Maren Spender
erschienen in L.I.E.S. 3/2003
Urlaub - eine Zeit, auf die die meisten Menschen hinleben und sich freuen, die man genießt und von der man, wenn sie denn leider vorbei ist, meist noch eine Weile zehrt. So war es bei uns früher auch. "Früher", das ist die "Zeit vor Mirjam und Judith".
Nun ist es sicherlich bei jeder Familie so, dass sich der Charakter von Urlaub ganz grundlegend ändert, wenn Kinder dazu kommen, so auch bei uns. Im Gegensatz zu anderen Familien wurden die Urlaube bei uns mit zunehmendem Alter der Kinder jedoch nicht einfacher, sondern im Gegenteil immer schwieriger.
Wenig erholsamer Urlaub
Der Urlaub, den wir aufgrund des anstrengenden Alltags mit zuerst einem, später zwei schwer behinderten Kindern dringend benötigten und herbeisehnten, war alles andere als erholsam: Am Urlaubsort fehlten uns die Hilfsmittel, die uns daheim den Alltag erleichterten, die Unterkünfte waren nicht barrierefrei, so dass wir die Kinder ständig Treppen hinauf und hinunter tragen mussten. Dazu kamen Ignoranz und Unverständnis anderer Urlauber. So waren unsere ersten Urlaube zu viert eine Mischung aus Krafttraining, Spießrutenlaufen und Improvisation. "Durchhalten" war das Motto, und es wurde uns bald klar, dass wir solche Art von "Urlaub" nicht mehr machen wollten.
Im Gespräch mit anderen Eltern behinderter Kinder bemerkten wir, dass wir mit unseren "Urlaubsproblemen" keineswegs allein dastanden. Uns allen gemeinsam war der Wunsch nach Erholung - aber nicht ohne, sondern zusammen mit unseren Kindern.
Planung eines erholsamen Urlaubs
Daraus entstand der Plan, einen gemeinsamen Urlaub mit mehreren Familien zu versuchen. Der sollte in einer möglichst barrierefreien Umgebung stattfinden, mit je einer Helferin pro Familie, die uns Eltern zwar entlasten, jedoch auch selbst etwas von dem Urlaub haben sollte. Mehrere Familien sollten, so die Idee, am Urlaubsort gemeinsam etwas unternehmen können, wenn sie denn wollten. Andererseits sollte auch jede Familie für sich sein können.
Dem Plan folgten konkrete Taten; der erste gemeinsame Urlaub liegt nun schon sechs Jahre zurück.
Jeder kommt auf seine Kosten
Seitdem haben wir viele schöne Sommerurlaube an der Nord- und Ostsee, im Schwarzwald, im Allgäu und in Spanien gemeinsam mit anderen Familien verbracht, bei denen jeweils alle Familienmitglieder auf ihre Kosten kommen. Wir Eltern genießen die Entlastung durch die Helferinnen, das Zusammensein mit den anderen Familien, das gegenseitige Verständnis und die Toleranz. Die Kinder genießen vor allen Dingen die stets vorhandenen Spielkameraden und die damit verbundene Abwechslung, die wir Eltern ihnen nicht bieten können.
Nach jedem Urlaub gibt es immer wieder etwas, das verbesserungsfähig ist und nach Möglichkeit umgesetzt wird: So verbrachten wir den ersten Urlaub dieser Art nach einer Flug-Anreise in einer unvorstellbar scheußlichen deutschen Touristenhochburg an der spanischen Costa Brava. Wir waren so auf die Barrierefreiheit unseres Feriendomizils fixiert gewesen, dass wir es darüber versäumt hatten, Erkundungen über den Ort einzuholen.
Gemeinsamkeit macht stark
Inzwischen kommen für uns - aufgrund der Vielzahl der benötigten Hilfsmittel - nur noch Ziele in Frage, die mit Bahn oder Auto zu erreichen sind. Außerdem ist das Vorhandensein einer Waschmaschine in der Urlaubsunterkunft ein Muss - nachdem wir uns an einem Urlaubsort wegen des Fehlens eines Waschsalons regelmäßig in die benachbarte Reha-Klinik hatten einschleichen müssen, um dort die Patientenwaschmaschine zu benutzen.
Durch die neu gefundene Art, Urlaub zu machen, lässt sich auch für Familien wie die unsere - zu der inzwischen noch ein äußerst unternehmungslustiger Bub dazugekommen ist - die "schönste Zeit des Jahres" wieder als solche erleben. Mit unseren deutlich sichtbar behinderten Kindern fallen wir zwar auf. Angestarrt zu werden und abschätzende Blicke schmerzen jedoch viel weniger, wenn sie sich auf mehrere Kinder verteilen. So kann man starrende Passanten eher ignorieren, sich über sie lustig machen oder ihnen schlagfertig begegnen, wenn man nicht allein ist.
Eines aber ist klar: Wäre die einzige Gemeinsamkeit zwischen uns "Urlaubsfamilien", dass wir alle Kinder mit Behinderungen haben, würden die Urlaube sicher nicht so harmonisch, fröhlich und erholsam verlaufen. Wir verstehen uns - unabhängig von der Behinderung unserer Kinder - ausgesprochen gut. Dass ausgerechnet wir uns zusammengefunden haben, ist einfach riesengroßes Glück.