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11.02.2007, 11:14
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Besondere Grosseltern
Zwischen doppelter Sorge und neuen Erfahrungen
Besondere Großeltern
Nicht nur das Leben von Eltern und Geschwistern, auch das der Großeltern ändert sich von einem Moment auf den anderen, wenn das Enkelkind schwer erkrankt, chronisch krank und behindert geboren wird.
Fast alle Familien rücken in dieser schwierigen Situation selbstverständlich zusammen. Die Großeltern übernehmen oft einen wesentlichen Part, um ihre Kinder und Enkelkinder zu unterstützen.
Es gibt aber auch betroffene Familien, in denen aus den unterschiedlichsten Gründen dieser Rückhalt nicht gewährleistet ist. Einige Großeltern tun sich schwer, das Schicksal ihres Enkels anzunehmen und ziehen sich in eine passivere Rolle zurück.
Aber selbst bei Familien, die gemeinsam versuchen über zwei Generationen hinweg die Herausforderungen zu meistern, können heikle Situationen entstehen: bedeutet das nahe Zusammenrücken doch auch wieder eine Konfrontation mit den jeweiligen Rollen, die jedes Familienmitglied inne hat.
Dazu kommt die doppelte seelische Belastung der Großeltern:
Zu der Sorge um das Enkelkind tritt noch zusätzlich die Sorge um die Situation der Tochter oder des Sohnes. Platz und Raum für eigene Gefühle und Ängste sind schwer zu finden, das Umgehen damit bedeutet für die ältere Generation auch oft eine unbekannte Erfahrung, ein neues Lernen.
In der Einbeziehung der Großeltern in die veränderte Familiensituation kann für beide Generationen eine große Chance liegen, vorausgesetzt allerdings, dass alle Beteiligten trotz der Belastungen durch Krankheit und Therapie versuchen, die Rolle und die Bedürfnisse jedes Einzelnen in den veränderten Bedingungen neu zu sehen und zu respektieren.
Die meisten Großeltern eilen sofort zur Stelle, wenn sie erfahren, dass ihr Enkelkind schwer erkrankt ist. Ohne viel zu fragen, übernehmen sie sofort die Aufgabe, Enkel, Kinder und Schwiegerkinder zu unterstützen. Meist übernehmen sie den Part, den notwendigen Alltag zu verrichten, die Geschwisterkinder zu versorgen oder auch den Enkel und die Eltern im Krankenhaus zu begleiten. Die Großeltern sind auf den Kinderstationen oft gut bekannt und sie werden auch als aktive Stützen der Familie mit einbezogen, zum Beispiel wenn ein Hilfeplan für die Familie von den Sozialarbeitern entworfen wird.
Ohne meine Eltern würde ich das gar nicht schaffen, dieser Satz wird von vielen Betroffenen bestätigt. Und dies schmerzt diejenigen, auf die diese Familiensituation nicht zutrifft, sei es, weil die Eltern weit entfernt wohnen, selber pflegebedürftig oder schon verstorben sind. Es gibt aber auch die Großmutter oder den Großvater, die sich teils bewusst, teils unbewusst entziehen und sich nicht mit der schwierigen Lebenssituation der Enkel auseinandersetzen wollen oder können.
Die eigenen Erfahrungen mit Krankheit und Behinderung
Ein möglicher Grund dafür kann die Schwierigkeit von Mitgliedern der älteren Generation sein, sich dem Thema Krankheit und Behinderung zu stellen. Bei denjenigen, die noch die Kriegs- und Nachkriegsjahre erlebt haben, wird durch das Schicksal des Enkels oft an eigene Erinnerungen von Leid und Versehrtheit gerührt. Bevor diese Gefühle übermächtig werden, greift so mancher genau zu den Mechanismen, mit denen er auch damals die traumatischen Erfahrungen nur überleben konnte: nur nicht darüber nachdenken, schnell die Gefühle beiseite schieben.
