Ein Brief an meinen verstorbenen Sohn - von Sven Beckers
Lieber Jan!
Wie es Dir geht, brauche ich Dich ja nicht zu fragen, denn dass es Dir jetzt gut geht, weiß ich ja; und das freut mich sehr.
Ich habe gerade im Internet bei Löwenkind e.V. einen Brief eines kranken Kindes an seine Mutter gelesen, und möchte Dir davon erzählen. Auch möchte ich Dir mitteilen, welche Gedanken mir als Dein Vater beim Lesen dieses Briefes durch den Kopf gingen.
Dieses Kind schreibt unter Anderem, dass es als es krank war seiner Mutter nicht anvertrauen wollte, wie es ihm geht, wie ihm zumute war; aus Rücksicht auf sie und seine Familie.
Lieber Jan, Du hast es damals oft ebenso gemacht.
Wie oft hast Du gute Mine zum lästigen Spiel gemacht, nur um es uns "recht" zu machen?
Wie oft hast Du "ja" gesagt, obwohl Du lieber uns oder jemand anders mal richtig die Meinung gesagt hättest?
Wie oft hast Du etwas "einfach" geschluckt, obwohl Du lieber mit Händen und Füßen um Dich geschlagen oder geschrieen hättest?
Wie oft hat der Eine oder Andere Dir etwas abgenommen, obwohl Du es doch lieber alleine probiert hättest?
Wie oft wolltest Du lieber alleine sein und durftest es doch nicht?
Die Antworten auf all diese Fragen weißt nur Du allein.
Im Umkehrschluss überlege ich dann, was ich hätte besser oder anders machen können. Ich glaube wir alle, unsere ganze Familie, das Pflegepersonal der Klinik und alle Menschen, mit denen Du sonst noch so zu tun hattest, haben so gut sie eben konnten versucht auf Dich einzugehen, Dir Deine Leiden so "erträglich" wie möglich zu machen, Dir wenn irgendwie möglich, eine Freude zu bereiten, Dich stark zu machen.
Ich haben es damals allerdings auch oft bedauert irgendwie nicht richtig "an Dich heran" zu kommen. Du wirktest oft so seltsam reserviert oder "abwesend" auf mich (was ich im Nachhinein natürlich gut verstehen kann). Oft musste ich mich sehr zusammennehmen, deswegen nicht zu resignieren.
Gedanken wie "Braucht mich Jan jetzt eigentlich? Gehe ich ihm jetzt auf die Nerven? Habe ich etwas falsch gemacht? Ist er lieber mit Antje (meiner Ehefrau) zusammen? Wie kann ich ihn etwas aufmuntern? Biete ich ihm vielleicht nicht genug "Ablenkung"?" gingen mir damals des öfteren durch den Kopf. Es war für mich manchmal wirklich schwierig, mich auf Deine Wellenlänge einzustellen.
Was uns Deiner Familie damals die Betreuung während Deiner Klinikaufenthalte erheblich erleichtert hatte, waren die Ablösungen. Denn wir konnten zwischendurch immer wieder mal Abstand gewinnen, uns ausruhen, Kraft tanken, um dann mit neuem Elan wieder zu Dir kommen zu können. Ich nehme an, Du hast es bestimmt auch als Erleichterung empfunden, als eine Art Abwechslung gewissermaßen, die Dir die Klinikaufenthalte vielleicht etwas erleichtert haben.
Uns hat diese Art der Betreuung auch dabei geholfen, unsere Kräfte besser einzuteilen und im Krankenhausalltag nicht völlig "betriebsblind" zu werden.
Eine Situation von damals fällt mir gerade ein:
Es war zu einer Zeit, wo es Dir so schlecht ging, dass uns der Oberarzt am Vortag zur Seite genommen hatte und uns mitteilte, dass Dein Zustand langsam sehr ernst würde.
Du und ich hatten damals im Krankenzimmer gerade einen Märchenfilm auf Video angesehen. Darin kam eine gute Fee vor, die den beiden Helden der Geschichte zu guter letzt drei Wünsche freistellte. Es war eine Zeit, zu der es immer schwieriger wurde, Dein Interesse für irgend etwas zu wecken. Ich hielt den Film kurz an und fragte Dich geradeheraus, was Du Dir denn wünschen würdest wenn so eine gute Fee jetzt hier im Zimmer erscheinen würde.
Du konntest mir diese Frage nicht beantworten! Ich gab Dir Zeit, es Dir in Ruhe zu überlegen, was du auch tatest, aber Dir fiel nichts ein. Nicht einmal, als ich etwas nachzuhelfen versuchte, mit der Hoffnung Du würdest Dir vielleicht wünschen gesund zu sein; Dir fiel einfach nichts ein!
Bei mir gingen innerlich alle Alarmglocken an und Deine Mama und ich suchten und fanden etwas (Bachblüten), um Deine innere Verfassung wieder aufzuhellen und zu kräftigen.
All das ist jetzt ungefähr vier Jahre her und trotz allem Leidens und trotz aller Trauer, möchte ich diese Erfahrungen mit Dir nicht missen. Denn wir durften Dich kennenlernen und Dich begleiten.
Wichtig scheint mir rückblickend auch zu sein, dass man sich selber um des zu Pflegenden willen niemals vernachlässigen sollte, denn man hat nur ein begrenztes Maß an Kraft und Geduld. Auch hat es keinen Zweck, sein krankes Kind immer und um jeden Preis beschäftigen und unterhalten zu wollen. Denn wir können und sollen unseren Kindern ruhig etwas mehr zutrauen:
- mehr Mut
- mehr Kraft
- mehr Verstand
- mehr Reife
- mehr Selbständigkeit...
Hat man einen steilen Berg erst mal erklommen und sieht zurück auf den bewältigten Weg, erschließt sich einem erst das Maß der vollbrachten Anstrengung und ihr Sinn.
In Liebe
Dein Sven