Burn-Out als Antwort auf Überforderung
Theo Klauß hat 1997 in einem Artikel („Wenn alle das Beste wollen, leidet die Selbstbestimmung; Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft 1/97) die Anforderung der lebenslangen umfassenden Verantwortlichkeit als im Prinzip maßlos und nicht erfüllbar bezeichnet.
Viele Mütter von Kindern, die mit schwerer Behinderung leben geraten besonders in Krisenzeiten immer wieder einmal in Situationen, die mit dem in sozialen Berufen bekannten Burn-Out-Syndrom vergleichbar sind. Fast alle Mütter, mit denen ich im Laufe der Jahre in Kontakt war, kennen Zeiten völliger körperlicher, emotionaler und geistiger Erschöpfung. Normalerweise gilt dieses Burn-Out-Syndrom als „Antwort auf emotionale Belastungen und Stresserfahrungen in der Arbeit“. Wenn auch die Tätigkeit der Mütter/Eltern mit schwerer Behinderung diagnostizierter Kinder nicht als ein (typischer) Beruf angesehen ist, so ist es doch ein Full-time-Job und teilweise weit darüber hinaus gehend. Ich halte es daher für angebracht, das Burn-Out-Syndrom auch im Tätigkeitsbereich der Mütter dieser besonderen Kinder als Bezeichnung einzubringen, da fast alle Symptome auch bei dieser Personengruppe vorkommen können.
Eine detaillierte Auflistung der stressauslösenden Faktoren, die die Bezeichnung Burn-Out-Sydrom rechtfertigen muss hier aus zeitlichen Gründen unterbleiben.
Für die Mütter kann es eine Erleichterung bedeuten, wenn sie erkennen, bzw. ihnen vermittelt wird, dass sie nicht in ihrer Mutterrolle versagen, sondern Symptome aufweisen, die auch bei professionell Tätigen, mit einem “nur“ 8-Stunden-Tag, durchaus auftreten können. Dadurch verringern sich zwar die Burn-Out-Syndrom-typischen Erscheinungen nicht, sie erhalten jedoch eine andere Gewichtung und die Leistung der Mütter eine Aufwertung.
Schwere Behinderung ist eine Herausforderung sowohl für den Menschen, der mit diesen Einschränkungen lebt wie auch für die Menschen seines Umfeldes.
Solange wir als Einzelperson oder als Gesellschaft die Eltern in ihrer Verantwortung alleine lassen, kann Herausforderung schnell zur Überforderung werden.
Verstehender Zugang und Kommunikation als Herausforderung
„Im Moment empfinde ich als größte Herausforderung, mir immer wieder vorzustellen, was in Ricarda wohl vorgehen mag. Immer wieder versuche ich zu verstehen, welche Gedanken- und Gefühlsgänge sie wohl hat, was sie bewegt, etwas so zu tun, wie sie es tut. Das ist jeden Tag, jeden Augenblick unseres Zusammenseins derzeit wohl die größte Herausforderung.“ (Mutter von Ricarda)
Kommunikation hat seinen Ursprung im Lateinischen: communicare:
gemeinschaftlich machen.
Um zu verstehen und verstanden zu werden ist die Kommunikation eine entscheidende Basis.
Ich habe hier das Bild eines Eisbergs gewählt als ein Bild für all das, was bei Menschen mit schwerer Behinderung durch die Kommunikationserschwernisse im Verborgenen liegt und nicht sichtbar, nicht greifbar ist... Aber das heißt nicht, dass es nicht vorhanden wäre!
Gerade diese Tatsache stellt eine besondere Herausforderung dar, weil dadurch die interessante und verantwortungsvolle Aufgabe entsteht, zu forschen, neugierig zu sein, ergründen zu wollen, sich einzulassen auf etwas, was im wahrsten Sinn des Wortes tief im Verborgenen liegt.
Für den mit schwerer Behinderung lebenden Menschen stellt die Kommunikation eine besondere Herausforderung dar, da er mit seinen begrenzten Mitteln und Möglichkeiten seine Wünsche, seine Befindlichkeit, seine Bedürfnisse, Wahrnehmungen und Gefühle darstellen muss. Ich bewundere den Einfallsreichtum und die Geduld so mancher mit schwerer Behinderung lebender Menschen, unter Anstrengung, mit vielen Wiederholungen, vielen Improvisationen ihrer begrenzten körperlichen und/oder verbalen Möglichkeiten zu kommunizieren. Eine unglaubliche Ressource, die gerade in den letzten Jahren im Sinne der unterstützten Kommunikation zum Wohle aller genutzt wird.
Leider scheitern sie oft an unserem Unverständnis.
