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  #1  
Alt 31.05.2006, 17:48
Nancy
 
Beiträge: n/a
Standard Lebenshilfe - Zoo: tierisch gut

Interview mit Dieter Labudde, dem Geschäftsführer der Lebenshilfe Bördeland
Herr Labudde, warum betreibt die Lebenshilfe in Staßfurt ausgerechnet einen Zoo?
Wir werten es als großen Erfolg, dass Werkstattmitarbeiter jeden Tag mit Freude zu ihrer Arbeit im Tiergarten kommen. Einige davon haben vorher in anderen Bereichen unserer Werkstatt bei weitem nicht die Leistung und die Motivation gezeigt wie jetzt im Zoo.
Ein weiterer Aspekt ist der Imagegewinn für die Lebenshilfe durch den positiven Kontakt der behinderten Mitarbeiter zu den Besuchern.
Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee?
Entstanden ist das Ganze bei einem Gespräch mit dem Bürgermeister von Staßfurt, der wegen seiner leeren Kassen nicht mehr in der Lage war, den Zoo zu finanzieren. Das hätte für die Öffentlichkeit einen bedauerlichen Verlust an Freizeit und Erholung bedeutet. Und da habe ich gesagt, es wäre eine schöne Sache, das Problem zu lösen, indem wir für behinderte Menschen eine Arbeit mit Tieren anbieten.
Es folgten Gespräche mit dem Sozialministerium und der Agentur für Arbeit. Dort trafen wir auf offene Ohren.
Kannten Sie schon Zoos, die von der Lebenshilfe betrieben werden?
Nein. Aber später haben sich einige für unser Konzept interessiert. Inzwischen hat die Lebenshilfe Hamm einen Tiergarten übernommen. Auch von einigen Wildparks habe ich gehört. Einen richtigen Zoo haben aber nur wir.
Damit ergab sich übrigens die Lösung für ein anderes Problem: Wir wollen therapeutisches Reiten und tiergestützte Therapien anbieten. Bisher wussten wir nicht, wie an den Wochenenden und an Feiertagen die Tiere versorgt werden sollten – das geht jetzt im Zoo.
Waren die Staßfurter mit dem Wechsel im Zoo einverstanden?
Nachdem Ministerium und Agentur für Arbeit zugestimmt hatten, mussten wir den Antrag an die Stadt Staßfurt stellen, dass der Tiergarten in das Eigentum der Lebenshilfe übergeht. Natürlich gab es Pro- und Kontrastimmen.
Und die Tierpfleger?
Die Tierpfleger, die bei der Stadt unter Arbeitsvertrag standen, waren skeptisch in zweierlei Hinsicht: Was bringt es für Probleme, mit behinderten Menschen zu arbeiten? Und was erwartet uns, wenn wir zur Lebenshilfe als freiem Träger gehen? Manche waren schon 25 bis 30 Jahre mit Anerkennung der DDR im öffentlichen Dienst und sollten bei uns bei Null anfangen. Inzwischen haben die Mitarbeiter gemerkt, dass ihr Arbeitsplatz bei uns sicher ist.
Sie haben auch verstanden, dass behinderte Menschen die Arbeiten, die sie einmal gelernt haben, selbstständig ausführen. Es ist nicht so, wie die Tierpfleger damals dachten, dass sie permanent daneben stehen müssen.
Wie haben die behinderten Mitarbeiter auf Ihren Plan reagiert?
Für einige ging damit ein Traum in Erfüllung. Vor allem für einen unserer Mitarbeiter in der Werkstatt: Schon seit Jahren ging er nach der Arbeit zum Zirkus Probst, der in Staßfurt sein Winterquartier hat, um dort ehrenamtlich die Tiere zu versorgen.
Auf eine innerbetriebliche Stellenausschreibung konnte sich jeder bewerben, der gerne mit Tieren arbeiten wollte. Das war das Wichtigste: Es war ihr eigener Wunsch. Jetzt sind alle im Tiergarten sehr zufrieden und mit bester Motivation bei der Arbeit.
Wie kam Ihre Idee in der Öffentlichkeit an?
Wir sind in Staßfurt und Umgebung der größte Arbeitgeber und insofern recht bekannt. Es kamen positive Anrufe, aber es gab auch Äußerungen wie: Ein Tiergarten ist doch eine Aufgabe der Stadt! Uns wurde keine Kritik gegen die Lebenshilfe oder behinderte Mitarbeiter bekannt.
Das ist erstaunlich, oder?
Nicht für uns. Wir machen so viel, wir machen Landschaftsbau, unsere behinderten Mitarbeiter sind überall. Wir haben eine Tischlerei, eine Schlosserei und eine große Wäscherei, wo die Bevölkerung hinkommt. Wir haben ein Floristikgeschäft, in dem zwölf behinderte Menschen arbeiten und wo viele Staßfurter einkaufen. Allerdings kann ich mir auch vorstellen, dass es an vielen Orten in der Bundesrepublik völlig anders wäre.
