wege finden in besonderen Lebenslandschaften
Wege
finden
in besonderen Lebenslandschaften
Die schwere, chronische Erkrankung eines Kindes bedeutet immer einen tiefen Einschnitt im Leben einer Familie. Eltern und Kinder müssen fortan ständig versuchen, eine Balance zu finden zwischen den Erfordernissen, die die Krankheit an das Leben der Familie stellt, und den Bemühungen, trotz dieser Herausforderungen einen Weg im veränderten Leben zu finden, der allen Familienmitgliedern auch weiterhin Chancen für Wohlbefinden und eine eigene Entwicklung gewährt.
Die Suche danach verlangt von den betroffenen Familien Kraft, Ausdauer, Mut und die Bereitschaft, bisher unbekannte Wege und Richtungen einzuschlagen, die oft äußerlich und innerlich weit weg führen von der bisherigen Lebensplanung. Die Bereitschaft zu Umwegen, zum Durchqueren unwirtlicher Gebiete wird fortan von den Familien gefordert sein, vielleicht ihr Leben lang.
Ohne dieses schwere Vorhaben beschönigen oder gar bagatellisieren zu wollen, die Bilder und Symbole im folgenden Artikel wollen versuchen, Familien auf der Suche nach besonderen Lebenswegen ein wenig zu ermuntern.
Welche Wegweiser kann es geben, um sich nicht zu verirren bei dem vergeblichen Versuch durch trügerische Sümpfe wieder sofort auf alte Hauptstrassen zu gelangen oder resigniert an einer Stelle zu verharren. Was kann behilflich sein auf der Suche nach unbekannten Wegen und Pfaden, die zu Orten führen, wo ein besonderes Leben möglich ist.
Die Hauptstrassen verlassen müssen
Das „normale“ Leben vor der Geburt eines kranken Kindes gleicht oft der zumeist geradeaus führenden und vorbestimmten Fahrt auf einer Autobahn oder Hauptstraße. Diese Reise wird grundsätzlich durch Ampeln, Verkehrszeichen und unzählige Hinweisschilder geregelt. Findet jemand einmal nicht gleich den richtigen Weg, gibt es immer noch Straßenkarten oder auskunftswillige Passanten, die einen auf die Hauptstraße zurückführen.
Wird ein besonderes Kind geboren, entsteht jedoch bei vielen Betroffenen das Gefühl, sie sind von der Autobahn des Lebens abgekommen, während alle Anderen an ihnen vorbeirasen. Sie selbst stehen hilflos auf der Standspur oder einem zugigen Parkplatz und bekommen nur noch die Abgaswolken der stetig Weiterreisenden ins Gesicht geblasen. Erscheint schließlich die eigene Weiterfahrt als unumgänglich, offenbart sich diese meist als langer beschwerlicher Umweg, der ausschließlich in unbekannte Gebiete über dunkle, unsichere Nebenstraßen oder gar durch unerschlossenes Gelände führt.
Die Idee des schnellen Vorankommens ist in unserem Kultur- und Lebenskreis tief in den Menschen und Ihren Vorstellungen von Glück und Leben verankert. So werden persönliche wie gesellschaftlich Etappensiege immer wieder stolz öffentlich verkündet. Wer kennt sie nicht, die Sparkassenreklame, die es auf den Punkt bringt:
mein Haus, mein Auto, meine Frau, meine Kinder ...
Wer mag denn da schon dagegenhalten:
meine Verzweiflung, meine Auseinandersetzung mit der Krankheit, mein Alltag zwischen Pflege und durchwachten Nächten.
Wir sind alle großgeworden in dieser gesellschaftlichen Stimmung, die uns nicht ermöglicht hat, Schmerz und Leid als einen Bestandteil des Lebens kennen zu lernen. Oft wird Glück gleich gesetzt mit äußerem Erfolg. Dass auch ungeplante oder negative Ereignisse positive Impulse geben können, bleibt unberücksichtigt. Stattdessen sind wir in dem Glauben erzogen worden, dass wir das Steuer nur fest genug in der Hand behalten müssen, um unseren Lebensweg wie vorgesehen befahren zu können. Diese Zielstrebigkeit führt jedoch dazu, dass immer mehr Menschen unbeirrt auf den Hauptstraßen weiterfahren, ohne die Anderen zu sehen bzw. zu beachten, die aus den verschiedensten Gründen am Wegesrand liegen bleiben. Der Gedanke, Pannenhilfe zu leisten, wird erst gegenwärtig, wenn sie selbst benötigt wird.