„Ob ein behinderter Mensch kommunizieren kann, liegt darin, ob wir seine Sprache erlernen, nicht umgekehrt.“ (F.v. Bodelschwingh)
Meine Mutter lebte vor 6 Jahren nach einer Hüftoperation mehrere Monate in einem so genannten Postoperativen Syndrom. Sie war zunächst in einer Psychiatrie untergebracht. Sie sprach viel... Aber alles ohne Sinn. Erst nach sechs Wochen merkte ich, dass das ganze nicht ohne Sinn war. Sie sprach in der Traumsprache. Die Symbolik war höchst interessant und aussagekräftig – eine Mischung aus Tageserleben, Symbolik und Archetypen. Als ich anfing die Aussagen meiner Mutter von der Traumsprache in unser „Deutsch“ zu „übersetzen“ lebte meine Mutter regelrecht auf. Ganz aufgeregt sagte sie mir: „Sag Papa, dass wir einen Stein aus der Mauer herausgebrochen haben.“ Auch dies eine klare Symbolik: Wir hatten den ersten Stein der Mauer, die zwischen unserer und ihrer Welt stand beseitigt und den ersten Zugang zueinander gefunden!
In den nächsten Wochen war es viel „träumerische Detektivarbeit“, aber eine sehr spannende und dankbare Aufgabe für meine Mutter zu dolmetschen. Und je mehr ich übersetzte, desto mehr konnte sie selber sich wieder in „unserer Sprache“ mitteilen.
Wie verzweifelt müssen die Menschen sein, die nicht verstanden werden, weil wir ihre Sprache nicht erkennen.
Die Kommunikation ist oft mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Eine alltägliche Herausforderung! Sie erfordert ein Höchstmaß an Geduld, Ideenreichtum, Intuition, Kreativität und Geduld von
allen Beteiligten (auch dem mit schwerer Behinderung lebenden Kind).
Die Eltern werden zu Dolmetschern und Profis und haben im Laufe der Zeit eine für viele Menschen erscheinende Fremdsprache erlernt, die oft eine Mischung aus Körperhaltung, Mimik, Gestik, Atmung, Hautfarbe, Lautierung, Wörtern und Blicken ist. Eine ausgesprochen wertvolle Ressource!
Unterstützte Kommunikation und hierbei besonders die basale Kommunikation bieten hilfreiche Unterstützung.
Autonomie und Fremdbestimmung
Innerhalb dieser speziellen Lebenssituation sind die Möglichkeiten auf Selbstbestimmung sowohl für den mit Behinderung lebenden Menschen wie auch für seine Eltern eingeschränkt. Die Kinder sind abhängig von den Eltern, bes. den Müttern. Die Mütter sind in ihrem Tagesablauf abhängig von den Bedürfnissen und Vorgaben der mit Behinderung lebenden Kinder. Keiner der beiden ist autonom.
Aussage Frau K.: „Je größer das Kind wird, desto eingeschränkter wird man selber.“
Nehmen wir das Beispiel, dass die Mutter bei schönem Wetter gerne mit dem 16-jährigen Sohn zum Einkaufen gehen möchte. Sie informiert ihn vielleicht darüber, dass sie ihn jetzt anziehen wird, damit sie noch Brot einkaufen gehen können. Der Teenager genießt es allerdings gerade entspannt in seinem Rollstuhl vor dem Fenster zu sitzen, die Natur zu beobachten und dabei leise Musik zu hören. Er reagiert auf das Ansinnen der Mutter verärgert, angespannt, weigert sich sich anziehen zu lassen, fängt womöglich an zu schreien. Er kann allerdings nicht alleine Zuhause bleiben.
Dem Bedürfnis – eventuell auch Erfordernis – der Mutter nach Spaziergang und Einkaufen steht das Bedürfnis des jungen Mannes auf Beibehaltung seiner gemütlichen häuslichen Situation gegenüber.
Durch die Verwobenheit - die oft bestehende pflegerische und betreuerische Symbiose zwischen Mutter und mit Behinderung lebendem Kind - gibt es viele Situationen, in denen entweder die Autonomie der Mutter oder die des mit Behinderung lebenden Menschen eingeschränkt ist.
Der mit Behinderung lebende Mensch ist als der Hilfeempfänger und derjenige, der sich nur schwer äußern kann, im Laufe seines Lebens immer wieder in seiner Selbstbestimmung eingeschränkt. Fremdbestimmung erlebt er in vielfältiger Form, durch ihn fördernde Therapien, Arzttermine, Krankenhausaufenthalte, zeitliche Vorgaben der Pflegepersonen und sicherlich auch durch die durch die Behinderung entstandenen Einschränkungen.
Die biographische Entwicklung der Frau scheint durch die Rolle “Mutter eines mit schwerer Behinderung lebenden Kindes“ vorgegeben zu sein. Autonome Entwicklung kann nur durch gute Organisation und Abgabe von Verantwortung möglich werden.