Viele Großeltern sind auch in der Nachkriegszeit in einer Stimmung groß geworden, in denen das Thema Krankheit und Behinderung tabuisiert war, die Betroffenen abseits der „normalen, gesunden“ Gesellschaft lebten. Contergankinder und Mongolismus, wie damals das DownSyndrom genannt wurde, waren für die meisten der erste und einzige Kontakt mit besonderem Leben, über was aber gerne hinter den Wohnzimmergardinen getuschelt wurde. Sonderschulen schienen ein Höhepunkt von pädagogischen Einrichtungen zu sein und Krebs bei Kindern wurde erst in den Siebzigern zum breiteren Thema. Der Satz „ das arme Würmchen wäre wohl besser nicht geboren worden“ galt noch als freundlich, die Älteren unter uns haben auch noch manchmal den Satz gehört „unter Adolf gab es so was nicht“. Das besondere Leben auf dem Lande war manchmal von größerer Freiheit geprägt, weil die Integration aus Ermangelung einer entsprechenden Sozialstruktur zum Alltag gehörte. In der DDR galt es „normal“, dass besondere und kranke Kinder zumindest lange Zeit fern ab der Familie in „Erholungseinrichtungen“ auf dem Lande verbrachten.
Die veränderten Hoffnungen und die bedrohlichen Gefühle
Dieses Umgehen mit Krankheit und Behinderung haben viele Großeltern miterlebt, einige von ihnen fühlen sich deswegen durch den mittlerweile veränderten Umgang mit dem Thema immer noch verunsichert. Es ist ein großer Schritt für einige Betroffenen, sich einzugestehen, dass sie zum Beispiel immer noch Angst vor Nachbarn haben, die hinter ihrem Rücken darüber „tuscheln“, dass das Enkelkind nicht gesund ist.
Denn mit ihren Kindern können sie sich über solche Gedanken nicht austauschen, zu groß wäre die Empfindlichkeit, das ahnen oder wissen die meisten Großeltern sehr wohl . Außerdem ist es auch für viele der älteren Generation auch eine unbekannte Erfahrung, sich offen über Gefühle, Wünsche und Hoffnungen auszutauschen. Auch das gehört eher zu dem, was erst den nachfolgenden Generationen in der Sozialisation vermittelt wurde.
Dabei haben auch die Großeltern bestimmte Bilder und Hoffnungen mit der Geburt der Enkel verknüpft. Da in heutigen Zeiten die ältere Generation im allgemeinen sehr vital ist, träumen viele davon, befreit von der Verantwortung der Elternlast mit den Enkeln Reisen zu unternehmen, Sport zu treiben und aktiv die vielen unbeschwerten kleinen Abenteuer zu genießen, für die sie nun endlich die Zeit und auch die materiellen Möglichkeiten haben. An die Stelle dieser Wünsche und Phantasien treten dann von einem Moment auf den andern der Schock und der verlorene Traum einer gesunden Generationenfolge.
Dabei haben tragen die Großeltern eine doppelte Last von Sorgen:
sie fühlen mit den Enkeln und den Kindern und Schwiegerkindern.
Hilfe, Unterstützung und Aktionismus
Diese Sorgen lassen die meisten Großeltern, wie anfangs berichtet, kräftig zupacken.
Viele Familien würden ohne diese Hilfe in der Tat den Herausforderungen von Krankheit und Therapie nicht so gestärkt entgegentreten können. Auch für die kranken Enkel ist die Unterstützung von Oma und Opa ein sehr wichtiger Halt, für ihre Geschwisterkinder der Rettungsanker im stürmischen Alltag. Als Kapitäne auf der Kommandobrücke stehen sehr häufig rüstige Großmütter. Schon als junge Frauen darin erprobt, auch unter widrigen Umständen die Ärmel hochzukrempeln, packen sie die anstehenden Alltagsschwierigkeiten beim Schopf. Und dann kann schon bei dem ein oder anderen Betroffenen nach gewisser Zeit ein leicht mulmiges Gefühl entstehen. Und voll des schlechten Gewissens, undankbar und vermessen zu sein, gestehen sich Einige zumeist nur still und leise ein, dass ihnen dieser ungeheure Aktivismus etwas auf die Nerven geht.
