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  #1  
Alt 15.04.2006, 19:50
Nancy
 
Beiträge: n/a
Standard Legasthenie/Dyskalkulie

Legasthenie und Dyskalkulie


Können Sie sich vorstellen, dass es Menschen gibt, die nicht in der Lage sind, richtig Lesen oder Schreiben zu lernen?
Jürgen Fliege z. B. ist ein erfolgreicher Moderator, der täglich mit seiner Talkshow im ARD-Programm zu sehen ist. Dass Jürgen Fliege wie vier Millionen Deutsche große Probleme hat ein Buch zu lesen oder einen Brief zu schreiben, ist bisher nur wenigen bekannt.
Diese Schwäche wird als Legasthenie bezeichnet. Legastheniker merken schon als Kinder in der Grundschule, dass sie sich bestimmte Buchstaben nur schwer merken können und viele Schreibfehler machen. Sie haben zwar eine durchschnittliche Intelligenz, werden aber immer wieder als dumm eingruppiert. Die Folge ist häufig die Einschulung in eine Sonderschule. Später, als Erwachsene, arbeiten sie meistens als Hilfsarbeiter oder sind ohne Job. Wenn aber bereits Kindern mit Lese- und Rechtschreibschwäche Geduld, Vertrauen und Verständnis entgegengebracht werden würde, hätten auch Legastheniker gute Chancen, Schule und Beruf zu meistern.
Die Weltgesundheitsorganisation definiert die Lese-Rechtschreibschwäche (häufig mit LRS abgekürzt) als eine umschriebene Entwicklungsstörung der Lese und Schreibfähigkeiten. Kinder, die an dieser Schwäche leiden, zeichnen sich zwar durch ansonsten gute Leistungen aus, beim Lesen und Schreiben haben sie indes immense Schwierigkeiten. Legasthenie ist keine Krankheit, sie ist eine Schwäche des Gehirns. Buchstaben, Wörter und Schreibregeln können von Legasthenikern nicht auf Kommando abgerufen werden.
Als Ursache für LRS werden genetische Einflüsse oder Schädigungen während der Schwangerschaft und Geburt genannt. Die Informationsverarbeitung im Gehirn ist teilweise gestört. Das Elternhaus und das Umfeld des Kindes dagegen haben bezüglich der Ursachen der Störung nur wenig Bedeutung. Untersuchungen haben ergeben, dass zumindest die Anlage, an einer Teilleistungsstörung wie der Legasthenie zu erkranken, vererbt wird. Davon Betroffene leiden oft ein ganzes Leben lang daran.
Die Speicherung von Wörtern ist bei Legasthenikern nicht "normal". Trotz Übens werden immer die gleichen Fehler gemacht. So werden häufig klangähnliche Konsonanten wie d und t oder p und b verwechselt. Es gibt Schwierigkeiten bei der Differenzierung sehr ähnlicher Wörter wie z. B. "den" und "denn". Aber auch die Groß- und Kleinschreibung bereitet Legasthenikern ebenso Probleme wie die Anwendung von Grammatikwissen. Die Reihenfolge der Buchstaben im Wort ist falsch. Häufig werden Buchstaben oder ganze Worteile vergessen oder verdreht. Ein und dasselbe Wort wird auch nach mehrjähriger Übung unterschiedlich fehlerhaft geschrieben. Sie müssen jedes Mal neu entscheiden, wie sie etwas schreiben, aber auch, wo nach den Regeln der Grammatik Satzzeichen hingehören.
Diese Entscheidung kann dadurch beeinflusst werden, wie bewusst die Speicherung eines bestimmten Wortes verlaufen ist. Je bewusster dieser Vorgang ablief, desto höher ist der korrekte Abruf. Durch bestimmte Situationen wie Stress und Druck werden aber doch wieder Fehler gemacht. Allerdings ist es so, dass "schwere" Wörter leichter abgerufen werden können als "leichte". Das liegt einfach an der bewussteren Speicherung solcher Wörter. Jedoch hält eine solche Speicherung nicht lange an. Es wird einfach vergessen, wie ein bestimmtes Wort geschrieben wird.
Beim Lesen äußert sich die Schwäche insofern, dass Worte oder Wortteile ausgelassen, ersetzt, verdreht oder hinzugefügt werden. Die Lesegeschwindigkeit ist niedrig. Bevor ein Legastheniker anfängt zu lesen, versucht er es herauszuzögern. Er verliert die Zeile im Text, vertauscht Wörter im Satz oder einzelne Buchstaben innerhalb eines Wortes. Das Gelesene kann nur schwer wiedergegeben werden, der Sinn des Gelesenen wird häufig nicht erkannt.
Doch wodurch wird eine solche Lese- und Rechtschreibschwäche bedingt?
Man weiß inzwischen, dass manche Legastheniker unter Winkelfehlsichtigkeit leiden. Das bedeutet, vereinfacht ausgedrückt, dass die zwei Abbildungen, die von beiden Augen weitergeleitet werden, nicht zur Deckung gebracht werden. Im günstigen Fall wird das schlechtere Bild einfach unterdrückt, im schlechteren Fall erscheinen Doppelbilder, die den Leseprozess natürlich erheblich stören. Ein weiteres mögliches Problem ist der rasche Blicksprung von einer Buchstabengruppe zur nächsten. Die Wahrnehmung ist unscharf und verschwommen.