Mit der oft fehlenden Selbstbestimmung der Mutter geht eine vielschichtige Form der Fremdbestimmung einher. Fremdbestimmung kann für die Mutter z.B. durch das Schicksal (z.B. der Behinderung des Kindes / Auftretende Krankheiten / lebensbedrohliche Zustände), durch das Kind selber, durch Ärzte und Therapeuten, durch die sozialen Rollenerwartungen und auch durch internalisierte Rollenvorstellungen, die nicht der Frau als Person entsprechen, erlebt werden.
Aus dieser gegenseitigen Abhängigkeitsbeziehung entwickeln sich jedoch auch wichtige Ressourcen wie gegenseitiger Respekt, Selbst- und Fremdwahrnehmung und deren Artikulation, vielleicht auch eine Art Fürsorge der Eltern als Grundhaltung sowie Managementfähigkeiten, um den Autonomiewünschen des mit Behinderung lebenden Menschen und denen der Eltern gerecht zu werden. Nicht zu vergessen stellt die Abhängigkeit immer auch eine Form der Beziehung dar, die vielleicht nicht immer, aber deren Ausgestaltung sehr oft gelingt!
Herausforderung Zukunft
Lebensbegleitend für Eltern ist die Sorge um die Zukunft des Kindes. Sie steht natürlich auch in besonderem Zusammenhang mit der oben bereits angesprochenen lebenslangen Verantwortung.
Eltern wünschen sich, dass dem Kind eine optimale Versorgung zuteil wird. Dabei kommt dem sozialen Umfeld eine besondere Bedeutung zu. Sowohl Leben in einer Gemeinschaft wie auch Freunde sind ganz spezielle Themen. Bei näherem Hinsehen erfahren und erleben Menschen mit schwerer Behinderung eben diese sozialen Kontakte in oft ganz dichter, intensiv wahrgenommener Form – allerdings anders als Gemeinschaftserleben und Freundschaft bisher sozial definiert wird.
Eine große Sorge für Eltern ist es, dem Kind zu ermöglichen in Würde sein Leben zu verbringen. Gerade die gegenwärtigen finanziell engen Rahmenbedingungen verstärken diese Sorge um Lebensqualität noch. Eine weitere große Zukunftssorge ist daher für Eltern, dass noch Kräfte übrig bleiben und sie Burn-out-Symptome wieder in den Griff bekommen. Gesundheit sowohl für Eltern wie für Kind sind große Zukunfts-Wünsche!
Abschlussbetrachtung
Es gibt noch eine Vielzahl an Herausforderungen, sei es das (Er-)Leben im sozialen Umfeld, Herausforderndes Verhalten und hoher pädagogischer und/oder psychologischer Unterstützungsbedarf, Therapie, Partnerschaft, Geschwister (s. Workshop Frau Winkelheide), Freizeit; Zeit, Rhythmus, Hilfe suchen und annehmen, Schuldgefühle, Zusammenarbeit mit Fachleuten, Bürokratische Hürden bei Krankenkassen und Behörden, Extegration und soziale Isolation, Umgang mit Ängsten und natürlich auch das Thema Ablösung (siehe dazu Vortrag Frau Fischer)
Gerade in der heutigen Zeit sehe ich es als sehr denkwürdig an, dass die oben angedeuteten speziellen Herausforderungen für Menschen mit schwerer Behinderung und deren Familienmitglieder
allein mit Leid und Unglück, schwerem Schicksal, Tragödie, Bürde und sogar Strafe gleich gesetzt werden.
Herauforderungen gehören zum Leben. Diese spezielle Herausforderung der schweren Behinderung führt zu Grenzerfahrungen, die sich wohl keiner freiwillig suchen würde. Anforderungen, die zu blockieren scheinen aber auch ungeahnte Kräfte wecken. Ein Leben lang. Herausforderung kann auch zu Überforderung werden. Sorgen, Ängste, Nöte, Leid, schwere Zeiten, Kraftlosigkeit... Alles gehört dazu.
Allerdings zeigt ein Blick auf den Alltag, dass die Erschwernisse nicht alles überdecken.
Herausforderungen ermöglichen auch neue Erfahrungen, Wachstum, Reife, Erleben der eigenen Kräfte und Fähigkeiten, Entwicklungen, neue tief gehende Erfahrungen und Erlebnisse... Eine Bereicherung auf persönlicher Ebene.
Und es darf nicht vergessen werden, dass trotz vieler Herausforderungen auch Phasen bleiben, die ein ruhiges, zufriedenes und auch glückliches Leben ermöglichen.
Ganz klar lässt sich sagen, dass die Schwere Behinderung die Lebenserfahrungen intensiviert.
Abschließen möchte ich mit einer Überlegung – einem Wortspiel - deren Beantwortung ich Ihnen überlasse:
Leben mit schwerer Behinderung
=
(K)Ein (Un-)Glück!?