Alte Rollenmuster und Beziehungsfallen
Es ziehen die Wolken am Familienhimmel auf, die das Zusammenrücken von zwei Generationen etwas verdüstern können: in der ohnehin für alle Beteiligten angespannten Situation wird jeder sehr leicht auf seine alte Rolle in der Familie zurückgeworfen. Auch beim besten Vorsatz, die Lebensform und die Entscheidungen „der Kinder“ zu respektieren, tappen die Familien doch in so manche Beziehungsfalle. Klassisches Thema ist z.B. der bereits eben erwähnte Aktivismus von einigen Müttern/Schwiegermüttern. Viele betroffene junge Frauen tun sich trotz aller Dankbarkeit für die Hilfe schwer damit, sich mit einmal selbst wiederzufinden in der Situation des umsorgten Kindes. Es verstärkt oft den ohnehin schon übermächtigen Eindruck, in seinem Alltag ohnmächtig viele Entwicklungen hinnehmen zu müssen. Die Empfindlichkeiten sind da von Familie zu Familie unterschiedlich, aber so mancher umsortierte Kleiderschrank oder veränderte Speiseplan für die Geschwisterkinder kann dann nach einer Zeit zum Grund für Auseinandersetzungen werden. Weitere Klippen im gegenseitigen Umgang sind das Befolgen oder das Beurteilen von Therapiemaßnahmen und dem Verlauf der Krankheit. Ein vermeintlich gut gemeintes „ach, das wird schon nicht so schlimm werden“ oder „das muss man nicht so eng sehen“ hat schon einige Betroffene zutiefst verletzt.
Aber auch alte Konflikte, die nicht in direktem Zusammenhang mit der Krankheit stehen, können wieder anschwellen. Die Eifersucht von Geschwistern der Eltern, dass die Betroffenen im Mittelpunkt der Familie stehen und mehr Aufmerksamkeit der Großeltern bekommen oder das Thema, wann die Grenzen zwischen dem eigenen Leben und dem der Eltern wieder deutlicher gezogen werden müssen, oder aber das angespannte Verhältnis von Schwiegerfamilien. Fallen erste Bemerkungen wie „also, bei uns in der Familie hat es so was bisher nicht gegeben“, dann wird es spätestens Zeit, auch in der angespannten Situation die Familienrollen zum Thema zu machen. Wenn es sein muss mit professioneller Hilfe.
Chancen für alle Beteiligte
Denn unterschwellig schwelende Konflikte brauchen betroffene Familien nicht auch noch unnötig zu belasten. Trotz aller Hilfe, erwachsene Männer und Frauen müssen sich nicht damit abfinden, wieder zu Kindern gemacht zu werden. Großeltern haben ihre Söhne und Töchter als Mütter und Väter mit ihren eigenen Vorstellungen zu respektieren, vor allem wenn es um die Versorgung des kranken Kindes geht. Therapiemaßnahmen, Ernährung und Pflege müssen unbedingt geachtet werden, auch wenn es früher vielleicht anders gehandhabt wurde. Von Großeltern an diesem Punkt Verlässlichkeit und Einsicht zu erwarten, das hat nichts mit Vermessenheit oder Undank zu tun. Auch persönliche Grenzen müssen geachtet werden, darauf haben Betroffene ein selbstverständliches Recht. Nur wenn Familien es schaffen, sich gegenseitig in ihrem Bemühen anzuerkennen ohne den anderen wieder in die alte Rolle zu stoßen, kann es auf Dauer funktionieren, mit zwei Generationen ein besonderes Kind zu versorgen. Dann liegt in dieser Lebensform allerdings eine große Chance für alle Beteiligten.
