeo war immer an meiner Seite, wenn ich im Dorf unterwegs war. Bei einem 50kg-Dobermann mit der Größe einer Dogge war die Angst sehr groß, dass sie bei einem körperlichen Angriff auf mich schlechte Karten haben, keiner hätte eine Chance gehabt, wenn mich jemand angegriffen hätte. Leider starb der Hund mit nur 4 Jahren bei einem Unfall.

Diebstahl und Sachbeschädigung

Ab diesem Zeitpunkt wurde Chantals Fahrrad aus dem Schuppen geklaut, meins am hellen Tage vorm Haus, der Nachbar schaute zu. Das Gartentor wurde mit Gewalt aus der Verankerung gerissen. Ich wollte so schnell wie möglich wieder einen Hund, der auf Chantal trainiert wird. Man schnitt uns den Zaun durch, damit der Hund weglaufen kann und auf der stark frequentierten Straße überfahren wird. Als das nichts nützte, versuchte man den erst 10 Wochen alten Welpen zu vergiften, nur mit sehr viel Glück überlebte das Tier.
Die Kinder wurden zu keinem Kindergeburtstag mehr eingeladen, das war nicht nur für die Kinder, sondern auch für uns Eltern schlimm. Was kann ein Baby dafür, dass es anders ist als die anderen Kinder. Bis heute haben meine Kinder, auch die Erwachsenen keine größeren Kontakte mehr zu ihresgleichen im Ort. Sie suchten und suchen sich ihre Freunde außerhalb des Dorfes. Für mich bedeutet das wieder Taxi zu spielen.
Telefonterror

Ach ja, Telefonterror gab es sehr sehr lange, bis ich einmal auf die Idee kam zu sagen, dass der jenige in den Spiegel schauen solle und wenn er da gesehen hat, welcher Versager er ist, kann er mich wieder anrufen. Dann hatte ich Ruhe.
Wach- und Begleithunde zum Schutz

Wie man sowas verkraftet? Ich weiß es auch nicht so genau, ich für meine Person kann nur sagen, dass ich sehr hart geworden bin. Meine scharfe Zunge ist inzwischen sehr gefürchtet. Ich gehe erhobenen Hauptes mit meinem Kind an der Hand durchs Dorf, ich besuche Dorffeste, wenn auch nicht oft. Wenn keine Bedienung kommt, gehe ich hin und hole mir das, was ich will. Außerdem habe ich nun nicht mehr einen, sondern zwei Dobermänner, die wenn sie auch noch jung sind, schon eine respektable Größe haben. Einer der beiden wird wieder für Chantal trainiert, denn sie läuft immer noch viel weg. Der andere dagegen wird als Wachhund ausgebildet, damit ich nicht ständig Angst haben muss, dass wieder irgend etwas zerstört ist, wenn ich heimkomme. Mit einem herzkranken, geistig behinderten Kind, das noch einen ganzen Rattenschwanz an organischen Schäden hat, bin ich viel bei Ärzten und Therapeuten. Die Hunde werden aber nicht scharf gemacht. Wenn einer von uns dabei ist, werden es die liebsten Knuddelhunde sein, aber ist keiner da, werden es Wachhunde sein, die ihr Revier verteidigen. Es ist nämlich ein grauenvolles Gefühl, heimzukommen und wieder ist was kaputt. Letztes Jahr hatte ein fremder Mann Chantal schon im Auto und nur durch viel Glück sah es eine Frau, die bei der Hexenjagd nicht mitgemacht hat, sie holte Chantal da raus. Mit Romeo an ihrer Seite wäre es nicht passiert, aber der war zu dem Zeitpunkt gerade gestorben.

Meine Freundinnen habe ich außerhalb dieses Ortes. Da wird mein Kind so akzeptiert wie sie ist, ein ganz liebes, fröhliches, aufgewecktes Down-Mädchen, das halt geistig zurück ist. In der Kommuniongruppe wird sie ohne Probleme akzeptiert, dass sie mit im Boot ist. Im Gegenteil, meine Mitarbeit ist sogar gefragt. Ich habe nun mal ein großes Mundwerk und kann andere Menschen mit logischem Denken und Argumenten überzeugen.

Fazit

Patentlösungen kann ich nicht anbieten, ich kann nur sagen, nicht aufgeben. Unsere Kinder sind es wert, dass wir uns für sie einsetzen. Auch wegen der Kinderzahl habe ich keine Probleme, denn ich bin stolz auf meine Kinder. Das erzähle ich jedem, der es wissen will, oder auch nicht.
Ausgrenzung der Geschwister

Die Kinder litten auch darunter, dass es so engstirnige Menschen gibt, meine Jungs verteilten Prügel, wenn sie wieder mal wegen Chantal beleidigt wurden. Da hieß es dann, du mit deiner blöden, idiotischen Schwester, die kann ja gar nicht reden. Meine Mama sagt, deine Mama ist genauso blöd, und du darfst nicht mehr zum spielen kommen. Dann gab es halt mal was auf die Mütze, ich kann aber nach Jahren sagen, dass meine Kinder keine Schläger geworden sind. Auch wenn sie mit den Jungs bis heute keinen engen Kontakt haben. Mit dem Auto sind sie heute schnell woanders.
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  #2  
Alt 22.01.2007, 13:08
Benutzerbild von evma
evma evma ist offline
Teammitglied - Entscheidungsträger
 