Inzwischen wird auch die Dyskalkulie immer offener diskutiert. Dabei handelt es sich um eine Rechenschwäche, die auch häufig als Arithmasthenie, als Zahlenkrankheit bezeichnet wird. Bei diesen Menschen ist es so, dass sie anstelle der Gesetze und Regeln der Mathematik häufig eigene Regeln gesetzt haben, die bei einem Teil von Rechenaufgaben zu richtigen Resultaten führen. Häufig wird deshalb Dyskalkulie gar nicht erkannt, da ja das Ergebnis stimmt. Wenn man diese Menschen aber laut vorrechnen lässt, bemerkt man ihre etwas anderen Gedankengänge und Wege zur Lösung.
Der Ursprung der Dyskalkulie liegt meist in der Grundschulzeit. Es gibt Hinweise, dass eingesetzte Veranschaulichungen oft nicht ihren Zweck erfüllen, Verständnis zu erzielen und zu fördern. 'Veranschaulichungen' können Probleme erzeugen, weil sie stark kontext- und vorwissen-abhängig sind. Der Schüler kann die verwendeten Veranschaulichungen nicht oder nicht richtig einordnen.
Das Erscheinungsbild einer Dyskalkulie kann sehr unterschiedlich sein. Doch immer wieder kann man feststellen, dass Menschen, die unter Dyskalkulie leiden, Mengen nicht sofort erkennen können. Sie sehen z. B. die Augen auf einem Würfel, müssen diese aber erst abzählen, um sagen zu können, wie viele es sind. Ein weiteres Problem ist, dass das Zahlwort drei nicht mit der Ziffer 3 oder einer Menge von drei in Beziehung gesetzt werden kann. Auch sind Begriffe wie mehr und weniger, dazu und weg oder größer und kleiner unklar. Sie sagen für die Betroffenen nicht das aus, was wir darunter verstehen.
Die Position von Zehnern und Einern wird häufig vertauscht. Zudem werden größere Zahlen in der Reihenfolge geschrieben, in der sie auch gesprochen werden. Die Zahl dreitausendvierhundertsechsundzwanzig wird dann als 34620 geschrieben, also für uns als die Zahl vierunddreißigtausendsechshundertzwanzig. Es ist für Menschen mit Dyskalkulie schwierig, Nachbarzahlen zu sagen, z. B. dass zwölf und vierzehn die Nachbarzahlen von dreizehn sind. Sie können nur schwer vergleichen, welche Zahlen größer oder kleiner sind. Es wird immer versucht, konkrete Zählhilfen zu haben, z. B. die eigenen Finger, Stifte oder Steine. Die Grundrechenarten, die für uns ganz geläufig sind - also Addieren, Subtrahieren, Multiplizieren und Dividieren - werden häufig verwechselt. Bei Textaufgaben oder anderen Situationen, in denen die eigentliche Aufgabe aus einem Text entnommen werden muss, wird der Sinn nicht verstanden, es wird willkürlich herumgerechnet. Selbst das uns so geläufige Einmaleins kann nicht zufrieden stellend gelernt werden.
All diese Probleme erschweren das alltägliche Leben für Menschen mit Dyskalkulie erheblich. Die Rechenschwäche schränkt sie im Umgang mit Geld ein, aber auch beim Umgang mit Größen, mit Zeit, mit Längen und Gewichten. Wenn man sich einen normalen Einkaufsgang vor Augen hält, wird einem bewusst, wie häufig wir mit Zahlen zu tun haben. Wir müssen den Bus zu einer bestimmten Zeit nehmen, um das von uns gewünschte Ziel zu erreichen. Anschließend müssen wir im Laden selbst entscheiden, wie viel wir von den einzelnen Nahrungsmitteln oder Dingen kaufen. Wie soll man entscheiden, ob ein Kilogramm Fleisch reicht, wenn ich absolut keine Vorstellung davon habe, was ein Kilogramm bedeutet? Oder wenn man pro Person ca. 75 g Reis rechnet, ist es für uns nicht schwierig auszurechnen, dass man für vier Personen 300 g bräuchte. Doch aufgrund seiner Rechenschwierigkeiten ist das für einen Menschen mit Dyskalkulie im schlimmsten Fall unmöglich. Auch das Überschlagen von Preisen, der Bezahlvorgang an der Kasse ist für ihn jedes Mal ein schwerwiegendes Problem.
Die Rechenstörung ist ebenso wie die Legasthenie ein international anerkanntes Störungsbild, das auch im internationalen Klassifikationskatalog für Krankheiten inzwischen definiert ist.
Sowohl Legasthenie als auch Dyskalkulie sind Teilleistungsschwächen, die das alltägliche Leben der davon betroffenen Menschen sehr schwierig gestalten können. Doch es gibt viele positive Beispiele von Menschen, die es trotz dieser Einschränkungen gut geschafft haben, ihr Leben zu meistern und bei anderen große Anerkennung und einen bestimmten Bekanntheitsgrad zu genießen. Zu ihnen gehört der bereits oben erwähnte Jürgen Fliege. Aber auch Albert Einstein war Legastheniker, ebenso wie Leonardo da Vinci, der schwedische König Karl Gustav, John F. Kennedy oder Walt Disney. Sogar Hans Christian Andersen, dem wir viele wunderschöne Märchen verdanken, wird zu den Legasthenikern gezählt. Sie alle ließen sich nicht von der Teilleistungsschwäche einschränken und haben ihr Leben trotz ihrer Einschränkungen gemeistert.
Unter www.zahlbegriff.de/rechenschwaeche.html finden Sie eine umfangreiche Sammlung von Dyskalkuliezentren.