In Büchern zu diesem Thema und auf den ersten Großelternseminaren erzählen Großmütter und -väter wie nicht nur die Sorge, sondern vor allem die Liebe zu den besonderen Enkelkindern auch ihren Blick auf die Welt insgesamt verändert hat, im Großen wie im Kleinen. Die finanziellen Kürzungen im Sozialbereich, das Wegschauen der Nachbarn, der Respekt vor der Schwiegertochter, vieles erscheint in einem neuen Licht, auch die eigenen Fähigkeiten, sich zu öffnen für das besondere Leben des Enkels.
Hilfreich für diese Entwicklung sind vor allem offenen Gespräche unter allen Familienmitgliedern : angefangen bei einem ganz klarem Informationsaustausch über die Krankheit bis hin zu klaren Wünschen, wie man sich als Betroffener ein Hilfsangebot und eine Entlastung vorstellt. Auch wenn es schwer fällt, das Thema Grenzen sollte nicht tabuisiert sein.
Angebote für Besondere Großeltern
Genauso wichtig ist es aber, dass die Krankheit nicht das einzige Thema in der Familie ist. Die Betroffenen selber können hier erste Schritte unternehmen, um der Familie auch Erlebnisse jenseits der Belastungen von Krankheit und Therapie zu schenken. Und sei es eine kleine Mahlzeit für alle gemeinsam bereiten oder zusammen mit dem Kind ein selbst entworfenes und gebasteltes Geschenk für die Großeltern machen.
Oder vielleicht die Ermunterung zur Teilnahme an einem Großelternseminar.
Die Bildungsstätte Langau bei Steingaden ( www.langau.de ) oder der Deutsche Kinderhospizverein Olpe ( www.deutsche r - kinderhospizverein.de ) haben zum Beispiel ein entsprechendes Forum für Großeltern geschaffen, das sich wachsender Beliebtheit erfreut. In Amerika gibt es bereits die ersten Gruppen von und für Besondere Großeltern!
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11.02.2007, 11:14
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Gast
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Über unser Eltern-Großeltern-Verhältnis
Wir freuten uns vorab riesig auf die Geburt unseres Sohnes und wollten natürlich gleich nach dem freudigen Ereignis alle frischgebackenen Omas, Opas, Tanten, Onkels, Uromas, Uropas usw. anrufen, um ihnen die schöne Botschaft zu überbringen. Alle vorgenannten warteten auch schon begierig auf diese Nachricht, denn unser Kind wurde besonders sehnsüchtig erwartet, da es nicht nur unser Erstgeborenes, sondern auch der erste Urenkel, Enkel und Neffe der Familie sein würde.
Doch dann kam alles ganz anders. Die Geburt begann überraschend einige Tage vor dem geplanten Kaiserschnitttermin und unser Kind kam mit einer körperlichen Behinderung zur Welt. Das schockte uns zutiefst. Wir fielen in das viel zitierte „schwarze Loch“ und wollten nur noch allein sein, um zu zweit über die verlorene Gesundheit unseres Sohnes und unsere geplatzten Träume zu trauern. Gleichzeitig bestand jedoch kein Zweifel daran, dass wir uns bedingungslos der Aufgabe, die wer auch immer uns auferlegt hatte, stellen und absolut für das kleine, zu Unrecht gestrafte Wesen da sein würden. Allerdings in die Zukunft schauen und intensiver über die Konsequenzen der Krankheit für uns alle nachdenken, wollten und konnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. So baten wir alle Verwandten und Freude, uns zuerst einmal in Ruhe zu lassen.
Daran hielten sich auch fast alle. Nur meine Mutter nicht. Sie erlebte selbst, was es heißt, wenn das eigene Kind nach der Geburt unerwartet medizinisch betreut werden muss. Entsprechend konnte sie zumindest in Teilen den Schmerz, die Verzweiflung und die Sorgen, die wir haben mussten, nachempfinden. Zusätzlich hatte sie im Internet alles „unselektiert“ über die Krankheit ihres Enkel gelesen, u.a. auch, dass dadurch viele betroffene Eltern in der sozialen Isolation oder als Alleinerziehende enden. Deshalb nahm meine Mutter an, unsere durch den Schock bedingte Zurückgezogenheit würde ein erster Schritt in diese Richtung sein. Um uns davor zu bewahren, dass dies nicht passiert, hielt sie den von uns gewünschten Abstand nicht ein.