Ein Innehalten neben oder ein Verlassen der Hauptstrassen bereitet Angst. Zu wenig sind die Wege abseits dieser Strecke erkundet. Es existieren scheinbar zu wenige Wegweiser für diejenigen eine Orientierung zu geben, die sich auf den mühsamen Weg in das unbekannte Gebiet machen müssen. Zwar gibt es Menschen, die zuvor diese Reise antreten mussten und nachfolgenden Betroffenen aufgrund ihrer Erfahrungen Warnungen hinterlassen haben. Jedoch nutzen diese nur, wenn sie nicht übersehen oder ignoriert werden.
Zu Beginn der neuen Lebenssituation oder in akuten Krisensituationen ist es völlig normal, am Rande der Strecke stehen zu bleiben und resigniert auf die Überholspur und die vorbei rasenden Anderen zu schauen. Auf Dauer führt dies jedoch zu einer erstarrten Lebenssituation, es entstehen Neid, Verbitterung und Einsamkeit. Genauso sinnlos ist es, immer wieder zu versuchen, für eine kurze Zeit im allgemeinen Strom mitzurasen, um jedes Mal erschöpft aufgeben zu müssen.
Die Betroffenen quält dabei nicht nur die reale Aufgabe ihrer bisherigen Ziele. Zu den sehr konkreten Sorgen um Arbeitsplatz, Arbeitslohn, bröckelnde soziale Aktivitäten gesellen sich noch die nagenden Gedanken, was übrigbleibt von der eigenen sozialen Identität, wie die Umwelt die verhinderte Lebensplanung bewertet.
Zu den hiesigen gesellschaftlichen Vorstellungen über Glück und Erfolg gehört eben die Vorstellung, einmal ins Auge gefasste Ziele nicht aufzugeben, eben kein „Loser“ zu sein. Es ist eine wenig anerkannte und gelebte Auffassung, dass sich Stärke und Mut genau am Gegenteil beweisen können, daran, dass man Vorstellungen und Pläne auch aufgeben kann. Dabei zeigt gerade derjenige, der lernen kann, dass sich Lebenspläne selbst bei großem persönlichen Einsatz auch nicht erfüllen können, mehr Substanz, mehr Mut, als derjenige, der verbissen und um jeden Preis an seinen ursprünglichen Plänen festhält. Es braucht Einiges, den Schritt des Loslassens von Teilen des „alten“ Lebens zu vollziehen. Die Charakterstärke eines Menschen zeigt sich aber schließlich nicht im Verlieren oder Gewinnen an sich, sondern darin, ob er Wege findet, für sich Glück oder Scheitern zu verarbeiten.
Die Tiefen der Gefühle
Meist braucht es eine Weile, bis die Betroffenen sich eingestehen können, dass der zugige Parkplatz keinen dauerhaften Schutz mehr bietet. Die Hauptstrasse muss verlassen werden. Vielfach ist es der Mut der Verzweiflung, der zum Aufbruch drängt. Wie soll es nun weitergehen? Die gewohnte klare Beschilderung der Hauptstrasse ist auf den Nebenstrassen nicht zu finden.
Um die kleinen Wege in der Lebenslandschaft zu finden und unbekannte Gebiete zu durchqueren, gibt es als Hilfsmittel nur einen Kompass: die Bereitschaft, in sich hinein zu horchen und zu versuchen, die Stimmung der Gefühlswelt wahr zu nehmen. Andernfalls besteht die Gefahr, immer wieder stecken zu bleiben in den trügerischen Sümpfen der Verdrängung und des Selbstbetrugs am Rande der großen Strasse. Oder es können keine Berggipfel mehr gesehen werden, weil sie vom Nebel der Gefühllosigkeit und Starre verhüllt sind.
Das Bemühen, die Gefühle zu erkennen und ernst zu nehmen, ist nicht nur unabdingbar, um zu entdecken, welche neuen Wege sich abseits der Hauptstrassen befinden. Es ist auch der einzige Schutz, um auf steinigen, harten Wegstrecken nicht selber zu verhärten.