Was waren die größten Hürden bei der Übernahme?
Die größte Hürde war die zukünftige Finanzierung des Tierparks. Man kann einen Zoo nicht allein mit Eintrittsgeldern finanzieren. Das ist wie bei jeder öffentlichen Einrichtung, einem Schwimmbad oder einer Stadthalle. Wir mussten also mit der Stadt über einen Dauerzuschuss verhandeln.
Die Finanzierung setzt sich aus verschiedenen Punkten zusammen. Der Tiergarten ist Bestandteil der Werkstatt und bekommt deren Kostensatz. Da-raus werden die Gruppenleiter bezahlt, bestimmte Gebäudeabschreibungen, Instandhaltungen und so weiter. Die Tierpfleger bezahlen wir aus den Eintrittsgeldern und aus dem Zuschuss der Stadt.
Für welche Leistungen zahlt die Agentur für Arbeit?
Für unseren Berufsbildungsbereich. Für die normale Leistung einer Werkstatt.
Wer trägt die Kosten für die Tiere?
Der Unterhalt für die Tiere kommt zum Teil ebenfalls aus Eintrittsgeldern. Inzwischen haben wir außerdem für fast 70 Prozent der Tiere Patenschaften. Das heißt, Privatpersonen, Betriebe, Institutionen oder Sportgruppen suchen sich ein Tier aus und bezahlen für ein Jahr dessen Futter.
Der Lebenshilfe-Zoo ist ein charmantes Projekt, ein Ort, an dem man sich wohl fühlt. Wie stehen Sie selbst zu der Aufgabe?
Ich betrachte das relativ nüchtern als Geschäft.
Die Gäste müssen zufrieden sein, genauso wie die behinderten Mitarbeiter. Aber trotzdem ist es ein Geschäft. Es ist eine Außenstelle der Werkstatt, letztendlich eine Betriebsstätte mit der Aufgabe, Löhne zu erwirtschaften. Auch bei einer Drehbank muss ich den Strom bezahlen, die Abschreibungen, das Öl. All das ist im Preis kalkuliert.
So ist das auch mit einem Tier und allem, was es zu seiner Versorgung braucht. Betriebswirtschaftlich betrachtet ist es ein Arbeitsmittel.
Welche Anliegen verbinden Sie mit dem Zoo?
Als erstes die Arbeitsplätze für behinderte Menschen. Das zweite ist natürlich, wir machen damit für uns als Lebenshilfe Werbung.
Wir haben den Tiergarten attraktiver gemacht, einen Teil neu gestaltet, zum Beispiel verschlungene Wege angelegt. Für unsere Exoten haben wir ein Wärmehaus gebaut, so dass Gäste auch im Winter in den Zoo kommen. Die Rechnung geht auf, wir hatten im November sonst vielleicht 50 bis 60 Gäste und jetzt über 1000. Gegenüber dem Vorjahr hat sich seit der Modernisierung die Besucherzahl verdoppelt. Tatsächlich, jetzt sind es 50000 Besucher bei rund 20000 Einwohnern. Auch die Einnahmen aus Eintrittsgeldern haben sich fast verdoppelt. Zwar ist der Eintritt mit nur einem Euro sehr günstig, dadurch aber kommen auch mehr Menschen.
Welche Rolle spielt das Café?
Das Café zieht Besucher an, erwirtschaftet Erträge und ermöglicht Begegnungen mit den neun behinderten Mitarbeitern. Es wird durchweg gut angenommen, nicht nur von den Zoobesuchern. Am Wochenende muss man sogar einen Tisch reservieren. Auch der Kiosk wird gern genutzt. Dafür war es gut, dass wir einen großen Parkplatz angelegt haben. Gibt es weitere Zutaten für das Erfolgsrezept des Ganzen?
Die Mitarbeiter, die wir übernommen haben, sind Tierpfleger mit Haut und Haaren. Immer wieder zeigt sich, wie engagiert sie bei der Sache sind. Zum Beispiel hat eine Kollegin ein Kängurubaby im Rucksack großgezogen.
Ausschlaggebend ist die Liebe zu den Tieren und zum Beruf – bei den behinderten wie den nicht behinderten Mitarbeitern.


Quelle: Lebenshilfe
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  #2  
Alt 31.05.2006, 17:51
Benutzerbild von evma
evma evma ist offline
Teammitglied - Entscheidungsträger
 
Registriert seit: 01.08.2005
Ort: ostsee
Beiträge: 24.215
Standard

eine tolle sache.finde ich gut
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  #3  
Alt 31.05.2006, 17:56
Nancy
 
Beiträge: n/a
Standard

Finde die Idee auch genial, sollte es in jeder größeren Stadt geben.


LG
Nancy
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