Obwohl es einerseits gut tat, eine weitere vertraute Schulter zum Ausweinen zu haben, störte das auch andererseits. Wir wollten einfach nur allein sein und außerdem noch nicht so detailliert wissen, was uns und den Kleinen später erwarten könnte. Hätten wir ein gesundes Kind bekommen, wären uns vermutlich auch die gewünschten „Baby-Flitterwochen“ zugestanden worden. Aber so dachten alle, wir würden uns im Schmerz vergraben und schließlich daran eingehen. Dabei brauchten wir doch nur Zeit, um uns an die neue Situation zu gewöhnen – wie alle Eltern...
Seitdem ist einige Zeit vergangen. Vieles hat sich relativiert, einiges normalisiert. So tauchen plötzlich neben speziellen Problemen von Eltern behinderter Kinder auch die üblichen Großeltern-Eltern-Diskussionen um die besseren Erziehungsmethoden auf.
Egal, ob gesundes Kind oder nicht, unsere Eltern sind der Meinung, dass allein ihre erzieherischen Standpunkte die einzig richtigen, da schon „immer“ so praktiziert, sind. Schließlich sind wir doch auch nicht schlecht gelungen!? Dass sie allerdings früher auch keine Einmischung in Erziehungsfragen von ihren Eltern wollten, scheint irgendwie in Vergessenheit geraten zu sein. Somit treten immer wieder behinderten-unabhängige Reibereien auf, wer denn nun grundsätzlich über die Erziehung des Kindes bestimmt.
Ein anderes konfliktträchtiges Thema zwischen Eltern und Großeltern ist schon eher durch die gesundheitliche Beeinträchtigung unseres Sohnes bestimmt. Trotz der schönen wiedergefundenen Normalität haben wir dennoch ein krankes Kind. Gerade die Großeltern, die nicht tagtäglich mit den unzähligen medizinischen Problemen in direkten Kontakt geraten, vergessen das gern schnell oder verdrängen es gar gänzlich. So schätzt ein Teil unserer Eltern die Möglichkeiten unseres Sohnes zu optimistisch ein, das heißt, sie behandeln ihren Enkel zu normal. Ein anderer Großelternteil hingegen betrachtet die gesamte Situation völlig unrealistisch, indem die Krankheit des Enkels zur eigenen Beruhigung ignoriert, banalisiert oder geleugnet wird. Offensichtlich ist es angenehm, zumindest momentan glauben zu können, das Enkelkind sei doch gesund, und mit ihm könnten all die Dinge gemacht werden, die Großeltern mit ihren Enkeln halt so tun.
Vielleicht ist das eine Art Schutzmechanismus, um sich darüber hinweg zu trösten, dass gerade das erste, lang ersehnte Enkelkind nicht gesund ist, indem man wenigstens manchmal so tut als ob. Vielleicht ist es aber auch schon eine Frage des Älterwerdens, wo in Teilen die Flexibilität bezüglich der Anpassungsfähigkeit der eigenen Ansichten nachlässt. Agieren beispielsweise die Urgroßeltern unseres Sohnes derartig, können wir das eher tolerieren oder überhören. Aber bei den eigenen Eltern, die noch mitten im Leben zu stehen scheinen, ärgert das lediglich oder kommt als Ignoranz gegenüber den Sorgen der eigenen Kinder bzw. der gegenwärtigen Situation an.
Denn leider können wir mit unserem kranken Kind, so gut es sich auch angepasst hat, einfach nicht alles so machen wie mit einem gesunden. Es müssen immer wieder neue, individuelle Lösungen gefunden werden. Damit die Großeltern das (kurzzeitig) einsehen, muss vielfach erst etwas schief gehen. Dann jedoch als Eltern (oder Großeltern) sagen zu können bzw. zu müssen: „Siehst Du, ich hatte recht!“, bringt keinem der Beteiligten etwas. Im Gegenteil, es schadet allein unserem Sohn, der die daraus resultierenden Schmerzen ertragen muss. Es scheint insbesondere für Großeltern schwer zu akzeptieren zu sein, dass keiner unser Kind und seine Krankheit so gut kennt, wie wir.