Gefühle wahr zu nehmen und nicht zu unterdrücken ist die einzige Möglichkeit, gleichzeitig sich selber nicht zu verlieren und trotzdem die Nähe zu dem kranken Kind, zu der Familie, zu Freunden zu gestatten. Denn Gefühle lassen sich schlecht spalten, das heißt an einer Seite weggedrückt und an der anderen Seite gezeigt werden. Unterdrückte Gefühle aber, nicht geweinte Tränen, weg geschobene Aggressionen, nicht eingestandene Kränkungen werden sich nach einer gewissen Zeit zerstörerisch an einer anderen Stelle in den Weg stellen. Auch jede hektische Aktivität, jede vermeintliche Autonomie, die Angst und Traurigkeit leugnet, muss äußerlich bleiben.
Wer bereits an dem Punkt ist, z.B. in einem durchrationalisierten Alltag, innere Gefühle und Wünsche nicht mehr erspüren zu können oder Angst hat, er könne es nicht verkraften, all die niedergehaltene Energie hoch kommen zu lassen, dem kann es helfen, sich Wegbegleiter zu suchen: welche Art der professionellen Unterstützung oder welche Art des Austauschs, z.B. in Selbsthilfegruppen, der Einzelne wählen mag, das ist eine Frage der persönlichen Wünsche und Vorlieben. Wichtig ist nur, nicht weiter zu eilen ohne den Höhen und Tiefen der Gefühle Beachtung zu schenken. Denn sie zu erkunden ist die Voraussetzung, um sich den weiteren Weg zu möglichem Neuen zu bahnen und nicht irgendwann im kalten Nebel der Gefühllosigkeit herum zu irren.
Die sicheren, guten Orte an den Kraftquellen
Sind die ersten Gefühlstiefen der Depression und der Verzweiflung abseits der verlassenen Hauptstrasse durchkämpft, wird die Strecke ab und an einfacher. Die Erfahrung, dieses Stück Weg geschafft zu haben, macht zumindest gelassener für kommende schwierige Abschnitte. Die Landschaft erscheint grüner, die ersten sanften Hügelketten sind zu erkennen, das Bedürfnis entsteht, sie hinauf zu rennen. Von dort aus sind erste Aussichten in neue Lebensebenen möglich, die den Blick zurück nicht mehr so schmerzen lassen.
Allerdings sollte vermieden werden, in dem neuen Gelände gleich wieder die alte Fahrweise, das alte Marschtempo zu erproben. Zu groß wäre die Gefahr, kleine, zunächst unscheinbare Wege und Orte zu übersehen, die sich zu allen Seiten hin eröffnen.
Mit Gelassenheit, Geduld und Achtsamkeit wird der Suchende diese besonderen Orte finden: der kleine Augenblick, dort, wo für die Familie die Wolkendecke aufreißt, das kleine Wunder, direkt neben dem kleinen Fortschritt, dort, wo für einen Moment strahlender Sonnenschein herrscht. Es lohnt sich für die Reisenden, inne zu halten und diese Sonnenstrahlen zu tanken. Vielleicht tauchen für einen Moment Erinnerungen an Situationen auf, in denen sie sich schon einmal so gefühlt haben, als kleines Kind bei der Großmutter, als Jugendlicher allein im ersten Auto, beim Sport, bei der Lektüre des liebsten Buches. Und mit einem Mal erkennen sie, dass sie die sicheren, guten Orte wieder gefunden haben, die immer entlang ihres Lebensweges an den Kraftquellen gelegen haben.
Menschen, die traumatische Erlebnisse vergleichsweise gut überlebten, berichteten anschließend oft davon, dass sie sich in ihrer Vorstellungskraft an einem Ort befunden haben, an dem ihnen eine Person, ein Raum, ein Buch, ein Lied aus der Kindheit oder ähnliches Schutz und Unterstützung gewährt hat. Dass sie sich dieses Erleben in ihrer Vorstellung erhalten und auf spätere Momente übertragen konnten, verlieh ihnen Kraft in der schweren Gegenwart. Das innere Beziehen auf einen individuell bedeutsamen Ort, das erneute gedankliche Durchleben von schönen Ereignissen schenkt nachweislich immense Kraftressourcen.
Diese guten Orte können um so leichter gefunden werden, wenn die Reisenden sie regelmäßig, vielleicht täglich besuchen, und sei es nur für eine kurze Zeit. So kurz ihnen der Aufenthalt auch erscheinen mag, vielleicht konnten sie nur ein Bild betrachten, einen Spruch bedenken, eine innere Zwiesprache mit der Großmutter halten, wie das kleine Kind ein Stoßgebet seufzen, beim Verlassen des guten, inneren Ortes wird ihnen aber immer ein Gefühl der Zuversicht mitgegeben.
So gestärkt kann der Weg fortgesetzt werden.
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