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Alt 19.07.2007, 10:36
Nancy
 
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Standard Deutschlands erster Lagerist ohne Augenlicht

Deutschlands erster Lagerist ohne Augenlicht



Veitshöchheim/Sulzbach an der Murr (kobinet) Volker Mooz arbeitet wieder bei Erkert in Sulzbach an der Murr und ist damit Deutschlands erster Lagerist ohne Augenlicht.

"Am Anfang haben wir uns das auch kaum vorstelen können", bekennen Klaus Schittenhelm und Michael Schmid von der Hermann Erkert GmbH. Die Rede ist von Volker Mooz, der seit über 20 Jahren bei dem württembergischen Automobilzulieferer in Sulzbach an der Murr arbeitet. Als der 49-Jährige vor rund drei Jahren nach einer Routineoperation plötzlich nahezu erblindete, rechnete keiner so richtig mit dessen Rückkehr zum angestammten Arbeitgeber. Seit einigen Monaten ist Volker Mooz wieder da und macht seinen neuen Job im Lager so, als wäre nichts gewesen. "Nachdem er am Berufsförderungswerk (BFW) Würzburg die Punktschrift erlernte, arbeitet er nun als Deutschlands erster Lagerist, der ohne Augenlicht klar kommt", heißt es in einer Pressemitteilung des BFW Würzburg.

"Der jetzige Erfolg steht und fällt mit dem unbedingten Willen von Volker Mooz", sagen Direktor Hubert Seiter und Fachberater Engelbert Lohmann von der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Baden-Württemberg. Volker Mooz ließ als dreifacher Familienvater von Anfang an keinen Zweifel daran, dass er unbedingt zurück in den Beruf möchte. "Den Kopf in den Sand stecken, ist nicht mein Ding. Ich wollte trotz meines Handicaps so schnell wie möglich wieder arbeiten", erläutert der gelernte Maschinenbaumeister, warum er so viel Biss zeigte. Schon wenige Wochen nach dem Schicksalsschlag war er sich sicher: "Ich versuch´s noch mal!". Schnell knüpfte er den Kontakt zu Engelbert Lohmann von der DRV, der sich rasch mit den Experten des BFW Würzburg in Verbindung setzte.

"Bei einem konstruktiven Gespräch mit dem Betroffenen, Arbeitgebervertretern, der DRV und dem BFW wurde ein gemeinsames Konzept erarbeitet, das 100 Prozent aufging und nun im neuen Aufgabengebiet von Herrn Mooz mündet", erinnert sich Bruno Kuhn vom Arbeitsmarktservice des BFW Würzburg. Kuhn kümmert sich mit zwei Kolleginnen um die berufliche Perspektive der Absolventen des unterfränkischen Bildungszentrums, das auf die berufliche iedereingliederung von blinden und sehbehinderten Erwachsenen spezialisiert ist. Meist ist es so, dass im Anschluss an das Erlernen der Punktschrift ein komplett neuer Beruf erlernt wird. Das Spektrum umfasst über fünfzehn Berufe, reicht von Informatikkaufleuten bis zu Call-Center-Agents. "Über 70 Prozent unserer Teilnehmer gelingt der Sprung zurück in den Job", betont Kuhn nicht ohne Stolz.

Volker Mooz hatte mit einem bestehenden Arbeitsverhältnis und der sozial eingestellten Erkert-Geschäftsführung also Glück im Unglück, heißt es in der Pressemeldung des BFW. Einfach war der Weg zurück in den Beruf jedoch auch für ihn nicht. "Vor meiner Erkrankung war ich als Werkzeugmeister in der Schärferei eingesetzt, dahin konnte ich mit meinem minimalen Sehrest von gerade einmal zwei Prozent nicht zurück", gibt Volker Mooz zu Bedenken. "Mein Glück war das Entgegenkommen meines Arbeitgebers und dass die einzelnen Beteiligten sehr schnell an einem Tisch saßen", weiß er heute.

Sehr bald wurde, nach dem Erlernen der Punktschrift im BFW Würzburg ein neuer Arbeitsplatz im Lagerbereich ins Auge gefasst. Volker Mooz heutige Aufgabe ist es, hausinterne Werkzeuganforderungen abzufragen, die benötigten Materialien auszulagern und zur Abholung bereitzustellen. Die Arbeit blindheitsgemäß durchzuführen, ist jedoch nicht alltäglich. Um ihn in die Lage zu versetzen, ohne fremde Hilfe zu arbeiten, mussten im Vorfeld einige Hindernisse überwunden werden: So war zunächst geplant, die bis dahin auf Papier angeforderten Werkzeugbestellungen mittels Einscannen und Schrifterkennung zu übersetzen. Mooz sollte dann über eine Sprachausgabe und einen drahtlosen Kopfhörer die bestellten Artikel ins Ohr "souffliert" werden. Doch der Scanner konnte die wenigsten handschriftlichen Dokumente entziffern. Kurzerhand stellte man auf die Bestellung mit Computer um und die EDV-Abteilung der Erkert GmbH programmierte eine eigene barrierefreie Anforderungmaske. Mit erfreulichem Ergebnis: Volker Mooz kann die eingehenden Bestellungen nun wie angedacht mit dem Kopfhörer abarbeiten, der neue Bestellungsmodus ist schneller als zuvor, die Fehlerquote niedriger. Eine zweite Hürde konnte durch das Umprogrammieren der automatischen Sendeliste übersprungen werden, weitere Hindernisse wurden täglich neu umschifft.

Der Aufwand hat sich gelohnt: Mit Sprachausgabe und Laserpistole identifiziert Volker Mooz heute Woche für Woche hunderte verschiedene Materialien, lagert sie fehlerfrei aus und versendet die Ware hausintern - ohne sie richtig zu sehen. "Als ich hörte, dass der erblindete Herr Mooz die Werkzeugausgabe mit Verbuchung und Entnahme der Werkzeuge aus dem rollierenden Pater-Noster-Lager mit tausenden von Wendeplatten, Bohrern, Gewindeschneidern oder Schrauben etc. übernimmt, konnte ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, wie das funktionieren soll", erzählt Michael Schmid. Heute weiß er: "Es funktioniert". Tatsächlich kommt Volker Mooz jeden Tag besser klar. "Meine Aufgabe ist es zum Beispiel, aus Ebene 7, Regal 5, Fach 12, zehn Wendeplatten ww040027 herauszuholen", erläutert er und wendet sich dem meterhohen Paternoster zu. "Den Lagerort sagt mir die Sprachausgabe auf´s Ohr. Die Ware selbst kontrolliere ich mit meiner Laserpistole und entsprechenden Barcode-Aufklebern an jedem Lagerort", beschreibt er lapidar seine neue Aufgabe, während er routiniert die Laserpistole ansetzt. Dann nickt er zufrieden und fügt an: "Insgesamt hätte es in der Abstimmung von DRV, BFW und Erkert nicht besser laufen können. Alle haben prima mitgezogen."

Zufrieden mit der Wiedereingliederung des routinierten Mitarbeiters ist auch Arbeitgeber Erkert. In der Führungsetage hat sich der 49-Jährige - wie bei seinen rund 700 Arbeitskollegen - gehörig Respekt verschafft. Michael Schmid bestätigt: "Volker hat sich in seiner positiven und kollegialen Art überhaupt nicht verändert. Zu keiner Zeit hat er mit seinem Schicksal gehadert. Davor zieht jeder von uns den Hut," heißt es in der Presseinformation des BFW Würzburg.
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