Also wird das Kind von den betreffenden Großelternteilen fern gehalten bzw. ausschließlich unter Aufsicht besucht. Doch das ist nicht gut für die Entwicklung des Kindes. Zudem entspricht dies weder den Wünschen der Großeltern, noch unseren. Wir würden unser Kind auch gern mal beruhigt abgeben und verschnaufen, wenn wir darauf vertrauen könnten, dass es genau so behandelt wird, wie wir das wollen.
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11.02.2007, 11:15
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Für einen kurzen Augenblick
Ich war immer das Schwarze Schaf der Familie und richtig gut kam ich zu Hause nie klar. Und so war es nur folgerichtig für mich, so schnell wie möglich nach der Schule weit weg in das alternative WestBerlin zu fliehen. Auch die Geburt meiner Kinder fast 2 Jahrzehnte später änderte nicht viel an meiner Rolle, im Gegenteil. Die Kluft zu meiner Familie wurde noch größer, meine Kinder wurden nach mir die Enkel 2. Klasse.
Anders, als mein jüngster Sohn schwerst krank geboren wurde. Während ich selber noch völlig benommen war von dem Schock der Diagnose, war meine Familie bereits zur Stelle. Ich weiß noch, dass ich ganz tief unten so ein leises Unbehagen spürte, dass mit einem Mal alle wieder mitten in meinen Leben standen, aber kein Mensch ein Wort über die vergangenen 20 Jahre verlor.
Abgesehen davon, dass ich nun wirklich andere Probleme hatte, sagte mir eine gute eingeweihte Freundin, ich solle nun mal nicht so zickig und nachtragend sein und mich freuen, dass meine Eltern zu so einer Geste fähig waren.
Eigentlich verlief auch alles so einigermaßen friedlich und ich war in der Tat froh, dass meine Großen daheim versorgt waren, wenn ich ins Krankenhaus mit dem Kleinen musste. Meine Eltern kamen dafür auch immer nach Berlin. Mit meinem Bruder hatte ich dagegen sofort wieder meine alten Probleme. Eifersüchtig beobachtete er das Engagement meiner Eltern. Wenn er sich meldete oder vorbeikam, fand ich immer, das er sogar mein krankes Kind benutzte, um sich selber wichtig zu machen. Entweder wusste er alles über die Krankheit besser als die Ärzte oder er fand irgendeinen anderen Dreh, dass alle mehr mit ihm als mit dem kranken Kind beschäftigt waren.
Ich habe mich bemüht, den Mund zu halten. Vielleicht konnte er ja nicht anders und meinte es auf seine Art auch gut. Während des ganzen ersten Jahres hatte ich sowieso eine Art Gleichgültigkeit gegenüber allem, was um mich herum ablief. So bemerkte ich zwar die Bemühungen meiner Mutter, meinen Haushalt auf ihre Art durchzurationalisieren, aber es machte mich nicht so an. Es war mir eben egal. Ich hätte es zwar besser gefunden, wenn sie stattdessen mal mit den Großen gespielt hätte, aber nun ja.
Nach einem Jahr schöpften wir alle Hoffnung: die Krankheit meines Kindes schien besiegt zu sein. Eine Körperbehinderung zwar blieb, aber die lebensbedrohliche Prognose hatte sich nicht bewahrheitet. Unser Alltag war zwar immer noch durch Krankengymnastik und Frühförderung stark eingeschränkt, aber es ging aufwärts. Das Leben hatte mich wieder und ich fand zu meiner Bereitschaft zurück, nicht alles hinzunehmen, was mir die Umwelt so zumutete.