Quelle:www.behindertenecke.de

Geändert von Nancy (22.10.2006 um 23:25 Uhr). Grund: Vertipper in der Überschrift
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  #2  
Alt 15.04.2006, 22:26
Benutzerbild von Mary
Mary Mary ist offline
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Registriert seit: 28.03.2005
Ort: Dortmund
Beiträge: 10.995
Standard

Liebe Nancy,

das ist ein sehr wichtiger Beitrag. Ich selbst bin Legasthenikerin.

Das merkt man nicht, oder?

Ich hatte das große Glück, auf sehr engagierte Lehrer zu treffen. Bei mir wurde das in der 5. Klasse entdeckt und ich wurde hier besonders gefördert. Der Unterricht war sehr gut und kindgerecht. Wir haben mit Rätseln, die es zu lösen gab, jede Menge Spaß gehabt und viel gelernt.

Daher möchte ich Eltern und Betreuern an dieser Stelle sagen: durch gezielte Förderung ist es durchaus möglich, Legasthenie zu überwinden.

Fördern und Fordern sollte die Devise sein - ich habe andere in meinem Alter erlebt, wo dann Rechtschreibfehler immer damit entschuldigt wurden ... es wurde nicht gefördert (oder nur halbherzig) und gar nicht gefordert. Man sollte von jedem Menschen das bestmögliche an Leistung fordern.