Registriert seit: 01.08.2005
Ort: ostsee
Beiträge: 24.215
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die arme familie erinnert mich daran als wir in oldenburg gewohnt haben und nachbarn mitminderung machten weil sie björns anblick nicht ertrugen.eine sche..... gesellschaft
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  #3  
Alt 22.01.2007, 13:10
vienetta vienetta ist offline
Gast
 
Registriert seit: 04.08.2006
Beiträge: 3.585
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?heftig eigentlich dachte ich diese zeiten seien vorbei .....aber wie man sieht und nun von dir hört ja nicht -echt der hammer
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  #4  
Alt 22.01.2007, 14:06
Benutzerbild von evma
evma evma ist offline
Teammitglied - Entscheidungsträger
 
Registriert seit: 01.08.2005
Ort: ostsee
Beiträge: 24.215
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du das ist jetzt fast zehn jahre her .was immer noch ist in oldenburg/holstein das behinderte kinder nicht beim vogelschissen mitmachen dürfen.alle anderen schulen nehmen teil nur die behinderten schule nicht.
als björn 12 jahre alt war durfte er noch nicht mal zum kinderfeuerwehrfest wir sind dann 15 km weiter gefahren um das er dort mitmachen durfte.meine beiden anderen jungs sind auch in oldenburg nicht hingegangen nachdem ihr bruder noch nicht mal zuschauen durfte,war schon eine harte zeit damals
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  #5  
Alt 22.01.2007, 16:46
vienetta vienetta ist offline
Gast
 
Registriert seit: 04.08.2006
Beiträge: 3.585
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das kann ich mir vorstellen das ist ja der hammer vor allem das mit der mietminderung ist schon fast wieder lachhaft......ohne worte
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  #6  
Alt 22.01.2007, 16:48
Caro Caro ist offline
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Registriert seit: 13.12.2006
Beiträge: 6.413
Standard

Zitat:
Zitat von evma
du das ist jetzt fast zehn jahre her .was immer noch ist in oldenburg/holstein das behinderte kinder nicht beim vogelschissen mitmachen dürfen.alle anderen schulen nehmen teil nur die behinderten schule nicht.
als björn 12 jahre alt war durfte er noch nicht mal zum kinderfeuerwehrfest wir sind dann 15 km weiter gefahren um das er dort mitmachen durfte.meine beiden anderen jungs sind auch in oldenburg nicht hingegangen nachdem ihr bruder noch nicht mal zuschauen durfte,war schon eine harte zeit damals

Ich fasse es nicht, schlimm, dass man unsere Kinder manchmal so von der Gesellschaft ausgrenzt. Kann es nicht verstehen.
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  #7  
Alt 22.01.2007, 17:23
Nancy
 
Beiträge: n/a
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Es wird sich nicht viel ändern in unserer Gesellschaft.

Das Thema hatten wir hier schon einmal in einem anderen Thread (liebe Eva, Du wirst Dich daran erinnern...).

Da hatte ich schon geschrieben, daß sich bis heute nicht viel geändert hat und sich wenn, nur wenig ändern wird...Es wird immer wieder Menschen geben, die vorverurteilen oder ausgrenzen.

Zum Teil sind es Berührungsängste oder auch das Gefühl, damit nicht konfrontiert sein zu wollen.
Es ist für Viele immer noch "unnormal", "anders" zu sein.

Vergessen dürfen wir aber nicht Diejenigen, die offen mit binderterten Kindern/Menschen umgehen und sie als einen gleichberechtigten Teil unserer Gesellschaft betrachten. Ich, bzw. wir , haben meistenfalls positive Erfahrungen gemacht mit behindertenfreundlichen Menschen. Die Anderen ( auch die Erfahrungen haben wir gemacht), die solltet ihr einfach überhören oder ignorieren. Ignoranz ist manchmal ein guter Weg, Menschen zum Nachdenken anzuregen.


LG
Nancy

Geändert von Nancy (22.01.2007 um 17:26 Uhr).
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  #8  
Alt 22.01.2007, 17:30
Benutzerbild von evma
evma evma ist offline
Teammitglied - Entscheidungsträger
 
Registriert seit: 01.08.2005
Ort: ostsee
Beiträge: 24.215
Standard

ich gebe dir recht liebste nancy das es das beste ist solche menschen mit ignorieren zu strafen.nur manchmal fehlt es schwer.und ich freue mich über jeden der unsere kids ganz normal behandelt
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  #9  
Alt 22.01.2007, 17:33
Nancy
 
Beiträge: n/a
Standard

Zitat:
Zitat von evma
ich gebe dir recht liebste nancy das es das beste ist solche menschen mit ignorieren zu strafen.nur manchmal fehlt es schwer.und ich freue mich über jeden der unsere kids ganz normal behandelt



Liebe Eva,

es ist nicht schwer, wenn man daran denkt wie mühevoll und meist unnütz Diskussionen mit solch eingestellten Leuten sind.
Ignorierst Du sie, fühlen sie selbst, wie es ist nicht beachtet zu werden. Glaube mir, das ist heilsam.


LG
Nancy
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