Die ersten Reibereien mit meiner Mutter ließen nicht lange auf sich warten. Es waren die alten Themen, mein Chaos, meine angebliche Unzuverlässigkeit. Wie viel ich als Mutter mittlerweile jeden Tag leistete, das schien ihr überhaupt nicht aufzufallen. Ich fand außerdem, dass ihre anfängliche Zurückhaltung längst wieder ihrer alten Rechthaberei gewichen war. Auch das Verhalten meines Bruders wurde wieder zum Dauerbrenner zwischen uns.
Wir waren wieder im alten Fahrwasser angelangt. Doch neben uns, ganz leise, lernten sich 2 andere Familienmitglieder kennen. Mein Vater, eigentlich nie besonders sensibel und seinen Kindern und Enkeln übermäßig zugetan, hatte seinen jüngsten Enkel in seiner Besonderheit entdeckt. Es war erstaunlich, dieses kleine Wesen, so blass und leise, hatte irgendeinen Schlüssel für das Wesen seines poltrigen, immer etwas oberflächlich wirkenden Großvaters gefunden. Der Rest der Familie drumherum staunte nur, wie die beiden auf ihre ganz eigene Art miteinander umgingen und spielten. Es erinnerte fast ein wenig an den Kleinen Prinzen.
Ich habe mit meinem Vater nie darüber geredet, aber es hat auch mir sehr gut getan. Vielleicht hatte ich einfach mal das Gefühl, das etwas, was zu mir gehörte, von meinem Vater anerkannt wurde. Ich fand es aber vor allem für mein Kind schön. Und ich bewunderte diesen kleinen Menschen, dass er die Veränderungen so leise, so sanft bewirken konnte. Nicht so lärmend, wie es oft meine Art war.
Der Rückfall und die Wiederkehr der Krankheit traf die ganze Familie eiskalt. Es gab keine Hoffnung mehr. Das Entsetzen war so groß, dass meine Mutter und ich uns gar nicht mehr um eine Form der Rücksichtsnahme bemühen konnten. Zusammen weinen konnten wir nicht. Mein Vater war gelähmt vor Entsetzen und zog sich zurück. Komischerweise, das konnte ich irgendwo verstehen. Da hatte er sich nun endlich einmal als alter Mann geöffnet, um dann sofort mit so einem Verlust konfrontiert zu werden. Der Kleine fragte zwar oft nach Opa, aber die Präsenz der anderen Familie ließ es ihn nicht so merken, dass der immer seltener kam. Hoffentlich. Vielleicht wünsche ich mir das auch nur.
Allerdings haben beide über hunderte von Kilometern ihren Abschied nicht verpasst. Mein Vater wollte es zwar fast vermeiden, aber der Kleine wartete auf seinen letzten Besuch, das war für beide doch zu wichtig.
Nach dem Tod des Kleinen verschloss sich mein Vater sofort, mit aller Heftigkeit. Bereits anlässlich der Beerdigung konnte er mich wieder nur angreifen, weil ihn die äußere Form der Trauerfeier nicht gefiel. „Immer muss sie was besonderes haben“ schnaubte er zu meiner Mutter, als er meinte, ich würde es nicht hören.
Jahre später muss man sagen, in unserer Familie ist alles beim Alten. Vielleicht hätten wir eine Chance zur Veränderung gehabt, wenn nicht so schnell der Tod uns von dem Kleinen getrennt hätte, vor allem meinen Vater von seinem besonderen Enkel.
Aber die Beziehung der beiden hat gezeigt, wie sehr das Erleben einer schweren Krankheit das Leben in einer Familie verändern kann. Auch wenn mein Vater sich nur kurz nach außen öffnen konnte, in seinem Herzen lebt der Kleine bestimmt.
Vielleicht hätten auch meine Mutter und mein Bruder und ich unsere Chance gehabt, wenn die Zeit nicht so kurz gewesen wäre.
Aber vielleicht galt das Bemühen der Seele unseres Kleinen Prinzen auch vor allem seinem Großvater.

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11.02.2007, 12:09
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für großeltern ist es meist immer ein extremer schock mit den behinderungen des enkelkindes klar zu kommen.
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