Genauso halte ich es auch mit meiner Tochter - natürlich müssen die Maßstäbe individuell angelegt werden.

Bei diesem Text fällt mir übrigens ein für mich immer wieder schwieriges Wort auf: "Individuum" bzw. hier im Text "individuell" ... da neige ich immer wieder dazu, Buchstaben zu vertauschen ...

Trotzdem: ich denke, man bemerkt nicht, dass ich Legasthenikerin bin.

Noch ein Tipp für das Sprachverständnis im Allgemeinen:

Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die Probleme mit dem Sprachverständnis und der Grammatik haben, kann ich aus eigener Erfahrung ans Herz legen, Latein zu lernen.

Latein ist sehr logisch aufgebaut und durch das Erlernen von Latein reflektiert man die eigene Muttersprache. Dies habe ich bei Englisch nicht so erlebt wie im Lateinunterricht.

Auch muss der Lateinunterricht nicht öde und langweilig sein. Wir hatten ein wunderschönes Lesebuch mit herrlichen Geschichten. Wenn ich es einmal wiederfinde, stelle ich es unter Büchertipps vor.

Ich wünsche allen Betroffenen gutes Gelingen ...

LG

Mary
__________________
... schön Dich zu lesen ...


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  #3  
Alt 15.04.2006, 22:47
Nancy
 
Beiträge: n/a
Standard

Liebe Mary,

daß Du Legasthenikerin bist, merkt wirklich niemand,
(ich denke, ich spreche hier für alle, die Dich lesen).

Du hattest sicher eine prima Förderung und hast das
klasse hinbekommen!

Latein lernen- gut möglich, daß das eine gute Chance ist, mit dem Buchstabenspiel klarzukommen, logisch ist die Sprache auch....
(ich hab das Fach in der Schule abgewählt und
gegen Französisch getauscht), ich glaube aber, man muß Interesse an Latein haben und Geduld mitbringen,
weil es ein reines "Paukfach" ist.

Den Tipp gebe ich gerne weiter an Interessierte, Deine
Argumente sind recht einleuchtend.

LG
Nancy
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  #4  
Alt 15.04.2006, 23:20
Benutzerbild von Mary
Mary Mary ist offline
Teammitglied - Entscheidungsträger
 
Registriert seit: 28.03.2005
Ort: Dortmund
Beiträge: 10.995
Lächeln *eine Lanze breche für Latein*

Liebe Nancy,

ja, Latein hat den Ruf ein reines Paukfach zu sein. Aber das ist - wie immer - auch eine Frage der Lehrerschaft

Wenn Du nämlich richtig viel Spaß hast, merkst Du gar nicht, dass Du paukst ...

Aber ich möchte jetzt nicht hier als "Überflieger" stehen ... tatsächlich habe ich kein Latinum und meine letzte Note (ich hatte inzwischen auf ein altsprachiges Gymnasium gewechselt ... ) war dann eine 5.

Trotzdem würde ich auch heute wieder meine Entscheidung für Latein treffen. (Ich habe das als Kind selbst bestimmt, was ich lerne)

Der Fehler lag im Schulwechsel zu dem betreffenden Gymnasium (wobei ich nichts über den dortigen Lateinlehrer kommen lasse - der war klasse!). Das Klima dort und meine persönliche Lebenssituation in der Zeit haben dazu geführt, dass ich keine Leistungen mehr erbracht habe.

Als Nachlese: wäre ich ab der 5. Klasse an dem betreffenden Gymnasium gewesen, hätte ich wohl nie die Chance erhalten, die Legasthenie in den Griff zu bekommen ...

LG

Mary
__________________
... schön Dich zu lesen ...


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  #5  
Alt 15.04.2006, 23:25
Nancy
 
Beiträge: n/a
Standard

Liebe Mary,

Du hast vollkommen Recht!
Vieles liegt an der Lehrerschaft(unser Lateinlehrer war.........).

Du hast verdammt viel Glück gehabt, Dein Ehrgeiz, Dein Umfeld...

Leider kenne ich, zum Teil noch Kinder, die zwar spezielle Förderung aufgrund ihrer Legasthenie erhalten, die Erfolge sind spärlich.

LG
Nancy
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